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Lehrkräftemangel in BremenBildungsbehörde im Blindflug

Erst seit April weiß die Bremer Bildungsbehörde, wie viele Lehrerstunden an Bremer Schulen fehlen, weil Lehrkräfte beurlaubt oder erkrankt sind.

Jahrelang hatte die Bremer Bildungsbehörde keinen Überblick, wie viele Lehrerstunden an den Bremer Schulen fehlen und wie viele mit Vertretungskräften besetzt werden müssen. Das änderte sich erst zum April 2026, wie eine Behördensprecherin der taz bestätigte. Zuerst hatte der Weser Kurier darüber berichtet. Am Dienstag will die CDU in der Bürgerschaft über das Thema reden, unter dem Titel „Schönrechnen statt Schulversorgung“ – der Senat müsse den „Lehrerbedarf endlich ehrlich berechnen“.

An- und Abwesenheiten der Lehrkräfte seien zwar „erfasst und regelmäßig ausgewertet worden“, so die Sprecherin, „allerdings aufgrund fortlaufender Veränderungen in der Regel zeitverzögert“. Diese Zeitverzögerung konnte Monate betragen, wie aus einem der taz vorliegenden Schreiben der Bremer Oberschulleitungen hervorgeht.

Die nicht erfassten Vertretungsanlässe zögen an vielen Schulen gravierende Folgen nach sich, heißt es darin: „Unterrichtsausfälle, fehlende Klassenleitungen, erschwerte Schulentwicklung (Verlust von Qualität), sowie massive Belastungen der Kollegien.“

Das solle jetzt der Vergangenheit angehören, sagte die Behördensprecherin der taz: „Die Differenz zwischen formaler Stellenzuweisung und tatsächlich verfügbaren Unterrichtskapazitäten wird inzwischen deutlich transparenter sichtbar.“

Re­fe­ren­da­r:in­nen in die Arbeitslosigkeit entlassen

Dabei kam nach Angaben der Bildungsbehörde heraus, dass durchschnittlich aufgrund von Ausfällen wegen Dienstunfähigkeit, Elternzeit, Beurlaubung oder Abordnung an Behörden über die Stadt verteilt Unterrichtskapazitäten in Höhe von knapp 200 Vollzeitstellen fehlen. Aufgefangen werden solle dies durch einen neuen Vertretungspool, so die Sprecherin. Dafür fehlt allerdings aktuell das Geld.

Einer größeren Öffentlichkeit wurde das Problem in diesem Frühjahr bekannt – kurioserweise, weil erstmals alle in der Stadt Bremen ausgeschriebenen Lehrerstellen besetzt werden konnten. Solange es einen grundsätzlichen Mangel an Lehrkräften gegeben hatte, hatte die Behörde Vertretungsersuchen der Schulleitungen regelhaft zugestimmt, die dann befristet Personal einstellen konnten. Dabei handelte es sich zum überwiegenden Teil um Lehramtsstudierende. Die so behelfsmäßig besetzten Stellen wurden nicht mehr als vakant gezählt.

Um den Mangel zu beheben, hatte Bremen zwischen Februar 2023 und August 2025 überdurchschnittlich viele Re­fe­ren­da­r:in­nen eingestellt. Statt wie üblich 180 wurden zwischen 230 und 250 Personen aufgenommen, die hier ihre Ausbildung zur Lehrkraft mit dem zweiten Staatsexamen abschlossen.

Doch damit bildete Bremen über den Bedarf hinaus aus – was die Behörde selbst erst in diesem Jahr merkte. Am 1. Februar informierte sie in einer Pressemitteilung darüber, dass Bremen „den Lehrkräftemangel als generelles und flächendeckendes Problem immer besser in den Griff“ bekomme. Daher hätten künftig diejenigen „gute Übernahmechancen, die flexibel sind und in prioritären Regionen wie Bremen-Nord oder Bremerhaven arbeiten wollen, sowie Bewerbende mit Mangelfächern“.

Was das für diejenigen bedeutet, die in den Jahren 2024 und 2025 ihr Referendariat angefangen hatten, erfuhren diese allerdings erst Monate später. Die einen, weil sie Ende April zu einer Informationsveranstaltung eingeladen worden waren, in denen ihnen gesagt wurde, dass sie nicht mehr wie in den Vorjahren mit einer Übernahmegarantie rechnen können.

Wir sind zum Referendariat mit offenen Armen empfangen worden

Ole Müller*

Die anderen, die ihr Referendariat ein halbes Jahr zuvor begonnen hatten, erfuhren über Umwege davon, wie zum Beispiel Ole Müller*, der sein Referendariat im August 2024 begonnen hatte. Als er anderthalb Jahre später, im Winter 2025, fertig wurde, sagte ihm niemand, dass er die erstbeste Stelle antreten sollte, die ihm angeboten würde.

„Wir sind zum Referendariat mit offenen Armen empfangen worden“, sagt der Enddreißiger, der um Anonymität gebeten hat, um seine Chance auf einen Arbeitsplatz nicht zu verlieren. Zu dem Zeitpunkt sei keine Rede davon gewesen, dass es nicht für alle Jobs geben würde – im Gegenteil.

Er ging daher davon aus, dass er an seiner Schule in den Schuldienst übernommen würde, wo er gut eingearbeitet war. Doch sein Schulleiter habe ihm dazu keine Auskunft geben können. „Er bekam dazu keine Informationen – die Behörde konnte es ihm nicht sagen.“

Bildungsbehörde ist nicht erreichbar

Auch Stellenangebote bekam er keine zugeschickt, obwohl er sich schon im Oktober 2025 registriert hatte. Erst im März 2026 dämmerte ihm, dass auch nichts mehr kommen würde. Er fand eine Stelle als Vertretungskraft, aber auch daraus wurde nichts.

„Auch dieser Schulleiter bekam von der Behörde kein grünes Licht, die wussten offenbar nicht, ob sie die Stelle freigeben konnten.“ Er selbst habe drei oder vier E-Mails an die Behörde geschrieben. „Eine Antwort habe ich nie bekommen.“ Kein Einzelfall. Die fehlende Erreichbarkeit der Behörde wird auch in dem Schreiben der Oberschulleitungen kritisiert.

Ole Müller wirft sich vor, dass er zu dieser Zeit in den Urlaub gefahren sei – und nicht da war, um den Vertrag zu unterschreiben, den ihm diese Schule dann doch anbieten konnte. „Ich war so naiv zu glauben, dass ich jederzeit in Bremen-Nord anfangen könnte.“ Jetzt hat er einer Schule in Bremerhaven zugesagt – 65 Kilometer von Bremen entfernt. Dort fehlen nach wie vor Lehrkräfte. Und sollte wirklich ein Vertretungspool mit 200 Stellen aufgebaut werden, könnten sich die derzeit arbeitslosen Nachwuchslehrkräfte darauf bewerben, so eine Behördensprecherin.

Zum August sollen nur noch 190 Re­fe­ren­da­r:in­nen aufgenommen werden, so eine Behördensprecherin. Also etwa so viele wie früher. Noch im Februar hatte Bremens Bildungssenator Mark Rackles Radio Bremen gesagt, er wolle keine Referendariatsplätze abbauen.

* der richtige Name ist der Redaktion bekannt

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