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Linke über VonoviaDem Kopf der Mietmafia an den Kragen

Marco Fründt
Kolumne
von Marco Fründt

Die Linke hat unter dem Motto „Schluss mit der Abzocke“ mit Vonovia-Mieter:innen gesprochen. Am Ende steht echte Hilfe statt reinem Wahlkampf.

Vonovia zockt Mieter ab. Dagegen regt sich Widerstand Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa

D er Saal des Theaters an der Parkaue ist voll. Rund 100 Menschen sind zur Mie­te­r:in­nen­ver­samm­lung in Lichtenberg gekommen, die die Linkspartei in mehreren Berliner Stadtteilen organisiert. „Wer ist Mieter bei Vonovia?“, fragt Bundesvorsitzende Ines Schwerdtner ins Publikum. Fast alle heben die Hand. „Und wer hat sich schon einmal über die geärgert?“ Lachen erfüllt den Raum.

Zumindest alle hier anwesenden Vonovia-Mieter:innen haben schon einmal Probleme gehabt. Der Wohnungskonzern ist der größte Europas. Alleine in Berlin besitzt Vonovia 140.000 Wohnungen. An seine Ak­tio­nä­r:in­nen hat er im vergangenen Jahr etwa eine Milliarde Euro an Dividende ausgeschüttet. Geld, das von den Mie­te­r:in­nen stammt.

Vonovia ist aber nicht einfach nur ein finanziell erfolgreiches Unternehmen. „Der Konzern fällt immer wieder durch Abzocke auf“, sagt Elif Eralp, Mitglied im Berliner Abgeordnetenhaus und Spitzenkandidatin der Partei. Etwa mit Heizkostentricks oder illegalen Mieterhöhungen.

Vonovia ist mein Lieblingsgegner, gegen die gewinnt man fast immer

Birgit Stenzel, Rechtsanwältin

Etwa ein Viertel der Anwesenden sind aus Lichtenberg, der Rest aus anderen Bezirken – geklärt natürlich basisdemokratisch per Handzeichen. Zum Aufschlag laden die Po­li­ti­ke­r:in­nen aber erst mal zur „Murmelrunde“ – zum Austausch mit den Sitznachbar:innen. Gemurmelt wird fleißig, der Redebedarf ist hoch.

Vonovia als schlechtes Vorbild

Dass die Probleme für Mie­te­r:in­nen keine Einzelfälle sind, ist offensichtlich. Es sei sogar Strategie von Vonovia, sagt Niklas Schenker, mietenpolitischer Sprecher der Fraktion. „Wir sind hier, um zu verstehen, welche das ist und was wir dagegen tun können.“ Vonovia sei nämlich nicht nur „einer der dreistesten Vermieter der Stadt“, sondern auch Vorbild für andere. Vieles, was der Konzern tut, werde von anderen Unternehmen kopiert. „Vonovia ist der Kopf der Mietmafia“, so Schenker. Dass die Linke das so sagen darf, hat das Landgericht im Januar bestätigt.

Letzten Winter sei seine Heizung monatelang ausgefallen, erzählt Martin in das ihm gereichte Mikrofon. Auch sein Anwalt ist dabei. „Wenn man sich wehrt, kann man auch gegen die Vonovia einiges rausholen“, sagt er. Die Linke unterstützt Mie­te­r:in­nen bundesweit bei Widersprüchen gegen Mieterhöhungen oder unrechtmäßigen Forderungen. Das ist Wahlkampf, aber es zeigt auch Wirkung: „Gerade vor zwei Monaten haben wir wieder gegen Vonovia gewonnen“, berichtet Spitzenkandidatin Eralp.

Sich zu wehren, lohnt sich, sagt auch Birgit Stenzel, ebenfalls Parteimitglied. Die Rechtsanwältin ist Beraterin beim Berliner Mieterverein im Bezirk. Im Winter habe sie so viele Heizungsausfälle erlebt wie noch nie. „Vonovia ist mein Lieblingsgegner, gegen die gewinnt man fast immer.“ Deshalb müssten Mie­te­r:in­nen sich zusammenschließen. Nicht alle aus dem Publikum können ihre Geschichte ins Mikro sprechen. Damit niemand ungehört bleibt, werden die Anwesenden auf die Bühne gebeten. Drei Stehtische inklusive An­sprech­part­ne­r:in­nen der Partei stehen dort bereit.

Auch Mieterin Ines ist schon wegen der Nebenkostenabrechnung erfolgreich gegen den Konzern vorgegangen, sagt sie der taz. „Aber es gibt noch mehr Probleme, dafür brauche ich die anderen Mieter.“ Sie habe nicht das Geld für weitere Prozesse. Eine Rentnerin erzählt von jahrelangem Briefwechsel mit Vonovia, den sie nur wegen ihrer Nach­ba­r:in­nen durchgehalten habe: „Schließt euch zusammen, man ist nicht mehr so alleine und hat keine Angst mehr vor den Briefen“, empfiehlt sie.

Nach dem Austausch ist klar, viele Überraschungen hat es nicht gegeben: Tricksereien, falsch abgelesenen Zähler, dubiose Nachzahlungsforderungen. „Was wir in anderen Vonovia-Siedlungen antreffen, hat sich auch in Lichtenberg gezeigt“, sagt Elif Eralp, um deren Rolle bei den Wahlen im September es nur gekonnt beiläufig geht. Wenn alles klappt mit der Wegner-Nachfolge, sagt sie der taz, ist es die Mietenfrage, an der sie sich messen lassen will.

Nach der Veranstaltung bleibt ein großer Teil des Publikums noch vorm Theater in Gespräche vertieft. Mit ihrer Wahlkampfveranstaltung hat die Linke an diesem Abend auf jeden Fall eines erreicht: Mie­te­r:in­nen zusammenzubringen. Und gegen die Mietkonzerne ist nichts wirkungsvoller.

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Marco Fründt
Seit November 2024 Volontär der taz Panter Stiftung. Studierte Politik- und Erziehungswissenschaften in Bielefeld und Thessaloniki sowie Neogräzistik in Berlin. Derzeit im Berlin-Ressort. Schwerpunkte: Erinnerungspolitik, Inklusion und der griechischsprachige Raum.
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