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Leipzig und Hybrider KriegVerunsicherung ist ihr Ziel. Haltet die Faszien im Flow!

Ist Ruhe wieder erste Bürgerpflicht? Oder wie erklärt sich sonst die seltsam entspannte Stimmung trotz sich häufender Terroranschläge?

E igentlich wollte ich mich mal wieder darüber aufregen, dass sich keiner mehr über die richtigen Sachen aufregt. Zum Beispiel über das, was am Mittwoch auf dem Leipziger Flughafen geschah und was der Innenminister „hybrides Anschlagsszenario“ nennt. Aber ich bin verunsichert. Ist das Ausbleiben von Hysterie richtig? Sind wir alle total anschlagsroutiniert und gehen mittlerweile an einem Anschlag vorbei wie am Kackhaufen auf dem Gehweg? „Ach, guck mal da, wieder so ein missglückter Anschlag, haha, wie kann man so doof sein, hehe.“

Stell dir vor, es ist hybrides Anschlagsszenario und keiner geht hin? Ist das vielleicht voll super, dass sich keiner so richtig aufregt? Ist es richtig, sich nicht groß beeindruckt zu zeigen von einer Bombe, deren Zünder versagt hat? Weil würden alle in Schnappatmung verfallen, würde es nur dem Urheber in die Karten spielen?

Täuscht mich mein Eindruck, oder waren wir auch nach dem tödlichen Anschlag auf dem CSD weniger aufgeregt, als es sich gehört? Waren wir wirklich genug bestürzt über den Mord an der 65-jährigen Frau und Mutter aus Polen, die mit ihrer Tochter nach Berlin gereist war? Oder gönnten wir uns nur einen kurzen Schock, weil uns die Wahlumfragen in Sachsen-Anhalt mehr Sorgen machen?

Ach, guck mal da, ein missglückter Anschlag, haha

Kurz nach dem Drohnenfund in Leipzig gibt Sachsens Innenminister Schuster Zuversicht: Die Sicherheitsvorkehrungen haben alle top funktioniert. Experte 1 und 2 sekundieren relativ ähnlich. Dann aber Experte 3: Die Abwehr von Drohnen in Deutschland ist nicht auf dem Stand der Dinge. Zack, Verunsicherungshypertonie. Und plötzlich kommt raus, der Busfahrer vom Flughafen hat die Drohnenbombe aus der Luft einfach mit dem Fuß weggeschnippt. Oh. Mein. Gott. Steht das etwa so in den Sicherheitsvorkehrungen für die Busfahrer an Flughäfen? Wie verunsichernd wird es noch? Gibt es Tabletten gegen Verunsicherungshochdruck?

Jeden Tag James Bond

Zack heißt es, der neue James-Bond-Darsteller wird bald bekannt gegeben. Seit dem russischen Hybridkrieg ist aber ja eh jeden Tag James Bond und also schießt auch schon ein dem Verunsicherungshochdruck geschuldeter James-Bond-Gedanke in den Kopf: Könnte es sein, dass der Zünder an der Drohne mit Absicht nicht zündete? Schafft ein missglückter Drohnenanschlag nicht noch mehr Verunsicherung als ein geglückter?

Terror mit nicht ganz eindeutigem Motiv und wenig Schäden verursacht zunächst weniger Aufregung, weniger Gegenwehr. Dafür umso mehr Verunsicherung, die das Empör- und Wahlverhalten unterwandert. Die Verunsicherung mit minimalem Einsatz maximal vergrößert: Für die einen sind es unbewiesene Vorwürfe (längst ist „Russland war’s“ zu einem Augenzwinkersatz für jene geworden, die glauben, die wahren Motive hinter Attentaten würden versteckt) und für die anderen ist die zurückhaltende Reaktionen der Regierung Beweis für ihre Schwäche.

Aber lassen wir uns davon nicht verunsichern: Die Verunsicherung ist eigentlich eine Tugend intellektueller Redlichkeit. Man sollte immer Zweifel haben an dem, was man so glaubt, denkt, mit Verve vertritt und meint, was man anderswo an Meinung sich abgehört hat. Sonst rosten nämlich die Gedanken wie die Knochen und das ist nicht gut für gar nichts, schon gar nicht fürs Vorwärtskommen.

Gerade in Zeiten, in denen die Verunsicherung zu einer der mächtigsten Kriegswaffen geworden ist, sollten wir die Verunsicherung behandeln wie unsere Faszien: immer schön im Flow halten, dynamisch dehnen, auf dass die Gedanken federn, schwingen und Verhärtungen lösen, die Beweglichkeit verbessern. Ganz so wie schon der DDR-Dissident Wolf Biermann 1968 in seinem populären Gedicht „Ermutigung“ nicht die Faszien meinte, als er schrieb: „Du, lass dich nicht verhärten, in dieser harten Zeit.“

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Doris Akrap

Doris Akrap Redakteurin

Ressortleiterin | taz zwei + medien Seit 2008 Redakteurin, Autorin und Kolumnistin der taz. Publizistin, Jurorin, Moderatorin, Boardmitglied im Pen Berlin.
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