Kommentar Mahnmals-Standort: Bockender Bürgermeister

Warum sich die SPD zur Schutzmacht des NS-belasteten Konzerns Kühne+Nagel macht, bleibt schleierhaft. Das „Arisierungs“-Mahnmal wirkt trotzdem.

Die Schlachte in Bremen: eine Flaniermeile entlang der Weser

Hier an der Bremer Schlachte soll nach der Entscheidung der rot-grünen Koalition das „Arisierungs“-Mahnmal entstehen Foto: Jan Zier

Der Versuch, in Bremen ein „Arisierungs“-Mahnmal zu errichten, zeigt einen klassischen Konflikt zwischen Exekutive und Legislative. Der wurde in großem Stil kürzlich am Beispiel der Armenienresolution des Bundestages durchexerziert.

Aber in der Bremer Provinz? Warum die dortige SPD partout als Schutzmacht für die Interessen des Weltkonzerns Kühne+Nagel auftreten will, der so vehement seine NS-Geschäfte leugnete, bleibt ihr Geheimnis. Dass der Konzern sonst seine Arbeitsplätze aus Bremen abziehen würde, verweisen Firmen-Insider jedenfalls ins Reich der opportunen Legende.

Trotzdem bockt der Bremer Bürgermeister, wenn es darum geht, die gefühlte „Bannmeile“ um den Konzernsitz per Mahnmal zu durchbrechen. Misslich bei all dem auch die Missachtung des Stadtteil-Beirats. Die Platzierung von Kunst im öffentlichen Raum gehört zu dessen ureigensten Befugnissen, dennoch wurde er monatelang aus dem Verfahren herausgehalten. Was damit zusammenhängen könnte, dass sich dort eine Mehrheit dagegen abzeichnete, den Befindlichkeiten von Kühne+Nagel Priorität einzuräumen.

Trotz allem hat die taz-Initiative Wesentliches erreicht: Erstens hat sie der geschichtsverfälschenden Selbstinszenierung des Konzerns etwas Wirkungsvolles entgegengesetzt. Das hat Auswirkungen auch auf die Unternehmen und Institutionen vor Ort: Die Bremer Wirtschaft insgesamt ist jetzt eine Selbstverpflichtung eingegangen, sich mit ihrer NS-Geschichte zu befassen. Hier hat das SPD-geführte Kulturressort einen Verhandlungserfolg errungen. Der sollte aber nicht zur Verhandlungsmasse in Sachen Mahnmalstandort degradiert werden.

Die Bremer Wirtschaft insgesamt ist jetzt eine Selbstverpflichtung eingegangen, sich mit ihrer NS-Geschichte zu befassen

Zweitens ist ein Bewusstsein dafür geweckt, dass von der privaten Bereicherung im Holocaust in zahlreichen Familien eine Erbschaft bleibt, das bei vielen Beiträgen zum Ideenwettbewerb der taz für das Denkmal eine Rolle spielte. Das ist nachhaltig.

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2015 bis 2022: Von der taz-Kampagne „4 Qm Wahrheit“ bis zum Bau des Arisierungsmahnmal in Bremen

Kühne+Nagel: Das Logistikunternehmen Kühne+Nagel (K+N) feiert 2015 auf dem Bremer Marktplatz sein 125-jähriges Jubiläum und stellt dabei die Firmengeschichte zur Schau. Die taz recherchiert die fehlenden Fakten, u.a. die maßgebliche Beteiligung der Firma am Abtransport der Wohnungseinrichtungen der deportierten jüdischen Bevölkerung in ganz Westeuropa.

Crowdfunding: Unter dem Motto „4 Qm Wahrheit“ werden 27.003 Euro für den Kauf von 4 Quadratmeter Boden auf dem Platz gesammelt, auf dem K+N in Bremen seinen Neubau errichten will – als Standort für ein Mahnmal.

Kaufangebot: Die taz bietet der Stadt Bremen den doppelten Quadratmeterpreis wie K+N. Das Angebot wird abgelehnt, involviert aber Finanz- und Bauausschuss in die Thematik.

