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Mobiltelefone als Tore zur Außenwelt: Insassen im Al-Hol-Camp versuchen, sich mit dem Internet zu verbinden Foto: Laila Sieber

Kurdengebiete in NordsyrienGefährlicher Schwebezustand

Im Norden Syriens kontrolliert die syrische Armee nach heftigen Kämpfen nun die kurdischen Gebiete. Wie blicken die Menschen dort in die ungewisse Zukunft?

Aus Raqqa und Al-Hasakah

Anna-Theresa Bachmann und Laila Sieber

S echs Stunden Schlaglochpiste trennen das Zentrum der Macht in Damaskus von den Ufern des Euphrats im Norden Syriens. Vergangenen Freitag patrouillieren hier, in der kargen Ödnis der Wüste, junge Soldaten der Übergangsregierung unter dem islamistischen Präsidenten Ahmad al-Sharaa. „Nach Deir al-Sor?“, fragt einer von ihnen etwas ungläubig an einem der mobilen Checkpoints, frierend bei fünf Grad im Regen. Aus der Richtung, in die wir wollen, kommt uns derweil eine LKW-Kolonne entgegen, beladen mit Panzern, an deren mit Ketten umspannten Rändern Schlamm klebt.

Rund zwei Wochen ist es her, dass Regierungstruppen während ihrer Offensive in Richtung Nordosten des Landes den Euphrat in der Stadt Deir al-Sor überquerten und die gleichnamige Provinz in kürzester Zeit komplett einnahmen. Auch die Provinz al-Raqqa und der südliche Teil der Provinz al-Hasaka, die jahrelang unter der Kontrolle der kurdisch angeführten Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) standen, sind mittlerweile in der Hand von Damaskus.

Das faktische Autonomiegebiet des SDF-Milizenbündnisses in Syrien hat seinen Ursprung in der jahrzehntelangen Unterdrückung der Kur­d:in­nen durch das im Dezember 2024 gefallene Assad-Regime. Binnen kürzester Zeit ist es zu zwei vereinzelten Enklaven um die Städte Kobanê und al-Qamishli zusammengeschrumpft. Rings herum halten die Gefechte trotz eines jüngst verlängerten Waffenstillstandes an. Und damit der Machtkampf zwischen Damaskus und der SDF über die Zukunft von „Rojava“, wie die Gegend auf kurdischer Seite auch genannt wird. Vor allem in Kobanê, melden Hilfsorganisationen und Aktivist:innen, sei die Versorgungslage der Menschen mittlerweile dramatisch.

Die syrische Armee kontrolliert nun wieder weite Gebiete nördlich des Euphrats Foto: Grafik: Planet Neun

In den rauen Landstrichen, deren Gebiete die SDF bereits verloren hat, prallen in diesem gefährlichen Schwebezustand, in dem nicht ganz klar ist, wer hier die Macht hat und behalten wird, verschiedene Realitäten aufeinander. Es ist eine angespannte Mischung aus Hoffnung und Sorge darüber, was nun kommen mag.

Al-Raqqa ist von den Spuren des Krieges gezeichnet Foto: Laila Sieber

Elf Tage im Tunnel

Wer verstehen will, wie die Menschen hier auf die Entwicklungen in ihrem Land blicken, findet erste Antworten in Deir al-Sor. In der vom fast 14-jährigen Bürgerkrieg ab 2011 zutiefst verwüsteten und verarmten Stadt markierte der türkisfarbene Euphrat bis vor zwei Wochen noch die Grenze zwischen Regierungs- und SDF-Gebiet. Dass hier nun östlich des Flusses Damaskus regiert, hat auch mit Menschen wie Yassin zu tun, der eigentlich anders heißt. Angesichts der fragilen Lage möchte der junge Mann, Anfang 20, seine Geschichte nur anonym erzählen

Wofür sollte ich noch kämpfen? Gegen meine eigenen Leute?

