Kurdengebiete in Syrien: Kobanê in der Zange
In der Türkei warnt die kurdische DEM-Partei vor Vebrechen der neuen syrischen Armee in Kobanê. Die Bürgermeister:innen der Stadt rufen um Hilfe.
Mit einem dramatischen Appell über die Situation in der syrischen Kurdenstadt Kobanê ist die kurdische DEM Partei aus der Türkei am Samstag an die Öffentlichkeit gegangen. Die „Krise in Kobanê verwandelt sich in eine tödliche Katastrophe“. Kinder würde erfrieren, es gebe nichts mehr zu essen, die Stadt sei eingekesselt und völlig von der Außenwelt abgeschlossen.
„Rund 500.000 Menschen sitzen in der Falle. Es gibt keinen Strom mehr und nur sehr wenig Wasser“, heißt es. Der Bericht der DEM beschreibt die Situation bis Samstag letzter Woche. Die Belagerung der Stadt fand während des Waffenstillstands statt, den die kurdische Führung um Mazloum Abdi mit dem syrischen Übergangspräsidenten Ahmet al-Sharaa für die letzte Woche ausgehandelt hatte.
Am Samstagabend wurde zwar der Waffenstillstand für 15 Tage verlängert, doch die Blockade von Kobanê bleibt bestehen. Neben der DEM, deren Co-Vorsitzende Tülay Hatimogullari am Donnerstag und Freitag über den Irak die verbliebenen Kurdengebiete in Nordsyrien besuchte und in Hasakah Vertreter der kurdischen Selbstverwaltung traf, schlagen auch etliche internationale Hilfsorganisationen Alarm.
So berichtet Medico International von ihrer Partnerorganisation Kurdischer Roter Halbmond, diese sei per Drohne angegriffen worden und könne nicht nach Kobanê hinein. Medico hat einen dramatischen Hilferuf der beiden Bürgermeister:innen von Kobanê veröffentlicht.
Die über 50-jährige Gewaltherrschaft der Assad-Familie ist seit 2024 Geschichte. Baschar al-Assad ist nach Russland geflüchtet, nachdem Rebellen das Regime gestürzt haben. Derzeit amtiert die Übergangsregierung von HTS-Führer al-Scharaa.
„Menschen werden brutal massakriert“
„Die Stadt ist vollständig umzingelt. Die HTS hat uns von drei Seiten umschlossen. Im Norden verläuft die türkische Grenze. Menschen, die sich dieser Grenze genähert haben, wurden von türkischen Soldaten beschossen. Der türkische Staat und die Übergangsregierung der HTS bombardieren die Dörfer rund um Kobanê. Zu diesen Dörfern haben wir keinen Kontakt mehr. Wenn ein Dorf überfallen wird, wird zuerst der Internetzugang gekappt und die Telefone beschlagnahmt. Finden sich auf den Telefonen auch nur die geringsten Anzeichen einer Zusammenarbeit mit der Selbstverwaltung, werden die Menschen brutal massakriert.“
Die Bürgermeister:innen Emina Weso und Fewaz Ehmed erinnern daran, dass es die Bürger von Kobane waren, die sich 2014 dem IS entgegenstellten und die Terrorgruppe nach monatelangem Kampf zurückschlugen. Nun seien sie „erneut Massakern und einem drohenden Genozid durch die islamistischen HTS-Kräfte ausgesetzt“.
HTS-Kämpfer würden Videodrohungen veröffentlichen, in denen sie ankündigen, die Menschen in Kobanê zu enthaupten. Die Stadt steht stellvertretend für den Kampf der syrischen Kurden gegen den IS. Sie konnten die Stadt im Winter 2014/15 monatelang verteidigen, wurden später auch durch US-Kampfflugzeuge unterstützt.
Daraus entwickelte sich das Bündnis der kurdisch-dominierten SDF-Milizen mit den USA, das nach der Befreiung Kobanês erfolgreich den IS in ganz Nordostsyrien bekämpfte. Heute haben die USA die Kurden weitgehend fallen gelassen. Im Kampf um die Kontrolle über Syrien unterstützen sie den Übergangspräsidenten Ahmet al-Sharaa, der die Selbstverwaltung der Kurden zerschlagen, die Milizen auflösen und in eine neue Armee integrieren will.
Humanitäre Korridore eingerichtet
Dabei kommt Kobanê eine wichtige Rolle zu. Die Stadt nahe des Euphrats ist wie eine letzte Exklave, abgeschnitten von den anderen Kurdengebieten weiter im Osten. Sie ist umringt von Regierungstruppen und dem östlich angrenzenden Gebiet, dass die Türkei bereits seit Jahren besetzt hält.
Ahmet al-Sharaa hat jetzt, offenbar auf Drängen der USA, der Verlängerung des Waffenstillstands zugestimmt. Außerdem meldete der Syrienexperte Charles Lister am Sonntagnachmittag, die Übergangsregierung habe der Einrichtung von zwei humanitären Korridoren nach Kobanê und Hasakah zugestimmt. Ein Konvoi von 25 Lkws mit Hilfsgütern sei von Aleppo aus nach Osten aufgebrochen um Kobanê und Hasakah zu versorgen. In den kommenden zwei Wochen sollen die Modalitäten der Übergabe der beiden kurdischen Gebiete verhandelt werden.
Gemeinsam für freie Presse
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert