Lesbenwohnprojekt in Berlin: Die ersten Mieterinnen ziehen noch im Juni ein
Das Lesbenwohnprojekt in Mitte wird fertig. Nach Restarbeiten im Erdgeschoss wird im August Eröffnung gefeiert. Ein Crowdfunding soll Spenden bringen.
Das Haus sieht von außen fertig aus, rundherum aber stehen noch die Bauzäune, das Erdreich liegt offen da, später sollen hier Terrassenplatten liegen. Nur über einen leeren Farbeimer, der umgestülpt als Tritthilfe dient und den Höhenunterschied ausgleicht, geht es hinein ins Erdgeschoss. „Hier wird noch kräftig gewerkelt“, sagt Jutta Brambach, Geschäftsführerin der lesbischen gemeinnützigen GmbH Rad und Tat (RuT-Wohnen) und Projektleiterin dieses bundesweit einzigartigen Projektes.
In etwa zwei Jahren Bauzeit ist das queere Lesbenwohnprojekt in der Berolinastraße in Mitte entstanden, dort, wo es früher einen Parkplatz gab, gleich hinter dem Kino International. Das Haus mit seiner bewusst schlichten Kastenbauweise auf sieben Stockwerken und dem hellgrauen Anstrich passt sich gut ein in die hier vorherrschende Architektur in zweiter Reihe entlang der Karl-Marx-Allee.
Es gibt insgesamt 74 Mietwohnungen, die „solidarisches, bezahlbares, gemeinschaftlichen Wohnen für Lesben und queere Menschen“ bieten. „Die Wohnungen sind bereits so gut wie bezugsfertig“, sagt Brambach, „es geht nur noch um den letzten Schliff, die Küchenzeilen fehlen zum Beispiel noch.“ Die meisten der Mieterinnen haben aber schon den Mietvertrag unterschrieben. „Noch im Juni werden die ersten in ihre Wohnungen einziehen.“ Und natürlich: „Die Nachfrage war bei Weitem größer.“
Es gibt Einraum-, Eineinhalb- und Zweizimmerwohnungen sowie fünf große für Regenbogenfamilien und auch fünf rollstuhlgerechte Wohnungen. Die Wohnungsbaugemeinschaft Mitte (WBM) hat das Haus in Kooperation mit RuT-Wohnen gebaut. Wer hier wohnt, entrichtet die Miete an die WBM; 70 Prozent sind geförderter Wohnraum.
Im Erdgeschoss wuseln Handwerker, es riecht nach Baustaub. „Hier kommt die Küche fürs Kiezcafé hinein“, sagt Brambach in einen großen, noch leeren Raum mit weißen Fliesenwänden weisend. RuT-Wohnen ist schon auf der Suche nach Gastronom:innen für eine langfristige, kreative Zusammenarbeit auf Pachtbasis. Das Café soll zum 1. August öffnen – „wenn alles glattläuft“, sagt Brambach, bisher laufe aber alles nach Plan.
Offen für die Nachbarschaft
Draußen vorm Café wird es später eine Grünfläche mit Hochbeeten und Bänken und einem Generationenspielplatz geben, der von Jung und Alt gleichermaßen genutzt werden kann – offen zugänglich für alle; Zäune wird es hier, wie im ganzen Karree, keine geben.
„Hier soll gemeinschaftliches Altwerden ebenso selbstverständlich sein wie nachbarschaftliche Begegnung und queere Kultur“, sagt Nadja Brendel, zuständig für Veranstaltungs- und Kulturmanagement. „Wir wollen das Miteinander und das Vernetzen fördern und dafür Begegnungsräume mit niedrigschwelligen Angeboten schaffen.“
Im queeren Soziokulturellen Zentrum, das ebenfalls im Erdgeschoss liegt, ist bereits mehr zu sehen, unter anderem ist eine große Leinwand installiert und funktioniert schon, ein Beamer wird dazu kommen, ebenso eine kleine Bühne sowie neueste Ton- und Lichttechnik. „Das wird ein variabler Veranstaltungsort für uns und alle, die Ideen haben und Räume suchen“, sagt Brendel, es gäbe da viele Möglichkeiten vom Chorproben über Tanzkurse bis hin zu privaten Festivitäten.
Im ersten Stock zieht Berlins erste lesbische Pflege-WG mit acht Zimmern ein, sie nimmt am 1. Juli die Arbeit auf. Der Ausbau der Pflege-WG wird anteilig von der Lotto-Stiftung und der GLS-Bank gefördert.
Crowdfunding gestartet
Die Baukosten des gesamten Erdgeschosses sind durch Fördermittel der Lotto-Stiftung gedeckt, sagt Nadja Brendel, doch damit der Betrieb „gut starten kann“, braucht es Unterstützung für die Ausstattung und für die ersten Monate des Betriebs. Dazu wurde ein Crowdfunding gestartet: Ziel sind 50.000 Euro. Schon jetzt ist so viel Geld zusammengekommen, dass es für eine Küchenzeile für die Pflege-WG reicht.
Doch es wird weit mehr gebraucht. Bislang fehlt Geld für die weitere Ausstattung, für einen großen Esstisch zum Beispiel oder ergonomische Stühle, für einen Staubsauger und andere nötige Dinge – also für alles, was nicht öffentlich gefördert wird, wie etwa Pflegebetten. Es geht aber auch um die Sicherung des Cafébetriebs und des Veranstaltungssaals in der Startphase.
Das Projekt hat eine lange Geschichte, auch mit Fehlschlägen. Doch 2019 war das Projekt in der Berolinastraße in trockenen Tüchern, es folgte die üblich lange Prüfung der Bauanträge. 2024 wurde Grundsteinlegung gefeiert und nun bald das Happy End: Am 28. August wird die Eröffnung feierlich begangen.
„Das hier ist eine gute Ecke“, sagt Brambach und zeigt aufs Kino International. Der Alexanderplatz und das Haus der Statistik ist um die Ecke, die U-Bahn-Station mit Lift nur wenige Schritte entfernt. „Der Kiez wird sich durch uns verändern“, ist sich Brambach sicher. Die Nachbarschaft wäre aufgeschlossen und würde sich freuen, das hier etwas Neues passiert. Wie zum Beweis fragt eine Passantin, ob es denn bald losgehen würde in dem neuen Haus.
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