Krise bei Großbritanniens Konservativen: „Tories raus“ im Tory-Land

Boris Johnson durchläuft ein Tief. Bei den Nachwahlen in einem Stammwahlkreis der Konservativen steht viel auf dem Spiel.

Beschaulicher Straßenzug in Whitchurch

Beschaulichkeit in Whitchurch, bisher unerschütterlich konservativ Foto: Daniel Zylbersztajn-Lewandowski

SHROPSHIRE NORTH taz | Hohe Hecken an schmalen Landstraßen verbergen große grüne Weiden mit Kühen, Schafen und Pferden. Ein Viertel der rund 80.000 Einwohner sind über 60, sie sind verstreut in vielen Dörfern und sechs Kleinstädten. Der Wahlkreis North Shropshire im Westen Englands an der Grenze zu Wales ist eine Hochburg der Konservativen, seit es sie gibt. Doch am 16. Dezember könnte North Shropshire für den konservativen Premierminister Boris Johnson das Aus einläuten.

Denn am Donnerstag findet hier eine Nachwahl statt – in einer Zeit, in der Johnsons Regierung von einer Kontroverse zur nächsten stürzt. Aktuell ist es der Skandal um illegale Weihnachtspartys in 10 Downing Street vor einem Jahr, mitten im Corona-Lockdown. „Diese Wahl fühlt sich anders an, so als könnten die Tories hier ihren sicheren Sitz verlieren“, glaubt die 29-jährige Sophie Padgett aus der kleinen Marktstadt Market Dreyton.

Dass es die Nachwahl überhaupt gibt, hängt bereits mit Fehlentscheidungen der Johnson-Regierung zusammen. Der bisherige Wahlkreisabgeordnete Owen Paterson, ein ehemaliger Nordirland- und Umweltminister, ließ sich vom nordirischen Phamaunternehmen Randox für ein paar Stunden pro Monat Beratung gut bezahlen, was Randox pandemiebedingte Staatsaufträge einbrachte.

Die Gesprächsnotizen darüber mit dem damaligen Gesundheitsminister sind angeblich nicht mehr auffindbar. Die unabhängige Prüfstelle für parlamentarische Standards untersuchte den Fall und empfahl, Paterson für einen Monat vom Parlament zu suspendieren, wie es die Regeln vorsehen.

Stattdessen aber paukte Johnson mit seiner Mehrheit im Parlament die Auflösung der Prüfstelle durch – nur um das einen Tag später wieder zurückzunehmen, weil so ein Beschluss gar nicht ohne Zustimmung aller Parteien gefällt werden kann. Die Tory-Abgeordneten fühlten sich vorgeführt, und Paterson legte sein Mandat nieder. Nun braucht North Shropshire einen neuen Abgeordneten, und selbst loyale Tories zweifeln an ihrem Parteiführer und seiner Entourage.

Charmant auf dem Podium

Den Sitz für die Konservativen retten: das soll Neil Shastri-Hurst, 38, ehemaliger Chirurg – ein Handleiden beendete seine Karriere – und Rechtsanwalt sowie britischer Armeeveteran. Auf der Rednerbühne gibt er sich charmant und interessiert.

Dem 75jährigen Tony Jones aus St. Martins gefällt das: „Ich habe den Neuen bei einer konservativen Veranstaltung getroffen und war beeindruckt von seiner Kenntnis der Landwirtschaft“, schildert Jones vor einigen seiner 1.000 Kühe. Auf Paterson und die Skandale angesprochen, antwortet Jones, dass Paterson kein schlechter Mensch gewesen sei. „Er stand auf der Seite von uns Farmern. Das ist einfach die generelle Haltung unter Landwirten.“

Doch während eines dreitägigen Aufenthalts in diesem ländlichen Wahlkreis denken viele anders. In der 3.000-Seelen-Gemeinde Prees, wo niemand mit Namen genannt werden könnte – „was sollen denn die Nachbarn denken“ – herrscht allgemeine Verärgerung, allerdings mit einem lokalen Dreh. Besonders unverschämt sei es, dass die Tories einen Kandidaten nach North Shropshire geschickt hätten, der gar nicht von hier kommt, sondern aus der Millionenstadt Birmingham 100 Kilometer entfernt.

