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Kritik an Ditib-Moschee in HamburgUnd wieder ein Einzelfall

André Zuschlag

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André Zuschlag

Eine Hamburger Ditib-Moschee will Jubiläum feiern – und lädt Islamisten als Redner ein. Doch billige Empörung über den Fall hilft auch nicht weiter.

Hat zum Jubiläum problematische Gäste eingeladen: Ditib-Kocatepe-Camii-Moschee in Bergedorf Foto: Christian Ohde/imago

E s ist wie der Autounfall: Man will nicht hinschauen – und kann doch nicht wegsehen, wie die Hamburger Kocatepe-Camii-Moscheegemeinde und mit ihr der Landesverband Ditib da agiert, seit vor zwei Wochen die ersten Vorwürfe gegen ihr geplantes Jubiläumsfest laut wurden.

Mitte Mai feiert die Gemeinde im Bezirk Bergedorf ihren 40sten Geburtstag; ein mehrtägiges, großes Fest auf dem öffentlichen Frascatiplatz soll da begangen werden mit Tausenden Besucher:innen. Hüpfburgen für Kinder werden aufgebaut, diverse Essensstände – und auch eine Bühne für islamistische Prediger.

„Hamasverherrlichung und Judenhass“ kritisierte zu Recht die Bergedorfer FDP, weil die Ditib-Gemeinde geplant hatte, Bünyamin Topçuoğlu und Mustafa Özcan Güneşdoğdu auftreten zu lassen. Der Autor Eren Güvercin hatte darauf hingewiesen, was für Äußerungen die beiden in der Vergangenheit getätigt hatten: Ersterer, ein hochrangiger Vertreter der türkischen Religionsbehörde Diyanet, nannte etwa einen früheren Hamas-Chef einen „Märtyrer“ und stellte im Zuge des 7. Oktober das Existenzrecht Israels infrage.

Der Zweite, Güneşdoğdu, ist ein in Hannover suspendierter Prediger, der Hamas-Vertreter auch schon als „Helden“ bezeichnete und ebenso widerliche Äußerungen nach dem 7. Oktober von sich gab.

Glaubwürdigkeit verloren

Es dauerte ein bisschen, ehe über Umwege bekannt wurde, dass beide Redner von der Liste gestrichen wurden. „Die Gemeinde hat in der Zwischenzeit in einem internen Prozess mit dem Ditib-Landesverband die Veranstaltung überprüft und mitgeteilt, dass die zwei genannten Personen nicht teilnehmen werden“, teilte das Bergedorfer Bezirksamt dem Hamburger Abendblatt mit. Auch zwei weitere geplante Redner sollen mittlerweile nicht mehr eingeplant sein.

Natürlich aber ist die Geschichte nun nicht zu Ende: Denn während der Ditib-Landesverband noch eine „Aufarbeitungskommission“ als Beruhigungspille versprach, stehen nun auch die zwei verbliebenen Redner im Fokus: Auch ihnen wird vorgeworfen, in sozialen Netzwerken antisemitische Inhalte geteilt und islamistische Terroristen gefeiert zu haben.

Für Güvercin, der sich schon länger kritisch mit dem aus der Türkei gelenkten Islamverband Ditib auseinandersetzt, ist denn auch an seinem Hamburger Landesverband kaum mehr etwas glaubwürdig. Er sei ja schließlich „trotz einer ‚Aufarbeitungskommission‘ selbst nicht in der Lage, dafür zu sorgen, dass keine Antisemiten und Terrorverherrlicher eine Bühne in Hamburg bekommen“.

Es wäre wichtiger, das strukturelle Problem eines Verbandes zu erkennen, für den der Glaube ein politisches Instrument ist

Dass die Glaubwürdigkeit damit erst einmal weg ist, kann ja durchaus bedauern, wer kein rassistischer Islamfeind sein will. Wegen solcher Einzelaktionen verallgemeinernd nach einem staatlichen Veranstaltungsverbot zu rufen, wie es die FDP tut, ist jedenfalls arg billig.

Bloß: „Statt aufzuklären, lavierte die Ditib rum, verstrickte sich in Widersprüche und distanzierte sich eilig von der Geisteshaltung“, urteilte die Zeit einmal bei einem ähnlichen Vorfall, der sich vor drei Jahren in einem Kölner Ditib-Saal abspielte. Die Bewertung hat auch im heutigen Fall ihre Gültigkeit. Statt sich also über jeden neuen Einzelfall zu empören, wäre es wichtiger, das strukturelle Problem eines Verbandes zu erkennen, für den der Glaube ein politisches Instrument ist.

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André Zuschlag
Redakteur taz nord
Jahrgang 1991, hat Politik und Geschichte in Göttingen, Bologna und Hamburg studiert. Von 2020 bis August 2022 Volontär der taz nord in Hamburg, seither dort Redakteur und Chef vom Dienst. Schreibt meist über Politik und Soziales in Hamburg und Norddeutschland.
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