Kunst im öffentlichen Raum: Die nackte Eva und der männliche Blick
In Hamburg-Wandsbek hat die Skulptur einer nackten Frau im öffentlichen Raum Anstoß erregt. Der Bildhauer bittet darum, genau hinzuschauen.
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Mit der Skulptur einer nackten jungen Frau muss sich die Bezirksversammlung Hamburg-Wandsbek befassen. Ein Bürger unbekannten Geschlechts zeigte sich schockiert vom Anblick dieser lebensgroßen Frauenfigur im alltäglichen Straßenbild. „Die Skulptur reduziert den weiblichen Körper auf ein bloßes Objekt und bedient den klassischen, rein männlich geprägten Blick“, heißt es in der Eingabe an das Bezirksamt. So ein „patriarchales Kunstwerk“ gehöre nicht in den öffentlichen Raum, allenfalls ins Museum.
Der Bildhauer Bernd Stöcker, in Wandsbek aufgewachsen und inzwischen in Süddeutschland lebend, ist erstaunt, dass seine „Eva“ plötzlich für Aufsehen sorgt. Schließlich steht sie schon seit 1984 im Wandsbeker Ortsteil Rahlstedt: zunächst vor dem Ortsamt und heute als Nachguss am Eingang der Fußgängerzone. 2010 war die Skulptur abgesägt und geklaut worden.
Der Petent oder die Petentin echauffiert sich auch über den Namen Eva: „Das nimmt der Figur jede Individualität und degradiert sie zur bloßen Projektionsfläche für veraltete Klischees von Verführung und Sünde.“ Dass die Figur 2011 einfach eins zu eins wieder aufgebaut wurde, ohne die Wirkung auf Frauen im Stadtteil zu hinterfragen, sei ein Fehler gewesen.
Stöcker findet diese Sichtweise verblüffend. Seine Figur sei eben nicht schematisch, sondern im Gegenteil einer ganz bestimmten Frau nachgebildet, was sich etwa an einer leichten Fehlstellung der Hüfte zeige. Das Moderne daran sei gerade, die Frau in ihrer Individualität darzustellen.
Eine Frage der Körperhaltung
Auch dass seine Figur sexualisiert sein soll, kann der Bildhauer nicht nachvollziehen. „Für mich war das Ziel, eine moderne selbstbewusste Frau darzustellen“, sagt Stöcker. So signalisiere der nach vorne gereckte Ellenbogen Widerstand. Und er verweist auf eine weitere Plastik von ihm in Wandsbek: eine nackte Zeitungsleserin aus den 80er Jahren. Eine Frau als Teilnehmerin am öffentlichen Leben darzustellen, habe es bis dato nicht gegeben.
Das alles sei freilich nur zu erkennen, wenn man hinschaue und zu differenzieren bereit sei. „Wenn man die Körperhaltung nicht liest und darüber hinwegschaut, hat man ein Problem“, sagt Stöcker.
Er kann sich dabei auf einen Förderer, seinen ehemaligen Lehrer Gerhard Fuchs, berufen, der später Wandsbeker Bezirksamtsleiter war. Dieser wies zur Einweihung des Kunstwerks darauf hin, dass es sich bei der Nacktdarstellung von Frauen seit der Antike um ein zeitloses Thema der Kunst handele.
Stöckers Eva wirke nicht erotisch. „Die Geschlechtlichkeit ist nicht vieldeutig, sie ist offen und klar und dokumentiert, dass ihr die gleiche Rolle zufällt wie etwa dem Kinn, der Hüfte oder dem Haar“, schrieb Fuchs anlässlich der Aufstellung der Plastik. Die Eva komme ihm „etwas spröde vor, nicht geziert, mit natürlichen Fehlern behaftet, keine Zur-Schau-Stellung der Frau, sondern ein selbstverständliches Dabeisein.“
Joanna Warsza, Stadtkuratorin
Stöcker erinnert daran, dass er auch Männer wie Heinrich Heine oder Elvis Presley in Stein gehauen habe. „Wichtig ist für mich, dass ich den Menschen in seiner Natürlichkeit darstelle“, sagt der Künstler. Zugleich räumt er ein, dass es sich um ernst zu nehmende Bedenken handele, über die es zu sprechen gelte. „Ich stehe gerne vor der Figur Rede und Antwort“, versichert der Bildhauer.
Größere Aufregung über die Eva gab es schon 1984, wie ein Artikel der Wandsbeker Zeitung aus dem Archiv des Bürgervereins Wandsbek belegt. Der Autor zitiert in humorvoller Weise die Bedenken von Mitarbeiterinnen des Ortsamts, vor dem die Skulptur ja zunächst aufgestellt worden war. „Wir sind zwar ein öffentliches Haus – aber doch nicht in diesem Sinne!“, schrieben die Mitarbeiterinnen. Ob bei der Auswahl weiterer Kunstobjekte nicht die Meinungen der Mitarbeiter berücksichtigt werden könnten.
Kritische Auseinandersetzung statt Entfernung
„Der öffentliche Raum ist bis heute patriarchal geprägt“, sagt Joanna Warsza, die sich als Hamburger Stadtkuratorin um die Kunst im öffentlichen Raum kümmert. Über viel zu lange Zeit sei diese nahezu ausschließlich von Männern konzipiert, geplant und gestaltet worden. „Es ist gut, dass wir beginnen, dies wahrzunehmen und anzuerkennen“, sagt Warsza.
Allerdings könnte es aus ihrer Sicht voreilig sein, die Skulptur einfach abzuräumen. „Sollten alle problematischen Denkmäler entfernt werden?“, fragt Warsza. Sie plädiert dafür, sich an der Hamburger Tradition der Gegendenkmäler zu orientieren wie beim „Kriegsklotz“, einem massiven Kriegerdenkmal am Dammtor. „Statt problematische Denkmäler einfach zu entfernen, könnten wir sie durch künstlerische Interventionen, Kommentare und kritische Ergänzungen in einen neuen Kontext stellen.“
Warsza schlägt eine künstlerische oder kritische Auseinandersetzung mit der Skulptur vor, die beispielsweise von den Bewohnern selbst entwickelt werden könnte. Dadurch könnte ein Raum für öffentliche Reflexion und Debatte über das Kunstwerk entstehen. „Sollte seine weitere Präsenz im Laufe der Zeit als unerträglich empfunden werden, könnten wir immer noch über weitergehende Schritte nachdenken“, findet die Stadtkuratorin.
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