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Künstlerin über Spuren des Kolonialismus„Deutschland hat einen sehr hohen Moralanspruch“

Um den deutschen Kolonialismus aufzuarbeiten, greift die Politikwissenschaftlerin Natascha Nassir-Shahnian auf die Kunst zurück.

Interview von

Charlina Strelow

taz: Frau Nassir-Shahnian, in Ihrer Kunst gehen Sie „Kolonialismus in deutschen Landschaften“ nach. Wie kann man sich das vorstellen?

Natascha Nassir-Shahnian: Ich arbeite mit Familienbiografien, Erzählungen und Überlieferungen. Daraus wird ein künstlerisch-essayistischer Film. Ich habe drei Jahre lang recherchiert, das ist jetzt der Zwischenstand. Langfristig soll es ein großes Serienprojekt werden.

taz: Um welche Landschaften geht es?

Nassir-Shahnian: Ich bin in Nordfriesland aufgewachsen, in der Nähe der Gemeinde Reußenköge. Deshalb sind Wasser und Algen in meiner Arbeit wichtige Portale, die Informationen und Beziehungen herstellen. Dort, wo ich herkomme, gibt es den Sönke-Nissen-Koog. Die ganze Landschaft ist mit der Kolonialgeschichte und dem Genozid verbunden.

taz: Inwiefern?

Nassir-Shahnian: Sönke Nissen war Bauingenieur, er hat in Namibia den Ausbau der Bahn vorangetrieben. Dieser Ausbau wurde genutzt, um den Widerstand der Nama gegen den Genozid niederzuschlagen. Nissen ist in Namibia innerhalb kürzester Zeit zum Millionär geworden, weil einer seiner Arbeiter auf Diamanten gestoßen ist und er sich gemeinsam mit Partnern die Schürfrechte gesichert hat. Als er später zurück nach Norddeutschland kam, wurde er um Investition in den Deichbau gebeten. Das Land, das vom Meer geschützt wird, ist also in krasse Gewaltgeschichten verwoben. Aufgearbeitet worden sind sie nicht.

Im Interview: Natascha Nassir-Shahnian

39, ist Politikwissenschaftlerin und Filmemacherin und arbeitet als freiberufliche Prozess­begleiterin zu (Handlungs-)Macht und Beziehungen.

taz: Eigentlich sind Sie Politikwissenschaftlerin, warum der Weg in die Kunst?

Nassir-Shahnian: Die Kunst ermöglicht eine andere Emotionalität. Über den Film können viele Menschen mit mir und dem, was ich zu erzählen habe, in eine tiefere Ebene tauchen. Ich möchte Kunst machen, die experimentell, aber zugänglich ist.

taz: Sie wollen auch einen „offenen Dialog“ anstoßen.

Nassir-Shahnian: Angst und Vermeidung spielen in der Auseinandersetzung mit den kolonialen Schuldbeziehungen eine große Rolle. Bevor es überhaupt zu einem Prozess von „Reparationen“ kommen kann, braucht es eine deutsche Auseinandersetzung mit der Schuld, ohne das die Frage der Verantwortung ausgelagert wird.

taz: Wie kann diese Auseinandersetzung gelingen?

Nassir-Shahnian: Eine meiner Leitfragen ist: Wie können wir uns mit dem Kolonialismus beschäftigen, ohne ständig so zu tun, als wären wir überrascht?

Die Ausstellung

„Unter dem Gewicht atmest du anders. Schuld und Haben“: Sa, 7. 6., bis So, 7. 9., Gesellschaft für aktuelle Kunst, Teerhof 21, Bremen

taz: Wie meinen Sie das?

Nassir-Shahnian: Es gibt eine ganze Menge, über das man sich wundern kann. Deutschland ist ein Land mit sehr hohem Moralanspruch an sich selbst. Man will hier unbedingt gut sein. Ich glaube, das ist ein Trugschluss. Man sollte sich fragen, welche Ethik hier praktiziert wird, nicht welche Moral.

taz: Worin liegt der Unterschied?

Nassir-Shahnian: Moral hat sehr viel mit dem Wunsch zu tun, rein zu sein. So ist der Kolonialismus ja auch durch die Gegend gezogen. Ethik ist ein viel dynamischeres Konzept. Da geht es darum, bestimmte Grundbedürfnisse – zum Beispiel Sicherheit, Würde, Zugehörigkeit – immer wieder zu verhandeln und herzustellen. Wie können sich Beziehungen an Ethik ausrichten? Das ist ein permanenter Prozess.

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