Kunst gegen das Schweigen der Logistiker: Erinnerung an Kühne + Nagel gewinnt

Der Meisterschüler Felix Dreesen hat mit einem Werk über Kühne + Nagels Verwicklungen im Nationalsozialismus den Karin-Hollweg-Preis gewonnen.

Mit Buschstaben bemalte Fenster stehen in einer Galerie

Historische Relikte einer Protestaktion gegen das Schweigen von Kühne + Nagel: Patches of Protest von Felix Dreesen Foto: Foto: Christina Stohn

BREMEN taz | Mit seinem Werk „Patches of Protest“ hat Felix Dreesen, Meisterschüler an der Hochschule für Künste Bremen, den mit 15.000 Euro dotierten Karin-Hollweg-Preis zur Förderung junger KünstlerInnen gewonnen. Seine Arbeit besteht aus neun bemalten Fenstern, die von der Baustelle des ehemaligen Firmensitzes von Kühne + Nagel stammen. Sie sind Relikte einer Protestaktion, die sich auf die Verwicklungen der Logistikfirma im Nationalsozialismus bezog.

Unbekannte hatten während der Abrissarbeiten des ehemaligen Bremer Firmensitzes von Kühne und Nagel an der Schlachte über Nacht die Fenster der Bürofassade mit einer Botschaft bemalt: „500 Schiffe 735 Züge 1942–1944 mehr als nur ein Dienstleister – gegen das Vergessen!“ Kurz danach hatten Bauarbeiter diese Fenster entfernt.

Dreesen präsentiert jetzt neun unversehrte Fenster in ihrer ursprünglichen Reihenfolge. Er sagt nicht, woher er sie hat. Überzeugt hat die Jury nach eigener Auskunft „die Mehrdeutigkeit und Vielschichtigkeit“ des Beitrags von Dreesen. Das Werk bilde die „Wirkmächtigkeit von Kunst innerhalb gesellschaftlicher Diskurse“ ab.

Der Preis ist einer der wichtigsten Kunstförderpreise in Deutschland. Dreesen hat sich gegenüber 16 anderen jungen KünstlerInnen durchgesetzt, deren Arbeiten ebenfalls in der Ausstellung „OH WOW. Meisterschülerausstellung der Hochschule für Künste Bremen“ in der Weserburg zu sehen sind. Mit der Preisverleihung am Freitagabend eröffnete die Ausstellung.

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