Yassin, ehemaliger arabischer Kämpfer bei der SDF

Rund zwei Stunden außerhalb von Deir al-Sor sei Yassin aufgewachsen und habe die Schule abgebrochen, um seine vaterlose Familie als Landarbeiter auf den Feldern zu unterstützen. Doch das habe nicht ausgereicht. Aus finanzieller Not habe er sich mit 16 Jahren also der SDF angeschlossen – freiwillig, sagt er. Menschenrechtsorganisationen haben in den vergangenen Jahren mehrfach dokumentiert, dass in den Reihen des Milizenbündnisses auch viele Minderjährige kämpfen – kurdische und arabische, Mädchen wie Jungen, die dazu teils zwangsrekrutiert werden. Auch Yassin, selbst Araber, habe das mitbekommen. Dennoch sagt er: „Die SDF haben mir anfangs gefallen.“ Immerhin vertrieben sie mit der Unterstützung der USA den selbsterklärten Islamischen Staat (IS) aus der Region, unter dem auch seine Familie gelitten habe.

Aber das Kämpfen sei nie etwas für Yassin gewesen. Oft habe er große Angst gehabt. Etwa einmal, als er sich mit seiner Truppe, bestehend aus Ara­be­r:in­nen und Kurd:innen, elf Tage am Stück in einem Tunnel verschanzt habe, über ihm das Stampfen der Feinde. Gegen wen der vielen Kriegsparteien sie die in diesen Tagen genau kämpften, daran erinnere er sich nicht mehr. Wohl aber an die donnernden Schritte über ihm.

Überreste der Kämpfe zwischen syrischer Armee und kurdischen Kräften: ein ausgebranntes Militärfahrzeug der SDF Foto: Laila Sieber

Irgendwann sei er desillusioniert gewesen von der SDF, sagt Yassin. Die heraufgeschworenen Slogans von Gleichheit zwischen allen Menschen unter Kontrolle der Milizen seien ihm zunehmend hohl vorgekommen. „Wir Araber wurden in der SDF diskriminiert“, sagt er. Hätte etwa einer der Kur­d:in­nen einen der begehrten Jobs als Fah­re­r:in vergeben, sei er ebenfalls an Kur­d:in­nen gegangen, die anders als in Kobanê und al-Qamishli in Deir al-Sor und al-Raqqa in der Minderheit sind. 2024 habe Yassin wegen solcher Widersprüche das erste Mal die Waffen niedergelegt und sei vor dem Krieg in den Libanon geflohen. Dort habe er sich mit einem Job in einem Shisha-Café durchgeschlagen. Nur 70 Dollar habe er jeden Monat nach Hause schicken können. „Ich musste auf der Straße schlafen“, sagt Yassin: „Meine Familie weiß davon bis heute nichts.“

Vertrauensvorschuss aus Washington und Brüssel

Als dann Ende 2024 das Assad-Regime fiel, habe sich Yassin den Regierungstruppen von al-Sharaa anschließen wollen. Ohne Papiere, die besagen, dass er neun Jahre Schule absolviert hat, habe man ihn in Damaskus aber weggeschickt. Also ging Yassin zurück zur SDF, für zuletzt 120 Dollar im Monat. Doch die Tage der Milizen waren da schon angezählt.

Denn die USA wandten sich Zusehens von ihrem altem Verbündeten im Kampf gegen den IS-Terror ab – und der Regierung des Ex-Milizenführers al-Sharaas zu, auf den Washington selbst lange ein Kopfgeld wegen Terrorismus ausgesetzt hatte. Al-Sharaa, mit gestutztem Bart und im Anzug statt in Camouflage, verspricht seit seiner Machtübernahme, das zerklüftete Syrien zu einen und für Stabilität zu sorgen. Ein Versprechen, das ihm Washington und Brüssel mit einem Vertrauensvorschuss sowie der Aufhebung von Sanktionen für den Wiederaufbau dankten.

