Afroamerikaner und neue Afrikabilder: Livestreams gegen Stereotype
Mit humorvollen Clips zeigt der amerikanische Streamer IShowSpeed Afrika jenseits westlicher Klischees – und bringt Millionen junger Fans zum Umdenken.
IShowSpeed, einer der bekanntesten Content-Creator und Streamer der Welt, startete vor etwa einem Monat eine Reise durch afrikanische Länder. Die bisher 28-tägige Tour, die durch insgesamt 20 Länder, darunter Angola, Kenia und Mosambik führte, war zunächst deutlich auf Fußball ausgerichtet. IShowSpeed startete während des Afrika-Cups (Afcon) dessen dramatisches Finale er am 18. Januar in Marokko live streamte und die Fans als Maskottchen überraschte. Zuletzt streamte er am 21. Januar seinen 21. Geburtstag aus Nigeria.
Die Auftritte des US-Amerikaners Darren Watkins Jr., der von seinen Fans „Speed“ genannt wird, leben vom Spektakel und von Insider-Gags: Saltos, improvisierte Kämpfe, Wettrennen, ein imitiertes Hundebellen oder die Ronaldo-vs.-Messi-Thematik prägen seine drei- bis elfstündigen Lifestreams. So auch bei „Speed Does Africa“. Doch diesmal hat seine Reise auch eine überraschend politische Dimension. In den sozialen Netzwerken heißt es, seine Bilder ließen westliche Propagandanarrative über Afrika bröckeln und gleichzeitig seine junge Fanbase – gewollt oder ungewollt – über koloniale Ausbeutung aufklären.
In Äthiopien erfährt Speed etwa, dass Kaffee hier seinen Ursprung in hat. In Südafrika tritt Speed mit lokalen Größen beim Car Spinning auf, einer Motorsportform, die ihren Ursprung im südafrikanischen Soweto hat, was vielen nicht bewusst war.
Bei einem Besuch im Headquartier eines Diamentenhändlers in Botswana will „Speed“ Rohdiamanten kaufen, als er erfährt, dass im diamantenreichsten Land nur zwei Kunden Rohdiamanten kaufen dürfen – einer davon sei der britische multinationale Konzern De Beers. Bei seinem Besuch in Ägypten streamt er als Erster live aus dem Inneren einer Pyramide.
Homecoming für Schwarze US-Amerikaner:innen
Seine Streams zeigen: Er wird mit viel Elan, Humor und gegenseitigem Respekt empfangen, die Einwohner:innen zeigen ihm oft ihre Traditionen. „Ich habe mich noch nirgendwo in Afrika fehl am Platz gefühlt. Überall, wo ich hingehe, ist die Liebe echt“, sagt er in einem Livestream, während er im Auto durch Simbabwe fährt. In Kenia bricht er während eines Helikopterflugs in Tränen aus, weil er live sieht, dass seine Abozahlen bei Youtube auf fast 50 Millionen gestiegen sind.
Viele sehen seine Afrika-Tour als eine Art „Homecoming“ für ihn als Afroamerikaner, der vermutlich seine Wurzeln in Westafrika habe. In Senegal wird er von seinem Tourguide mit „Willkommen zurück zu Hause, das ist dein erster Schritt“ begrüßt. Besonders empowernd ist es für afroamerikanische Fans, zu sehen, wie selbstverständlich er mit den lokalen Communitys vibt und dass etwa seine Hautfarbe dabei gar keine Rolle spielt. Viele Afroamerikaner:innen beschreiben ein neues Gefühl der Verbundenheit zu ihren afrikanischen Wurzeln und dem Kontinent.
Dabei wird auch der Vergleich zu seiner Europa-Tour herangezogen, wo er auch für Massenaufläufe von seinen Fans sorgte, aber auch teils rassistische Erfahrungen machen musste, als er mit dem N‑Wort beleidigt, mit Bananen beworfen oder mit Gorillakostümen verspottet wurde. Der Wahrnehmung vieler Beobachter:innen erscheint dadurch eine Umkehrung klassischer westlicher Stereotype: Die afrikanischen Fans werden als „zivilisierter“ im Gegensatz zu den „aggressiven“ europäischen wahrgenommen.