Gestaltungs-Wettbewerb: Die taz sammelt Ideen, wie „die Totalität der,Verwertung' jüdischen Eigentums in Gestalt eines Mahnmals visualisiert werden könnte. Unter den 60 Teilnehmenden des Gestaltungs-Wettbewerbs aus ganz Deutschland und Österreich sind sowohl bekannte Künst­le­r:in­nen als auch Schulklassen. Der Wettbewerb löst zahlreiche familienbiographische Nachfragen und Auseinandersetzung aus. Der Entwurf von Evin Oettingshausen kommt auf Platz 1.

Die taz veranstaltet am 3. November 2016 ein Symposium in der Bremischen Bürgerschaft: „Arisierung“ – über den Umgang mit dem Unrechts-Erbe.

Alle Fraktionen der Bremischen Bürgerschaft beschließen im November 2016 den Bau des Mahnmals.

Langes Ringen um den „richtigen“ Standort in Bremen: Soll das Mahnmal bei Kühne+Nagel, am Europahafen, an der Jugendherberge oder irgendwo dazwischen verortet werden?

Dynamik: Parallel zum politischen Prozess entstehen, ausgelöst von der Kampagne „4 qm Wahrheit“, künstlerische Aktionen, temporäre Mahnmale, Masterarbeiten, internationale Ausstellungsbeiträge, Radioreportagen und Regionalromane.

Ergebnis: Am 1. Februar 2022 beschließt der Bremer Senat den Bau des Mahnmals – zwischen Kaisenbrücke und den Bremer Weserarkaden, schräg unterhalb des Firmengebäudes von Kühne+Nagel.

2015 bis 2022: Von der taz-Kampagne „4 Qm Wahrheit“ bis zum Bau des Arisierungsmahnmal in Bremen

Kühne+Nagel: Das Logistikunternehmen Kühne+Nagel (K+N) feiert 2015 auf dem Bremer Marktplatz sein 125-jähriges Jubiläum und stellt dabei die Firmengeschichte zur Schau. Die taz recherchiert die fehlenden Fakten, u.a. die maßgebliche Beteiligung der Firma am Abtransport der Wohnungseinrichtungen der deportierten jüdischen Bevölkerung in ganz Westeuropa.

Crowdfunding: Unter dem Motto „4 Qm Wahrheit“ werden 27.003 Euro für den Kauf von 4 Quadratmeter Boden auf dem Platz gesammelt, auf dem K+N in Bremen seinen Neubau errichten will – als Standort für ein Mahnmal.

Kaufangebot: Die taz bietet der Stadt Bremen den doppelten Quadratmeterpreis wie K+N. Das Angebot wird abgelehnt, involviert aber Finanz- und Bauausschuss in die Thematik.

Gestaltungs-Wettbewerb: Die taz sammelt Ideen, wie „die Totalität der,Verwertung' jüdischen Eigentums in Gestalt eines Mahnmals visualisiert werden könnte. Unter den 60 Teilnehmenden des Gestaltungs-Wettbewerbs aus ganz Deutschland und Österreich sind sowohl bekannte Künst­le­r:in­nen als auch Schulklassen. Der Wettbewerb löst zahlreiche familienbiographische Nachfragen und Auseinandersetzung aus. Der Entwurf von Evin Oettingshausen kommt auf Platz 1.

Die taz veranstaltet am 3. November 2016 ein Symposium in der Bremischen Bürgerschaft: „Arisierung“ – über den Umgang mit dem Unrechts-Erbe.

Alle Fraktionen der Bremischen Bürgerschaft beschließen im November 2016 den Bau des Mahnmals.

Langes Ringen um den „richtigen“ Standort in Bremen: Soll das Mahnmal bei Kühne+Nagel, am Europahafen, an der Jugendherberge oder irgendwo dazwischen verortet werden?

Dynamik: Parallel zum politischen Prozess entstehen, ausgelöst von der Kampagne „4 qm Wahrheit“, künstlerische Aktionen, temporäre Mahnmale, Masterarbeiten, internationale Ausstellungsbeiträge, Radioreportagen und Regionalromane.

Ergebnis: Am 1. Februar 2022 beschließt der Bremer Senat den Bau des Mahnmals – zwischen Kaisenbrücke und den Bremer Weserarkaden, schräg unterhalb des Firmengebäudes von Kühne+Nagel.

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