Beinahe zeitgleich einigten sich im März vergangenen Jahres Damaskus und die SDF darauf, die kurdisch-angeführten Milizen militärisch wie administrativ in die Zentralregierung einzugliedern. Doch die Verhandlungen über die Details stockten und Anfang Januar eskalierte der Konflikt schließlich blutig in Aleppo, wo die SDF eine Exklave von drei Stadtvierteln kontrollierte, in denen die meisten Kur­d:in­nen Aleppos leben. Nachdem die Milizen von dort abziehen mussten, weiteten sich die Kämpfe in Richtung des Euphrats aus. Und in den Provinzen Deir al-Sor und al-Raqqa verweigerten immer mehr arabische Kämp­fe­r:in­nen der SDF den Dienst. So wie Yassin. „Wofür sollte ich noch kämpfen?“, sagt er: „Gegen meine eigenen Leute?“

Parallel riefen arabische Stämme, die in diesem Teil Syriens noch einflussreich sind und sich in den vergangenen Jahren meist nur zähneknirschend mit den linken Idealen der SDF arrangiert hatten, zu den Waffen und lehnten sich gegen die Milizen auf. Beides ebnete den Regierungstruppen den Weg.

Gespenstische Stille

Im Nordosten hat die Regierung nun mehrere Gefängnisse und Lager unter ihre Kontrolle gebracht, in denen noch immer Tausende IS-Kämpfer und ihre Frauen und Kinder einsitzen. Bei ihrer Übernahme kam es teils zu beunruhigenden Szenen: In der Kleinstadt al-Shaddadi etwa, im Süden der Provinz al-Hasaka, konnten mehrere Dutzend Gefangene ausbrechen. Die genauen Umstände sind umstritten und weiterhin unklar. Die USA gaben daraufhin bekannt, 7.000 mutmaßliche IS-Kämpfer von Syrien in den Irak verlegen zu wollen, nicht irakische Staatsbürger würden dort „vorübergehend“ untergebracht. Das Image des neuen Anti-Terror-Partners al-Sharaa hat in den Augen der USA offenbar Risse bekommen.

Offene Tore und orangefarbene Gefangenenkleidung in einem Gefängnis bei der Kleinstadt al-Shaddadi Foto: Laila Sieber
Etwa 200 Gefangene des IS sollen aus dem Gefängnis geflohen sein, nachdem die SDF sich zurückzog Foto: Laila Sieber

Als die taz am vergangenen Freitag in al-Shaddadi ankommt, liegt eine gespenstische Stille über dem Gefängnisgelände. Hinter einem Metalltor zieht sich eine Spur orangefarbener Sträflingskleider auf dem nassen Betonboden, an einem Wachhaus ohne Wächter vorbei und durch ein weiteres, offenes Metalltor hindurch. Dahinter geht es zu den Zellen: dunkle Räume mit alten Matratzen. In manchen liegt ein beißender Geruch von Exkrementen in der Luft. Gurken, Tomaten und mit Tee gefüllte Plastikbecher lassen vermuten, dass die Flüchtigen hektisch aufbrachen. Dazwischen Patronenhülsen, zerschossene Schlösser, aber auch Schlüssel. Wer hier wem wann mutmaßlich bei der Flucht geholfen oder gar befreit hat – das bleibt unklar und bedarf einer juristischen Untersuchung. Rund 80 Gefangene, das gab die syrische Übergangsregierung vergangene Woche bekannt, seien mittlerweile wieder gefasst worden.

