Kulturpolitik in Berlin: Der Rückzug der Debatte aus dem Stadtraum
Am Ernst-Reuter-Platz zeigt sich: Weniger Kunst im öffentlichen Raum bedeutet oft weniger unbequeme Fragen. Ist es politischer Wille?
Nur über eine Art Geheimweg, den Ausgang „Mittelinsel“ der U-Bahn, ist der Ernst-Reuter-Platz in Charlottenburg überhaupt erreichbar. Kein Übergang, keine Ampel – die oder der Fußgänger*in taucht einfach auf, mitten im Verkehr. An diesem frühen Frühlingsnachmittag sind die Springbrunnen noch nicht in Betrieb, das Abstandsgrün liegt grau und erschöpft da, als habe der Winter es noch nicht freigegeben. „Gemütlich hier, was?“, schreit Martin Schönfeld gegen den Lärm an.
Dass der Leiter des Büros für Kunst im öffentlichen Raum im Berufsverband Bildender Künstler*innen und Künstler in Berlin ausgerechnet diesen Ort gewählt hat, um über die rigide Sparpolitik des schwarz-roten Senats zu sprechen, ist eine Setzung. Denn dies ist kein Platz, sondern ein überdimensionierter Kreisel. Autos schieben sich in endlosen Schleifen vorbei, mehrspurig, ununterbrochen. Es ist, als befände man sich im Nukleus einer Waschmaschine: alles in Bewegung, nichts, woran es sich festzuhalten lohnt.
Und doch stehen um den Unort herum Gebäude der Nachkriegsmoderne, die vom Wiederaufbau der Stadt erzählen – plastischer, als es jedes Geschichtsbuch könnte: das Osram-Haus, entstanden im frühen Wiederaufbau, noch ein wenig schüchtern hoffnungsvoll. Das Telefunken-Hochhaus, wenige Jahre später, schon sehr viel selbstbewusster. Und schließlich – Thema Sanierungsstau bei den Berliner Hochschulen – das renovierungsbedürftige Architekturgebäude der Technischen Universität, das für eine eher abgespeckte Vorstellung von Planung und Ordnung steht. Heute wirken alle drei wie lose Fragmente eines Zusammenhangs, der sich längst aufgelöst hat.
Hier, erklärt Martin Schönfeld, hätte man ansetzen können: nicht mit Verschönerung, sondern mit Irritation. Künstlerische Interventionen hätten den Platz lesbar machen können – als historisches Dokument, als offene Frage. Studierende hätten eingebunden werden müssen, Anwohner*innen den Ort bespielen können. Kunst hätte hier nicht dekoriert, sondern offengelegt: die Antiquiertheit des Raums, seine Dysfunktionalität, aber auch seine Möglichkeiten.
Drastische Kürzungen im Etat
Doch all das wird hier nicht stattfinden. Die drastischen Kürzungen im Etat für Kunst im öffentlichen Raum haben genau solche Projekte unmöglich gemacht. Ursprünglich betrug der jährliche Topf für Schönfelds Büro, das das Land Berlin seit fast 50 Jahren bei Kunst im öffentlichen Raum unterstützt, 750.000 Euro. Im Haushaltsplan 2026/27 wurde das Projekt Draußenstadt, bei dem es ebenfalls um künstlerische Interventionen im öffentlichen Raum ging, beendet und der Haushaltstitel „Künstlerische Gestaltung im Stadtraum“ um zwei Drittel gekürzt. Bleiben 125.000 Euro. „Das bedeutet nicht nur das weitgehende Aus für Kunst im öffentlichen Raum in Berlin“, so Schönfeld. „Es ist auch das Ende von Gelegenheiten, Stadt öffentlich zu verhandeln. Es ist ein Rückzug des Nachdenkens aus dem Stadtraum selbst.“
Denn Kunst im öffentlichen Raum ist längst nicht mehr das, womit viele Stadtbewohner*innen aufgewachsen sind: Mit schweren Bronzeplastiken auf Sockeln, die öde Orte oft eher schmallippig bebildern. Sie richtet sich nicht mehr an ein distinguiertes Publikum, das abstrakte Kunst zu deuten weiß, sondern an alle, die sich zufällig im Raum befinden – egal, wie alt, reich und gebildet sie sind: Sie ermöglicht Teilhabe ohne Zugangshürden, stößt Debatten an, die weit über die Kunst hinaus gehen. Viele andere Städte wie etwa Wien oder München haben das offenbar besser verstanden – sie gaben dafür allein im Jahr 2023 900.000 beziehungsweise 800.000 Euro aus.
