Kunsthistorikerin über Handarbeit: „Sticken hat einen anderen Reiz, als ein Plakat zu bemalen“
Wer an Proteste denkt, hat wahrscheinlich nicht direkt Handarbeit vor den Augen. Dabei ist der feministische Kampf eng mit Nadel und Faden verwoben.
taz: Luisa Hahn, einmal im Monat organisieren Sie im Hamburger Museum der Arbeit die Veranstaltung „Protest-Sticken“. Was hat denn Sticken mit politischem Protest zu tun?
Luisa Hahn: Das beantwortet ein Blick in die Kunstgeschichte: Handarbeit wurde lange überhaupt nicht als künstlerisches Medium wahrgenommen. Das galt damals eher als etwas Repetitives, als Beschäftigung für Frauen, die keine besondere Kreativität erfordert. Im frühen 20. Jahrhundert haben das dann Frauenrechtlerinnen für sich genutzt, beginnend mit den Suffragetten in England.
taz: Wie kann ich mir das vorstellen?
Hahn: Die Suffragetten haben damals für das Frauenwahlrecht in England gekämpft. Für ihre Proteste haben sie große Banner genäht und ihre Forderungen drauf gestickt: „Votes for women“. So haben sie gezeigt, dass Frauen nicht nur zu Hause Handarbeit machen können, sondern auch eine politische Stimme haben. Damit deuteten sie Handarbeit aktiv als Protest um.
taz: Was genau wurde da umgedeutet?
Hahn: Aktuell haben wir im Hamburger Museum der Arbeit eine Sonderausstellung zu Care-Arbeit, das ist ein super Beispiel dafür, wie die Umdeutung funktioniert hat. In der Ausstellung sind bestickte Tücher um das Jahr 1900 zu sehen. Da steht sowas drauf wie „Schmeckt daheim der Schmaus, bleibt der Mann zu Haus’“ oder „Die Küche ist dein größter Schatz“. Also diese ganzen ideologischen Sätze, die auch festlegen, welche Rollen Frauen in der Gesellschaft zugeschrieben wurden und zum Teil immer noch werden. Und dieses Umdeuten ist, zu sagen: Wir nehmen diese Technik, die lange Frauen an den Haushalt gebunden hat, und bringen sie mit dem Protest-Sticken in die Öffentlichkeit. Die Handarbeit passiert dann nicht länger im stillen Kämmerlein. Außerdem beschäftigen wir uns mit politischen Themen, weil wir unsere Forderungen auf Stoff sticken und darüber reden.
taz: Warum ist das auch heute noch relevant?
Hahn: Ich glaube, dass es einen anderen Reiz hat, als ein Plakat zu zeichnen oder was zu malen. Cool ist, dass die eigenen Statements so auch auf Kleidung getragen werden können. Einen großen Aufschwung gab es in den letzten Jahren durch Social Media. Besonders um die Women's Marches nach Trumps erster Wahl wurde viel gehäkelt und gestrickt. Ich denke da an eine Frau, die mit ihrem Stick-Protest viral gegangen ist. Darauf stand übersetzt: „Ich bin sauer! Ich habe das gestickt, damit ich etwas 3.000-mal stechen konnte.“
taz: Warum haben Sie das Protest-Sticken ins Museum geholt?
Hahn: Wir wollten einen Ort schaffen, an den Leute kommen und gemeinsam etwas mit ihren Händen machen können. Das ist uns mit dem Protest-Sticken gelungen. Während der Handarbeit entstehen total nette Gespräche. Wir sitzen zusammen, packen alle unsere Handys weg für die Zeit und reden über die Themen, zu denen wir etwas sticken.
Handarbeit
Das nächste Protest-Sticken findet Montag, den 27. April um 18 Uhr in der Zukunftswerkstatt des Museums der Arbeit statt. Die Teilnahme ist kostenlos.
Ausstellung
„CARE! Wenn aus Liebe Arbeit wird“, noch bis zum 3. Mai, Museum der Arbeit, Wiesendamm 3, sonntags findet von 12 bis 13 Uhr eine Führung statt.
taz: Was wird da so gestickt?
Hahn: Bei uns können alle sticken, was sie wollen. Es liegen ein paar Sachen zur Inspiration aus, aber häufig bringen die Teilnehmenden bereits eigene Ideen mit. Die Sprüche „Bildet Banden“ oder „Smash the Patriarchy“ werden öfters gestickt. Die sind super, weil sie recht kurz sind. Man kann die gut an einem Abend schaffen. Angelehnt an das Thema Care-Arbeit hat jemand auch mal „I'm so tired cleaning up your mess“ gestickt. Eine andere Person hat eine Jeanshose zum Besticken mitgebracht und auf eine der Taschen dann „linksversifft“ gestickt. Also satirisch.
taz: Und welche Parole haben Sie zuletzt gestickt?
Hahn: Unser letztes Treffen war kurz nachdem Friedrich Merz die Debatte über Teilzeit losgetreten hat. Da habe ich dann in einen kleinen Rahmen mit Stoff „Lifestyle Teilzeit … my ass“ gestickt.
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