Librettistin über ihre Oper Kassandra: „Die Cis-Männer in diesem Mythos interessieren uns nicht“
Eine Oper deutet in Hamburg den Kassandra-Stoff. Darin werden die Prophetin und die Idealfrau Helene ein Liebespaar. Die Librettistin Paula Rüdiger über ihr Werk.
taz: Paula Oscar, für Ihr Abschluss-Projekt im Fach Musiktheaterregie haben Sie das Libretto für die Oper „Kassandras Zorn“ geschrieben. Warum erzählen Sie die antike Mythologie um den Trojanischen Krieg neu?
Paula Oscar Rüdiger: Ich habe mich mit der Komponistin Connie Converse und deren Liederzyklus „Cassandra Cycle“ auseinandergesetzt. Man spürt nicht nur, dass es Parallelen zu ihrer eigenen Biografie gibt, sondern kriegt eine andere Sicht auf Kassandra, die ich total schlüssig finde. In einem feministischen Framing zeigt Connie Converse sie als eine Frau der Logik, die zugleich wahnsinnig wissend und spirituell ist.
Jahrgang 1998, Regie und Libretto, mit Deutschlandstipendium gefördertes Musiktheater-Studium in Hamburg, hatte fürs Abi in Bremen 2016 den Preis des Deutschen Altphilologenverbands für hervorragende Leistungen im Bereich der antiken Kultur erhalten.
taz: Wie haben Sie diese Idee weiterentwickelt?
Rüdiger: Als ich mich wirklich mit diesem Mythos beschäftigt habe, habe ich realisiert: Die Menschen sind total fremdbestimmt – die Männer von den Göttern, die Frauen von den Männern. Obwohl um sie herum viel Schlimmes passiert, scheinen sie nichts dagegen tun zu können. Diese Erkenntnis war für mich erhellend, weil ich sehr viel über den Zustand der Welt und meine eigene Lage grübele. Wenn ich das Gefühl habe, nichts tun zu können, fühle ich mich so gelähmt. Insofern hat mich die Frage interessiert: Wie verhält man sich in einer Situation, in der man eigentlich machtlos ist?
taz: Was bedeutet das für Kassandras Entwicklung in Ihrer Oper?
Rüdiger: Im Mythos wird Kassandra von Apollon verflucht, das macht sie handlungsunfähig. Ich habe überlegt: Was wäre, wenn sie selber den Fluch aussprechen würde? Wenn sie sagen würde: Ihr habt es gar nicht verdient, meine Prophezeiung zu eurem Besten nutzen zu können? Damit war eine Figur geboren, die eigenmächtig handeln kann …
taz: … und mehr Interpretationsspielraum bietet?
Rüdiger: Absolut. Man kann es gerechtfertigt finden, dass Kassandra Rache nimmt, weil sie scheiße behandelt wird, oder eben nicht. Alles dreht sich um ihre Emotionen und Ziele.
taz: Warum verliebt sich Kassandra bei Ihnen in Helene?
Rüdiger: Weil sich die beiden im Grunde recht ähnlich sind. Sie sind Außenseiterinnen, sie tragen Verantwortung und Schuld. Helene gilt als schönste Frau der Welt, das degradiert sie zu einem Objekt. Mich hat interessiert: Was sind ihre eigenen Wünsche? Wen liebt sie? Darum werden sie und Kassandra ein Paar.
Kassandras Zorn, Hochschule für Musik und Theater, Hamburg, Forum, am 22. und 23. 1., 19 Uhr sowie am 24.1., 18 Uhr
taz: Welche Rolle spielen Männer in Ihrer Inszenierung?
Rüdiger: „Kassandras Zorn“ ist eine reine FLINTA*-Oper. Mit Hektor gibt es zwar einen Mann, aber er ist eine trans* Person. Auch Andromache ist eine trans* Figur. Die Cis-Männer in diesem Mythos interessieren uns überhaupt nicht.
taz: Weshalb bringen Sie gerade jetzt eine queere Oper auf die Bühne? Wollen Sie dem erstarkten Rechtspopulismus trotzen?
Rüdiger: Auf jeden Fall. Genauso wollte ich gucken: Wie geht es uns trans* Personen in der Opern- und Theaterwelt eigentlich? Es steht außer Frage, dass queere Kultur innovativ ist. Mir war es immens wichtig zu zeigen: Trans* Figuren und deren Darsteller:innen gehören in die Oper – obwohl es trans* Personen gerade als Sänger:innen schwer haben, Fuß zu fassen.
taz: Gleichwohl kennt man in der Opernhistorie durchaus Gender Swap, etwa die Kastraten oder Hosenrollen.
Rüdiger: Gewiss haben Theater und Oper eine lange Geschichte des Crossdressing. Wenn in griechischen Tragödien nur Männer auftraten, war das kein Problem. Weil Frauen eben seinerzeit nicht auf die Bühne gehörten. Die Hosenrollen sind erst dadurch entstanden, dass es keine Kastraten mehr gab. So wird ja Hänsel in Humperndincks Oper „Hänsel und Gretel“ traditionell von einer Frau gesungen. Gerade deshalb verstehe ich nicht, warum es ein Problem sein sollte, wenn eine Figur in einer Aufführung plötzlich ein anderes Geschlecht hat, als das ihr im Text zugedachte.
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