Martin Schönfeld erklärt: Wenn diese Praxis verschwindet, wird sich die Kunst wieder mehr in Galerien und Institutionen zurückziehen, in „closed shops“, die für viele schwer zugänglich sind. Die Stadt verliert damit ein Instrument, das soziale, politische und ökologische Probleme sichtbar machen kann. Was verloren geht, lässt sich an Projekten ablesen, die noch möglich waren.
Im Hansaviertel zum Beispiel. Dort entstand 2018 und 2019 mit „Nachbarn auf Zeit“ eine Intervention, die zunächst einfach verwirrte: Mitten in der Stadt wurde eine Schafsweide eingerichtet. Der Auftakt war eine Demonstration mit rund 200 Schafen, von anfänglich über 500 Menschen, denen sich immer mehr anschlossen, begleitet von Schäfer Knut Kucznik: vom Haus der Kulturen der Welt über Bellevue und den Großen Stern bis zum Hansaplatz.
Ein Ort für Gespräche
Im Anschluss blieben fünf Schafe für einen Monat im Hansaviertel. Die Wiese neben der Hansabibliothek wurde zur Weide mit Stall. Plötzlich entstand ein Ort, an dem Menschen stehen blieben, ins Gespräch kamen, Tiere fütterten, abends in den Stall trieben und morgens wieder ins Freie ließen, sich dafür absprechen und koordinieren mussten.
Dabei knüpfte das Projekt auch an die Geschichte des Viertels an, das im Rahmen der Interbau 1957 als „Stadt von morgen“ konzipiert worden war. Plötzlich ging es darum, wie diese „Stadt von morgen“ von heute aus konzipiert werden könnte – unter den Bedingungen des Klimawandels. Die Schafe gaben einen Impuls, gemeinsam darüber zu verhandeln.
Weitere Projekte des Büros für Kunst im öffentlichen Raum fanden in dezentralen, städtebaulich problematischen Bezirken wie Marzahn und Hellersdorf statt, aber auch in der Leipziger Straße, die streckenweise eher wie eine Autobahntrasse wirkt denn als innerstädtische Straße. Dass hier rund 6.500 Menschen leben, versinkt im Smog und Lärm.
Gerade diese Widersprüchlichkeit machte die Leipziger zum Ausgangspunkt für mehrere künstlerische Projekte. Den Auftakt bildete 2024 der „Gertraudenhain“ des Künstlers Christof Zwiener am Spittelmarkt. Auf einer stark belasteten Fläche von 150 Quadratmetern entstand ein sogenannter Tiny Forest – ein dichter, schnell wachsender Miniwald aus über 450 Baum- und Strauchsetzlingen, angelegt nach den Methoden des Botanikers Akira Miyawaki, der auf diese Weise in Japan und anderswo Industriegebiete, Böden neben Fabriken und Häfen, entlang von Straßen, Deichen und sogar um Kernkraftwerke herum aufgeforstet hat.
Mehr als ein schicker Aufkleber
Doch auch in der Leipziger Straße ging es nicht nur um Begrünung. Der Prozess selbst war Teil der Arbeit: Bodenanalysen, Grabungen, die Freilegung von Schichten, die Zusammenarbeit mit lokalen Initiativen und Werkstätten. Die Bäume wurden gemeinsam mit der Nachbarschaft gepflanzt. Ein Weg aus geborgenen Materialien durchzieht das kleine Wäldchen.
Weitere Projekte entlang der Leipziger Straße – Installationen, Performances, Gesprächsformate – griffen diesen Ansatz auf. Sie verbanden künstlerische Praxis mit konkreten Orten und ihren Bewohnern – und machten klar, dass auch hier Kunst im öffentlichen Raum weit mehr sein kann als ein schicker Aufkleber.
Die aktuellen Kürzungen treffen genau diese Praxis. Sie entziehen nicht nur einzelnen Projekten die Grundlage, sondern einer ganzen Arbeitsweise. Was bleibt, ist Verengung: Kunst wird wieder stärker an institutionelle Räume gebunden, unsinniger öffentlicher Raum sich selbst überlassen.
Der umtoste Ernst-Reuter-Platz steht exemplarisch für diese Entwicklung. Und vielleicht ist genau das der eigentliche Punkt: Wenn es immer weniger Orte für Auseinandersetzung im Alltag einer Stadt wie Berlin gibt, findet sie auch immer weniger statt. Insofern wirkt der Ernst-Reuter-Platz nicht mehr nur wie ein Planungsfehler aus der Vergangenheit, sondern wie ein gegenwärtiges politisches Signal.
Die Umwandlung solcher Orte in dritte Räume, an denen unbequeme Fragen gestellt werden können: Sie ist derzeit offenbar nicht gewollt.
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