Transition in einer Frauenfreundschaft: „Männer können es besser machen“
Was macht Frauenfreundschaften aus? Und ist das übertragbar, wenn eine Freundin in Transition geht? Christina Wolf und Henri Jakobs berichten.
Aus Bekannten werden Freundinnen, aus Freundinnen beste Freundinnen, aus Vertrautheit tiefe Verbundenheit. Dann wird aus Frau Mann. Was verändert sich in einer Freundinnenschaft mit feministischem Konsens, wenn ein Teil in Transition geht? Fragt man Christina Wolf und Henri Maximilian Jakobs: wenig. „Ich erkenne jetzt keinen Unterschied mehr zu unserer Freundschaft von vor zwölf Jahren“, sagt Wolf. Sie lacht: „Wir sind noch dieselben – nur älter.“
Männer bauen Autokratien auf, Männer bilden Manosphären, Männer üben Gewalt gegen Frauen aus. Aber: Männer leisten auch mehr Care-Arbeit als früher, Männer supporten Frauen, Männer gehen sogar in Therapie (manchmal). Alte Männlichkeitsbilder geraten ins Wanken, zugleich klammern sich manche Männer um so mehr ans Patriarchat und verklären die Vergangenheit. Ein Schwerpunkt über Manfluencer und Maskulinismus, Körperlichkeit und Vater-Sohn-Beziehungen, männliches Altern und diverse Männeridentitäten. Alle Texte der Ausgabe erscheinen unter taz.de/männertaz
Doch der Weg dahin war nicht unanstrengend. Die Zeit rund um Jakobs Geschlechtsangleichung haben die Freund*innen dokumentiert. Im Podcast „Transformer“ des Bayrischen Rundfunks (BR) begleitet Wolf ihren besten Freund über sieben Episoden hinweg bei der Transition. Das Gespräch führen sie nun im Buch „All die brennenden Fragen“ fort.
Alles beginnt 2009: Christina Wolf und der Musiker, Schauspieler und Autor Henri Jakobs lernen sich in München kennen, als Jakobs mit seiner Band beim BR auftritt, wo Wolf Moderatorin ist. Schnell entsteht eine enge Freundschaft. Rund sechs Jahre später offenbart Jakobs seiner inzwischen besten Freundin: Er fühlt sich als Mann und möchte seinen Körper entsprechend angleichen.
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„Ich habe mir damals viele Gedanken gemacht, wie ich es Leuten erklären soll und wie sie darauf reagieren werden“, erzählt Jakobs heute. Er trägt Schnäuzer und Brille, seine Arme sind volltätowiert. „Was ist, wenn die Person damit nicht umgehen kann oder will?“ Wolf konnte und wollte. Als Jakobs, in der Zwischenzeit von München nach Berlin gezogen, ihr auf Facebook schrieb: „Was wäre, wenn ich trans werden würde?“ habe sie geantwortet: „Ja, dann wäre es halt so.“ Und: „Ich muss mir jetzt dringend etwas zu essen machen.“
Will ich einen Mann so nah an mir dran haben?
Heute lachen die Freund*innen über ihre Unaufgeregtheit. Den Moment selbst habe sie nicht als besonders einschneidend erlebt, sagt Wolf. Erst im Nachhinein seien Zweifel aufgekommen: „Hätte ich eher merken müssen, dass Henri ein Mann ist? Ist das Konzept Beste Freundinnen über Geschlechter hinweg übertragbar? Will ich einen Mann so nah an mir dran haben? Werde ich in fünf Jahren noch so selbstverständlich über meine Periode sprechen können oder wird das komisch?“ Heute weiß die 34-Jährige: „Es waren lauter Quatschfragen, die ich mir gestellt habe.“
Damals habe sie jedoch große Sorge gehabt, eine gemeinsame Ebene zu verlieren: „Dieses Selbstverständnis, das man durch Erfahrungen als weiblich gelesene Person teilt: Gewalterfahrungen, Diskriminierungen, ein Unsicherheitsgefühl, Solidarität untereinander.“ Hinzu kam: Sie habe Jakobs Freude über seine Männlichkeit nicht teilen können. Während sie Männlichkeit weiterhin als etwas latent Bedrohliches empfunden habe, sei er ihr sehr positiv und unvoreingenommen gegenübergetreten.
