Kuratorin über DDR-Kunst im Museum: „Die Kunst erzählt sich selbst viel, über Epochen hinweg“
Ein Gespräch mit Jenny Graser, Kuratorin am Museum der bildenden Künste Leipzig, über DDR-Kunst heute, Punk damals und den ewigen Max Beckmann.
taz: Frau Graser, Sie sind seit Anfang 2025 Kuratorin am Museum der bildenden Künste in Leipzig. Ihre erste Aufgabe war, den „Bilderkosmos“, die Sammlungspräsentation zur Kunst der Moderne und Gegenwart, neu zu gestalten. Darin soll es auch um aktuelle Lesarten der Kunst aus der DDR gehen. Wie erreichen Sie Menschen, die mit der DDR nichts persönlich verbindet – die zu jung sind oder nie dort gelebt haben?
Jenny Graser: Mir geht es vor allem darum, die Denkweise aufzubrechen, dass die Zeit der DDR heute nichts mehr mit uns zu tun hat. Das, was damals passiert ist, wirkt fort und ist nicht abgebrochen. Wenn wir möchten, dass künftige Generationen Zugang dazu finden, dann ist es auch unsere Aufgabe hier im Haus, diesen zu ermöglichen. Ein ganzer Raum widmet sich etwa der Umweltzerstörung in der DDR, die heute wieder sehr präsent ist. Bestimmte DDR-spezifische Begriffe kannte selbst ich nicht. So kam mir der Gedanke, ein kleines Glossar in die Ausstellung zu integrieren. Begriffe wie der „Aktivist“ oder „Bitterfelder Weg“ werden erklärt.
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taz: Sie sind 1982 noch in der DDR geboren und in Ostdeutschland sozialisiert. War das hilfreich?
Graser: Es war kein Vorsprung, denn in meiner Familie hat Kunst keine große Rolle gespielt. Trotzdem habe ich das Gefühl, dass ich ein Gespür für Bedeutungsebenen habe, die untergründig wabern. Es gab Aspekte, die ich ohne viel Vorwissen zusammengedacht habe und die sich in der Überprüfung bestätigt haben. Eine Art eingeschriebenes Bildwissen, vielleicht auch über Bücher aus der Kinderzeit.
geboren 1982 in Berlin (Ost), studierte Kunst- und Medienwissenschaften sowie Neuere Geschichte und promovierte über die Objekt- und Ereignishaftigkeit in der bewegten Skulptur am Beispiel von Jean Tinguelys Maschinentheater. Sie arbeitete an der Graphischen Sammlung im Städel Museum Frankfurt am Main und im Kupferstichkabinett der Staatlichen Museen zu Berlin, bevor sie 2025 als Kuratorin für Malerei, Skulptur und Graphik des 20. und 21. Jahrhunderts zum Museum der bildenden Künste Leipzig wechselte.
taz: Das Museum besitzt rund 2.500 Gemälde und Skulpturen aus dem 20. und 21. Jahrhundert, über 1.000 aus der Zeit der DDR. Wie haben Sie daraus eine Auswahl von 120 Werken getroffen?
Graser: Ich habe die Sammlung in unserer Datenbank und im Magazin gesichtet. Das hieß: Gitterwände aufziehen und Bilder anschauen. Allein durch das intensive Betrachten haben sich mir bestimmte Bilder eingeprägt. Ein Ergebnis davon ist der Raum der Moderne. In diesem sind nur Porträts und Aktdarstellungen von Frauen zu sehen, alle gemalt von Männern wie Max Pechstein und Otto Müller, ergänzt um zwei Blätter von Käthe Kollwitz. Im Wandtext mache ich deutlich, dass es auch um die Frage geht, wer wen wie darstellt. In der Auswahl wird auch die ungleiche Verteilung der Geschlechter im Sammlungsbestand ersichtlich. Es gab im Museum viele Ausstellungen zu den großen Namen der DDR. Werner Tübke, Bernhard Heisig und Arno Rink. Ich habe mich gefragt: Wo sind die Frauen? Und wie können wir sie sichtbarer machen?
taz: Wie bilden sich feministische Fragestellungen in Ihrem Rundgang noch ab?
