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Männer und FußballGegen Hinter Mailand und Fellazio Rom darf man verlieren

Als Amateurkicker musste unser Autor in seiner Karriere viele Niederlagen verkraften. Aber wenn man nichts erwartet, kann man sich am Ende nur freuen. Sogar über Eigentore.

Unser Autor bei einem 0:6 des taz Panter FC gegen „Grüne Tulpe“ im Jahr 2021 Foto: Isabel Lott

Als ich meine Torwartkarriere mit einem sehenswerten Fallrückzieher ins eigene Netz begann, war mein langer Weg zum Kasten des taz Panter FC vorgezeichnet. Mit Fußball würde ich meinen Lebensunterhalt wohl nicht bestreiten können, so viel war schon in der F-Jugend klar.

Da ich trotzdem unbedingt weiterspielen wollte, lernte ich mit Rückschlägen wie dem Ausrutscher beim ersten Gegentor umzugehen und die Realität hinzunehmen – also viele Niederlagen zu verschmerzen.

Weil alle Jungs, die ich für cool hielt, Fußball spielten, versuchte ich so lange mitzuhalten, wie es ging. Das gelang erstaunlich lange, weil immer alle stürmen wollten und niemand ins Tor gehen wollte. Ganz so lustig, wie es im Rückblick klingt, war es aber nicht. Wer auf dem Platz total versagte, wurde aussortiert.

Auf dem Schulhof waren die Klassenspiele zwischen meiner 5c und der 5a Ehrensache. Also für die Jungs. Und sie wurden mit den Jahren immer härter. Was auch daran lag, dass wir auf einem Betonplatz spielen mussten und eine Devise gelernt hatten, die heute in jeder Hinsicht falsch ist: „Indianer kennen keinen Schmerz.“

Kaum noch vorstellbar ist auch unser damaliger Sportlehrer, ein Kriegsveteran, der mit Trillerpfeife am Spielfeldrand stand und den männlichen Mittelstüflern bei schlechten Leistungen zurief: „Ihr seid ja langsamer als die Weiber in der 5. Klasse!“

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Wie können wir Männlichkeit in ihrer Vielfalt darstellen und unterschiedliche Perspektiven zeigen? 14 Antworten von Fo­to­gra­f:in­nen der taz finden Sie hier in der Bildergalerie zur männertaz.

Ein derart toxischer Kasernenhofton war auch in den Achtzigern nicht mehr normal. Er fiel auf, wurde aber hingenommen. Der ist halt so, hieß es dann. So wie viele Trainer, Väter und andere Zuschauer, die bei den Spielen die Schiedsrichter, Gegner oder auch das eigene Team beleidigten und lautstark die Einwechslung der eigenen Söhne verlangten. Dass auch Mädchen Fußball spielen könnten, kam niemandem in den Sinn.

Auch ich hatte Frauenfußball lange nicht auf dem Schirm, da er so gut wie nie im Fernsehen lief und ich kein einziges kickendes Mädchen kannte. Mädchenteams gab es nicht, sie hätten bei den Jungs mitspielen müssen. Wahrscheinlich aber wurden die meisten, die überlegten, mit Fußball anzufangen, von dem aggressiven Konkurrenzdruck abgeschreckt, der in vielen Vereinen herrschte.

Ich hatte es da deutlich leichter. Ich spielte bei einem unterklassigen, eher entspannten Verein, und meine friedlichen Eltern erwarteten eher weniger als noch mehr Fußball von mir. Für höhere Ambitionen war ich zu schlecht, zu faul und zu harmoniebedürftig.

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Also entschied ich mich recht früh, statt großer Siege lieber großen Spaß anzustreben. Zusammen mit anderen weniger Leistungsorientierten gründete ich die Blau-Weiß Schnaps Germania und spielte in einer Freizeitliga gegen Teams wie den 2. FCN, Hinter Mailand und Fellazio Rom.

Ja, wie diese Namen schon erahnen lassen: Auch hier spielten nur Männer – aber immerhin mit einem ironischen Zugang, soweit uns das eben möglich war. Er befreite uns vom Erfolgsdruck und schützte uns vor Versagensängsten.

Ganz aussteigen kam für mich nie infrage. Dafür ist das Gemeinschaftsgefühl beim Fußball viel zu schön. Und die Chancengleichheit für alle, egal aus welcher Schule oder welcher Herkunft.

Dass inzwischen immer mehr Mädchen kicken, freut mich bei jedem Spiel meiner Tochter. Am schönsten ist es, als Spieler und als Fan, wenn man zusammen nichts erwartet, jedes Pünktchen bejubelt und über Niederlagen lacht. Auch über Eigentore. Es muss ja nicht gleich ein Fallrückzieher sein.

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