Während al-Shaddadi nun verlassen liegt, ist anderthalb Autostunden nördlich die Präsenz der Sicherheitskräfte der Regierung hoch. Hier befindet sich das berüchtigte Al-Hol-Camp mit seinen unzähligen Zelten und Baracken. Unter den Tausenden Insassen sind viele Frauen und Kinder von IS-Kämpfern, womöglich selbst radikalisiert. Vor dem Eingang des Lagers baut sich eine Traube Soldaten um das Auto der taz auf. „Wer seid ihr, was wollt ihr?“, murrt einer der Männer mit grau meliertem Rauschebart. „Wie geht’s?“, lacht hingegen ein zweiter auf gebrochenem Deutsch. Stolz zückt er seine noch gültige Aufenthaltsgenehmigung aus den Taschen seiner Tarnhose. „Hamburg, Arbeit vorbei“, erklärt er knapp. Nun hat er in Syrien offenbar einen neuen Job gefunden: das Lager überwachen.

Mitte vergangener Woche kündigten die Milizen der kurdisch-angeführten Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) an, aus al-Hol abzuziehen. Die SDF hatte das Lager mit den IS-Kämpfern bis dato bewacht, was lange im Interesse der USA als auch des mittlerweile gestürzten Assad-Regimes war. Doch die internationale Gemeinschaft habe sich nicht gekümmert und sich gegenüber der Hinterlassenschaften des IS „gleichgültig“ gezeigt. Beim Rückzug der SDF sollen Insassen entkommen sein, wie viele genau ist wie in Al-Shadadi ungewiss.

Für eine Gruppe schwarz verhüllter Frauen überwiegt in al-Hol nun die Erleichterung. Im vorderen Bereich des Camps drücken sie sich an den blauen Metallzaun, möglichst nah an die neu eingetroffenen Polizisten und Soldaten. Oder eher: An ihre mit Starlink verbundenen Fahrzeuge. Mit hoch gehobenen Handys versuchen die Frauen, das Internet anzuzapfen. Mit Ausbruch der jüngsten Kämpfe, erklären sie, sei das Netz im Camp zusammengebrochen. Ihre Mobiltelefone, die Tore zur Außenwelt, waren so wertlos geworden.

„Wir wollen endlich hier raus, wir sind harmlos“, beteuert Oum Omar und beklagt die schlechte Versorgung im Camp, die auch von Hilfsorganisationen seit Jahren angemahnt wird. Fragt man die 24-Jährige hingegen, wie sie hier gelandet ist, wird sie wortkarger. Eine „IS-Braut“ will die zweifache Mutter und Witwe nicht sein. Und auch keine der anderen Frauen am Zaun. Wie viele der in al-Hol Internierten noch immer der Ideologie des IS anhängen, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Fest steht aber, dass das Camp lange vor dem IS existierte und in ihm auch Bürgerkriegsflüchtlinge hausen, die bis heute dort festsitzen.

Eine zweite Chance?

Ein Mann, der sich als Omar al-Salem al-Matar vorstellt, will so ein Fall sein. Vor neun Jahren sei er aus Deir al-Sor hier angekommen – zu Fuß, erzählt er. Al-Matar sagt, er habe kein Geld gehabt und nicht gewusst, wohin mit sich, seiner Frau und den Kindern. Sein Sohn Mohammed weicht in der Eiseskälte nicht von seiner Seite. Der Hals tue ihm weh, sagt der 12-Jährige leise. Und dass er davon träume, Architekt zu werden, um Häuser mit vielen Stockwerken zu entwerfen. Nicht wie die flachen Baracken im Camp. Im Moment könne der Junge nicht einmal lesen und schreiben, sagt sein Vater beschämt. Friedensstiftend sind diese Zustände mit Blick in die Zukunft sicherlich nicht.