Graser: Ich hatte überlegt, Künstlerinnen einen ganzen Raum zu widmen, bin aber wieder davon abgekommen. Werke von Künstlerinnen hängen nun selbstverständlich im Rundgang. Ich habe den Frauenanteil auf 25 Prozent erhöht, in der vorherigen Präsentation waren es 19 Prozent. Ein eigener Raum widmet sich dem Thema Rollen und Geschlechtertausch. Beim „Pas de deux“ von Angela Hampel trägt der Mann ein Tutu, auf einem anderen Bild hat Adam Brüste. Daneben hängen aktuelle Werke von Harry Hachmeister, der sich mit dem eigenen Geschlechterwechsel und der Fragilität von Geschlechterkonstruktion beschäftigt, und Anna Nero mit dem abstrakten Werk „Him and her“.
„Bilderkosmos#3“. Museum der bildenden Künste Leipzig, bis 25. April 2027
taz: Wie verorten Sie die Leipziger Kunst kuratorisch?
Graser: Ich finde das dialogische Prinzip sehr wichtig, auch mit Blick auf eine lokale Szene und deren internationale Verankerung. Auch die Kunstszene der DDR war ja international vernetzt. In der großen Mittelhalle zeige ich das 21. Jahrhundert, vor allem mit der Leipziger Szene. Diese ergänze ich um nationale und internationale Positionen. Katharina Grosse tritt zum Beispiel in Dialog mit David Schnell und Henriette Grahnert, die beide in Leipzig studiert haben. Alle drei arbeiten mit abstrakten Bildsprachen, extremer Farbigkeit und starkem gestischen Duktus. Der Akt des Malens scheint mir bei allen stark mit der Dimension des eigenen Körpers verbunden.
taz: Mein Eindruck ist, dass die Bilder nicht nur in den Dialog treten, sondern sich zum Teil auch gegenseitig stark kommentieren. Volker Stelzmanns Gemälde einer Punkband von 1983 hängt neben einem Bild von Wolfram Ebersbach „Abgestelltes Schlagzeug (für Wolf Biermann)“ von 1976. Wiederum daneben ein Foto von Cornelia Schleime, die die DDR verließ und selbst in einer Punkband spielte.
Graser: Ich glaube, dass man nicht alles explizit kommentieren muss, sondern dass die Kunst selbst ganz viel erzählt. Das geht auch über Epochen hindurch. Am liebsten würde ich in den Raum mit Arbeiterbildnissen aus der DDR noch ein Gemälde aus dem 16. Jahrhundert hängen, weil die Ikonografie da schon angelegt ist. Stattdessen habe ich Portraitfotos von Rineke Dijkstra ergänzt, die im Jahr 2000 Auszubildende in Leipzig fotografiert hat. Es ist ein chronologischer Rundgang, aber es gibt immer wieder Sprünge in der Zeit, nach vorn oder auch zurück, um thematische oder formale Verbindungslinien zwischen den Jahrzehnten aufzuzeigen.
taz: Erstmals werden auch Grafik und Fotografie in die Sammlungspräsentation integriert.
Graser: Viele Künstlerinnen trennen das in der Praxis nicht, im Museum trennen wir aus konservatorischen Gründen. Alle drei Monate werden wir die Arbeiten auf Papier wechseln, um sie zu schützen. Wir zeigen zum Beispiel Druckgrafiken von Max Beckmann, die seinen Wandel hin zum Expressionismus belegen: zackig, eckig, da wird mit der Nadel in die Platte geritzt. Als Beckmann 1915 aus dem Ersten Weltkrieg kam, war er traumatisiert, hat erst mal nicht gemalt. Ein Blatt zeigt das Ehepaar Battenberg, Beckmann malt sich selbst darauf als kleine Katze. Beckmann ist mit seiner Figuration und Narration sehr wichtig für die Künstler aus der DDR.
taz: Der Dresdner Bilderstreit hat vor einigen Jahren gezeigt, wie emotional aufgeladen die Präsenz von Kunst aus der DDR in Museen aufgeladen ist. Erwarten Sie Gegenwind zu Ihrer Auswahl – und wenn ja, von welcher Seite?
Graser: Als ich hier anfing, war ich sehr erstaunt, dass sich Leipziger Künstler*innen so stark mit dem Haus identifizieren. Viele sind oft hier und schauen sich sehr genau an, was passiert und ob ihre eigenen Werke gezeigt werden. Die Reaktionen kommen bei mir an. Wir können nicht alle Künstler*innen gleichzeitig zeigen. Deshalb wird die Sammlungspräsentation alle anderthalb Jahre aktualisiert. Das wird in anderen Häusern nicht so oft gemacht.
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