Doch auch in Algerien gab es Aggressionen gegen den Streamer, er wurde in einem Fußballstadion von Ultras mit Wasserflaschen beworfen. Das Benehmen der Ultras beschämte viele Algerier:innen danach, sie entschuldigten sich mit der Begründung, es sei nicht wegen des Streamers gewesen, sondern wegen der Kameras. Ultras mögen es nicht, gefilmt zu werden.
Erlernte Stereotype über afrikanische Länder
Viele seiner Zuschauer:innen aus Amerika sind erstaunt darüber, dass es in „Afrika“ WLAN, Autos und moderne Infrastruktur gibt, und verspüren plötzlich die Lust, die Länder zu besuchen oder gar Amerika zu verlassen. Einige Zuschauer:innen erzählen, teils unter Tränen, wie sie auf die westliche Propaganda über Afrika hereingefallen seien: „Sie haben uns glauben lassen, dass Afrika ein sehr armes Land ist, ein Ort, an dem man nicht gern sein will. Speed verändert gerade meine Sicht auf das Leben“, sagt ein Streamer. Ein anderer ist überrascht: „Ich dachte, er würde dort Obdachlose füttern, aber sie leben dort besser als wird.“
Es ist erschreckend, dass so viele Zuschauer:innen scheinbar erst durch „Speed“ über reale Verhältnisse in afrikanischen Ländern aufgeklärt werden. Viele scheinen ein sehr stereotypisches Bild über den Kontinent zu haben – nämlich, dass alle Menschen dort in Hütten und Lehmhäusern leben würden – und das alles im Zeitalter von sozialen Medien.
Aus Deutschland gibt es bislang kaum Reaktionen auf IShowSpeeds Afrika-Streams. Es spricht allerdings wenig dafür, dass hierzulande ein wesentlich differenzierteres Afrikabild vorherrschen würde. In Deutschland dominieren weiterhin negativ konnotierte Afrikabilder, während die soziopolitische und kulturelle Vielschichtigkeit des Kontinents medial kaum abgebildet wird. Hinzu kommt, dass die deutsche Kolonialzeit im Schulunterricht nach wie vor am Rande behandelt wird – von einer systematischen Aufarbeitung des kolonialen Erbes ganz zu schweigen.
Es gibt auch Reaktionen von anderen Content Creators aus den afrikanischen Ländern, die Speed bereist, die sich über die Reaktionen seiner amerikanischen Fans lustig machen. Kritiker:innen sind der Meinung, dass die Reaktionen der amerikanischen Fans keine Erkenntnis, sondern schiere Ignoranz seien, die zeigen, dass Afrikapropaganda vorher ohne Hinterfragen angenommen wurde. Sie sind entsetzt, dass es dafür erst einen amerikanischen Streamer braucht, um diese Propaganda aufzubrechen.
Wie realistisch ist die Darstellung des Streamers?
Gleichzeitig heißt es, dass die positiven Reaktionen, die er dort erfährt, mitunter auch seiner Berühmtheit geschuldet seien und nicht alle Afroamerikaner:innen davon ausgehen sollten, dort solch einen Empfang zu bekommen. Andere zweifelten an, ob die Szenen den Alltag tatsächlich repräsentieren würden, und sehen darin eher den Versuch, stereotype Bilder zu umgehen, indem überwiegend entwickelte Städte gezeigt werden und Speed mit berühmten Persönlichkeiten abhängt.
Zumindest kann man ihm aber zugute heißen, dass er seinen Fans, die überwiegend der GenZ und Gen Alpha angehören, die Augen für lebhafte und reichhaltige Afrikabilder öffnet. Aber Afrika braucht die Validierung des Westens nicht, wie der senegalesische Schriftsteller und Regisseur Ousmane Sembène einst auf eine Frage eines Journalisten antwortete: „Meine Zukunft hängt nicht von Europa ab. Ich möchte, dass sie mich verstehen, aber das macht keinen Unterschied. Nehmen Sie die Karte von Afrika, legen Sie Europa und Amerika darüber, und es ist immer noch Platz übrig. Warum sollte ich eine Sonnenblume sein und mich der Sonne zuwenden? Ich selbst bin die Sonne!“
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