Omar al-Salem al-Matar aus Deir al-Sor und sein Sohn Muhammad im Al-Hol-Camp Foto: Laila Sieber

Zwei, die sich seit mehreren Jahren für die Reintegration der Inhaftierten aus den IS-Gefängnissen in die syrische Gesellschaft einsetzen, sind Rania Alou und Kawthar Mayouf. Die taz trifft die beiden Frauen in einem Hotel der Stadt al-Raqqa, die wie Deir al-Sor ebenfalls zu Füßen des Euphrats liegt und in denen die meisten Menschen die Regierung nun als Befreier feiern. 2014 erklärte der IS al-Raqqa zur Hauptstadt seinen „Khalifats“. Insgesamt drei Jahre war die Stadt unter Kontrolle der Dschihadisten, die auf dem zentralen Al-Naim-Platz zahlreiche Menschen öffentlich hinrichten ließen: Regimesoldaten, Drogendealer, Andersgläubige. 2017 gelang der SDF am Boden mit Unterstützung der USA, den IS aus al-Raqqa zu verjagen und in der Folge die Provinzhauptstadt zu kontrollieren. Zahlreiche NGOs versuchten danach, ein wenig Licht und Zusammenhalt in die zerbombte und verminte Stadt zurückzubringen.

Frauenrechte werden nicht erteilt, sie müssen errungen und verteidigt werden.

Kawthar Mayouf, zivilgesellschaftliche Aktivistin

So wie Alou mit ihrer Organisation „Vier Jahreszeiten“, die sie 2018 geründete. Mayouf kümmert sich seit drei Jahren um die Evaluation der kleinen Initiativen der Organisation, die sich der Selbstermächtigung von Frauen sowie der Förderungen des sozialen Friedens verschrieben hat. Rund 70 Frauen und Mädchen aus al-Hol, erzählen die beiden, hätten sie mittels eines speziellen Programms auf dem Weg zurück in ein Leben ohne dschihadistische Ideologie unterstützt. Glaubt man Alou, haben viele Frauen dem IS nach Jahren der Haft ohnehin bereits abgeschworen: „Aber sie werden oft weiterhin von der Gesellschaft und ihren Familien geächtet und verstoßen.“ Meist verwitwet und mittellos, verspürten sie einen Groll gegenüber der Gesellschaft. Aber, sagt Alou, man müsse ihnen und ihren Kindern eine zweite Chance geben.

Rania Alou und Kawthar Mayouf fördern mit ihrer Organisation „Vier Jahreszeiten“ die Selbstermächtigung der Frauen Foto: Laila Sieber

Mehrere Stammesführer hätten bei der SDF in den vergangenen Jahren eine Sicherheitsprüfung und die Freilassung der Frauen ihrer Kinder beantragt und für sie gebürgt. „Vier Jahreszeiten“ sei dann an die Entlassenen herangetreten, habe je im Tandem mit anderen Frauen aus al-Raqqa und Deir al-Sor Stück für Stück gegenseitiges Vertrauen aufgebaut. Die Frauen wurden zum Beispiel im Herstellen traditioneller Kleidung geschult und bekamen Trainings, wie man kleine Unternehmen aufbauen kann.

Gelernt, Nein zu sagen

Zur SDF habe Alou die meiste Zeit gute Kontakte gehabt, sagt sie. Doch habe man ihr seitens der obersten Führung auch misstraut – weil Alou Araberin ist und ursprünglich aus Damaskus stammt. Das habe sie verletzt. Am eigenem Anspruch, weibliche Emanzipation zu fördern, was auch im Westen gut ankam, wo Magazine Hochglanzstrecken kurdischer Kämpferinnen mit geschulterten Gewehr abdruckten, sei die SDF in der Realität oft gescheitert. Für hohe Positionen hätte es in Ämtern und Behörden zwar eine Doppelspitze gegeben. „Aber die Frauen hatten dort nichts zu melden, sie waren nur schmückendes Beiwerk“, meint Alou.

Nun hat die Übergangsregierung in al-Raqqa das Sagen, in deren Reihen sich nur eine einzige Frau befindet: Die frühere Friedensaktivistin und heutige Sozial- und Arbeitsministerin Hind Kabawat, die zudem Christin ist. Ihr unterstellen wiederum einige ihrer früheren Mitstreiter:innen, zum schmückenden Feigenblatt der Islamisten geworden zu sein. Was könne man da künftig in Sachen Frauenrechte schon erwarten?

