Lesbenfeindliche Gewalt: Doppelt und dreifach unsichtbar

Berliner*innen berichten in einer Befragung von lesbenfeindlicher Gewalt und Übergriffen. Die wenigsten davon landen in der Statistik.

Zwei Frauen von hinten halten sich im Arm eingehüllt in einer Regenbogenflagge

Die Dunkelziffer lesbenfeindlicher Übergriffe ist wahrscheinlich sehr hoch Foto: Müller-Stauffenberg/imago

Queer sein ist das Coolste, wenn man im Pride Month zu Tausenden die Straße entlangtanzt und sich gegenseitig beim Existieren anfeuert. Weniger cool ist, wenn man später auf dem Heimweg blöd angemacht oder angegriffen wird. Wenn niemand mehr zuguckt. Ob Queers klarkommen, hat mit Sichtbarkeit zu tun. Im „liberalen“ Berlin oder sonst wo. Es passiert überall alles.

Der Justizsenat in Berlin hat diese Woche einen Bericht zu Gewalt und übergriffigem Verhalten gegen LGBT vorgelegt. Dafür wurden Statistiken von Polizei und Hilfestellen analysiert, aber auch Berliner*innen befragt. Die Studie legt einen Fokus auf lesbenfeindliche Gewalt, insbesondere wurden Angaben von Personen erhoben, die sich als weiblich, trans oder divers sowie lesbisch, bi oder queer einordnen.

Vorherige Forschung ging bereits davon aus, dass die Dunkelziffer besonders hoch ist bei lesbenfeindlicher Gewalt. Und tatsächlich: Von den 188 Befragten berichtet über ein Drittel von spezifisch lesbenfeindlicher Gewalt oder übergriffigem Verhalten im zurückliegenden Jahr. Während eine große Mehrheit angab, dass sie derlei mit Freund*innen oder in der Familie aufarbeiten, hatte sich kaum jemand an Beratungsstellen gewandt oder Anzeige erstattet (je 3 Prozent).

Es gibt dafür viele Gründe. In der Befragung am häufigsten genannt war die Vermutung, „dass die Polizei nichts unternimmt“, und die Einschätzung, dass der „Vorfall nicht wichtig genug“ sei. Es fiele jetzt leicht, den Betroffenen die Schuld zu geben. Dafür, dass sie ihre – ich spreche mal kurz weniger soziologisch – Scheiß­er­fahrungen lieber im vertrauten Umfeld bereden, als sie im Dienste der Statistik irgendwo einzureichen. Ist ihr gutes Recht.

Ganz verschieden unsichtbar

Das Ergebnis ist dennoch, dass wir lesbenfeindliche Gewalt kaum zu fassen bekommen. Rechnet man die Anteile aus der Befragung hoch, dann passieren jährlich Tausende oder Zehntausende lesbenfeindliche Übergriffe in Berlin. 2018 wurden aber bloß 48 Fälle durch Polizei und Beratungs­stellen verzeichnet.

Unsichtbarkeit kann ein Resultat verschränkter Diskriminierungen sein: hier Sexismus und Homophobie. Bei Gewalt oder übergriffigem Verhalten gegen Frauen haben wir gesellschaftlich eine erhöhte Toleranzschwelle; bei Homophobie eine gewisse Neigung, Verständnis für die Homophoben zu zeigen. Beides kann sich gegenseitig verstärken. Ist die Person trans oder nonbinär, kommt eine weitere Kategorie hinzu. Je mehr Dimensionen sich verschränken, desto unwahrscheinlicher auch, dass Vorfälle korrekt eingeordnet werden. Weil wir dazu neigen, nur eine Kategorie auf einmal zu bedenken.

Das ist keine simple Rechnung à la „je mehr Diskriminierungsaufnäher, desto schlimmer“. Schwule Männer mit stereotyp „männlicher“ Außenwirkung sind auf gewisse Weise auch unsichtbar. Aber auf andere Art als eine lesbische, bisexuelle oder queere Frau, deren Gewalterfahrung sich in keiner Statistik niederschlägt.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Wir würden Ihnen hier gerne einen externen Inhalt zeigen. Sie entscheiden, ob sie dieses Element auch sehen wollen.

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Gesellschaft und Medien. Schwerpunkte: Medienpolitik, Medienethik und der digitale Journalismus der Zukunft. Außerdem: queeres Leben, Gender, Sex.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de