Jakobs wirft ein: „Ich fand nicht das Konzept Männlichkeit per se toll. Was ich toll fand, war, dass ich mich nicht mehr ablehnen und alles an meinem Körper verachten musste.“ Heute würde er damit jedoch anders umgehen. Sein Blick auf Männlichkeit sei deutlich kritischer als noch vor zehn Jahren, so der Transmann. „Aber man wird da hineingeworfen und muss in so kurzer Zeit eine Sozialisation nachholen für die andere Männer ihr Leben lang Zeit hatten.“
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Zu Beginn bleibt vieles zwischen den Freund*innen unausgesprochen. Wolf habe in der Transitionszeit besonders sensibel sein wollen. „Ich wollte Henri nicht an die Zeit erinnern, in der er als Frau gelebt hat“, erzählt sie. Andere in Jakobs Umfeld waren nicht so einfühlsam: In der Transitionszeit, die er heute als „sehr anstrengend und fragil“ beschreibt, habe er schmerzhafte Reaktionen aushalten müssen, mit denen er nicht gerechnet hatte, berichtet er. Nur wenige Wochen vor seiner Operation trennte sich etwa seine langjährige Partnerin. Während sich vieles in Jakobs Leben verschiebt, bleibt eine Konstante: Die Freundschaft zu Christina Wolf.
„Cis-Männer denken, dass alles, was eine Frau sagt, ein Angriff auf sie ist“
In ihrer Beziehung habe sich wenig verändert, sind sich die Freund*innen einig. Wolf glaubt, weil ihr Freund nicht den „standard cis-Typen-Blick“ habe. Jakobs stimmt zu: „Ich würde dir deine Erfahrungen und deine Wahrnehmung nie absprechen, cis-hetero-Typen schon. Sie denken, dass alles, was eine Frau sagt, ein Angriff auf sie ist.“
Nur in der Außenwahrnehmung habe es Veränderungen gegeben, gegen die sich Wolf und Jakobs nicht hätten wehren können. Sie seien ständig als Paar gelesen oder gefragt worden, ob sie etwas miteinander haben. Wenn sie etwa einen Mietwagen abholten, sei der Schlüssel selbstverständlich ihm in die Hand gedrückt worden. In die Freundschaft habe Jakobs diese patriarchalen Muster und Verhaltensweisen nie hineingetragen, darauf habe er immer besonderen Wert gelegt.
„Meine nicht-patriarchalen Verhaltensweisen sorgen bei vielen Heterofrauen für Irritation“, erzählt er. „Frauen haben internalisiert, dass ein Mann sich nicht so verhält“ – wohl auch in freundschaftlichen Beziehungen. Für Wolf ist Jakobs einer der wenigen Männer, denen sie „blind vertraut“. Bei ihren anderen Freundschaften mit Männern traue sie der ausschließlich platonischen Freundschaft nie ganz. „In unserer Beziehung spielt es auf eine andere Art eine Rolle, dass ich eine Frau bin“, sagt sie. „Auf eine Art, mit der ich mich wohlfühle.“
Wie können Männer solche Beziehungen führen, auch ohne Transition? Jakobs lacht: „Therapie schadet nie.“ Jungen und Männer müsse beigebracht werden Gefühle zu benennen und zu besprechen, Männer müssten aufhören Frauen ihre Erfahrungen abzusprechen, lernen Verantwortung zu übernehmen, zu kommunizieren und Frauen nicht als Mutter- oder Therapieersatz zu sehen. Es müsse sich „richtig viel ändern“, sind sich die Freund*innen einig. „Und es darf nicht von den Frauen aus kommen!“, betont Jakobs.
Ihre Freundschaft sei der Beweis dafür, dass andersgeschlechtliche Freundschaften auf Augenhöhe funktionieren, meint Wolf – und nicht nur, weil Jakobs ein Transmann ist. „Es ist eine Entscheidung, Frauen schlecht zu behandeln“, sagt dieser. „Und Männer können es besser machen.“
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