„Frauenrechte werden nicht erteilt, sie müssen errungen und verteidigt werden“, sagt Mayouf entschieden. Das würden die Frauen und auch die Männer in al-Raqqa nun weiterhin tun. „Wir haben gelernt, Nein zu sagen“, sagt Alou. Nicht durch die SDF und deren Pathos. Sondern im arabischen Frühling, im Aufstand von 2011 gegen das Assad-Regime. Selbst unter dem IS habe es in der Stadt mutige Frauen gegeben, die gegen die Dschihadisten das Wort erhoben. „Und die Menschen hier werden wieder Nein sagen, wenn ihnen etwas nicht passt“, sagt Alou.

„Werden wir hier Rechte haben?“

Um ihre künftigen Rechte sorgen sich in al-Raqqa auch viele Kur­d:in­nen. Die meisten von ihnen sind in den vergangenen Tagen vor den Kämpfen aus der Stadt geflohen – aus Angst vor Racheakten der arabischen Stämme. Und wegen der islamistischen Milizen aus der Bürgerkriegszeit, die heute zwar formal der Übergangsregierung unterstehen, aber weiter eng mit der Türkei verwoben sind. Und die wiederum hat kein Interesse an autonomen Kurdengebieten.

Alltag in al-Raqqa: Frauen kaufen auf einem Markt ein Foto: Laila Sieber

Von denjenigen, die geblieben oder bereits zurückgekehrt sind, wollen viele lieber nicht mit der taz sprechen. Doch im Norden der Stadt, wo die Häuser einstöckig werden und die meisten Kur­d:in­nen al-Raqqas leben, finden sich welche, die von den Strapazen der vergangenen Tage erzählen wollen. In einer der ruhigen Seitengassen mit spielenden Kindern hat jemand auf eine Mauer mit schwarzem Stift „Apo“ gekritzelt – Kosename für Abdullah Öcalan, den in der Türkei inhaftierten Chef der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK). In dieser Gegend steht das Haus von Lehrerin Jihan und ihrem Mann Khalil, Taxifahrer, die nur ihren Vornamen nennen wollen.

Als die Kämpfe ausbrachen, seien sie nachts mit ihren zwei kleinen Söhnen aufgebrochen und zu ihren Verwandten nach Kobanê geflohen, sagt Jihan. „Als die Kinder nach den lauten Geräuschen fragten, haben wir ihnen gesagt, in der Stadt wird etwas repariert,“ und dass sie nur ein paar Tage wegfahren würden. Doch in Kobanê sei es sehr schlimm gewesen, überall habe wegen der vielen Geflüchteten Chaos geherrscht. Also wagte die Familie kurz darauf, nach al-Raqqa zurückzukehren.

In ihrem Viertel, da fühlten sie sich wieder sicher. Für den Moment. Die Sorge um ihre in Kobanê zurückgelassenen Angehörigen sei indes groß: belagert von den Regierungstruppen, die Grenze zur Türkei nicht weit. Nur sporadisch lasse es das Netz zu, Nachrichten auszutauschen.

Unterdessen verspricht al-Sharaas Regierung, die kurdische Identität künftig zu wahren und zu fördern. Kann man den Ankündigungen aus Damaskus trauen? Im Prinzip, sagt das Paar, mache es für sie keinen Unterschied, wer im Nordosten in den Kurdengebieten regiere. „Wir wollen einfach ein ganz normales Leben führen“, sagt Jihan. Eines, das Sicherheit für ihre Kinder biete. Die Angst, dass die neuen Machthaber die kurdische Identität unterdrücken, wie unter Assad, oder sich verhalten wie einst der sogenannte Islamische Staat gegenüber den Minderheiten im Land, die sei trotzdem da. „Werden wir hier Rechte haben?“, fragt Jihan. Sie wissen es noch nicht.

Mitarbeit: Yaser Shahrour

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