Am wichtigsten sei doch, dass der zukünftige Vertreter im Parlament die Probleme vor Ort kenne, sagt ein 66-jähriger Computerfachmann. Jetzt will er nicht mehr konservativ wählen. Eine 52jährige Sozialarbeiterin tendiert zu den Liberaldemokraten, zum ersten Mal in ihrem Leben.

Eine Liebeserklärung, die ausbleibt

Bei einer Wahlveranstaltung in Whitchurch wird Shastri-Hurst gefragt, ob er in North Shropshire bleiben würde, falls er verliert, um es beim nächsten Mal wieder zu versuchen. Er antwortet, dass das von seiner Frau und der Partei abhänge – nicht die Liebeserklärung zur Gegend, die die Menschen hören wollen.

Ein paar Tage später sagt der Tory-Kandidat im BBC-Regionalradio zu den Weihnachtsfeiern in 10 Downing Street die Standardantwort der Regierung: „Wenn Regeln gebrochen wurden, ist es völlig unakzeptabel.“ Und er stehe unabhängig auf seinen eigenen zwei Beinen, sagt er, als wäre er kein Kandidat der Tories.

Shastri-Hurst konnte sich im Wahlkampf von Boris Johnsons Oberflächlichkeit überzeugen, als in der Vorwoche die Schlagzeile im Lokalblatt Shropshire Star über den Besuch des Premierministers im Wahlkreis hervorhob, dass Boris Johnson den Namen Shastri-Hursts zu „Shastri-Hughs“ verdreht habe.

Am Ende nehmen sogar die anderen Kan­di­da­t:in­nen den Konservativen in Schutz

Obwohl Labour bei den letzten beiden Wahlen in North Shropshire zweitstärkste Partei war, allerdings mit weitem Abstand zu den Konservativen, glauben viele, dass die liberaldemokratische Kandidatin Helen Morgan die größten Chancen hat, die Konservativen zu schlagen. Die 46-Jährige wiederholt beständig, dass sie die einzige unter den Kan­di­da­t:in­nen sei, die in North Shropshire leben und arbeiten würde.

„Es ist Zeit, den Tories ein Zeichen zu setzten“, betont die bisherige Kommunalpolitikerin. Bei ihren Auftritten vermeidet sie jedoch den Augenkontakt mit dem Publikum und sie wirkt angespannt, mit verkrampften Schultern und übermüdetem Gesichtsausdruck.

Zeichen gegen Selbstbereicherung

Unter den Spit­zen­kan­di­da­t:in­nen ist sie dennoch die einzige Frau. Andere Frauen gibt es bei den kleineren Parteien, darunter die Kandidatin der Partei Reform UK, Nachfolgepartei von Nigel Farges Brexit Party. Deren Kandidatin, die 39 Jahre alte Kristy Walmsly, war jahrelang Konservative. Seit dem Skandal um Weihnachtsfeiern lief kein Geringerer als der bisherige Vorsitzende der Konservativen der Stadt Market Dreyton zu ihrer Partei über. „Es ist unmöglich für mich, den nicht aus der Region kommenden Shastri-Hurst mit null Wissen über Shropshire“ zu unterstützen“, begründete er seine Entscheidung.

Auf Rednerbühnen nehmen am Ende sogar die anderen Kan­di­da­t:in­nen Shastri-Hurst in Schutz: Wichtig sei, was jemand erreicht habe, nicht wo er herkomme, sagt Duncan Kerr von den Grünen.

Der 61-jährige Kerr ist keine Randfigur. Er war 2020-21 Bürgermeister des Städtchens Oswestry, wo die Grünen 12 von 18 Sitzen im Gemeinderat halten. Stolz erzählt er von Solarpanels auf öffentlichen Gebäuden und kostenlosem Nahverkehr am Samstagen, die es seit dem grünen Wahlsieg im Mai in Oswestry gibt. Falls er ins Parlament einzieht, will Kerr nur ein Drittel seiner Abgeordnetendiät annehmen, was dem britischen Durchschnittsgehalt entspreche – als Zeichen gegen Selbstbereicherung in der Politik.

Trotzdem haben außerhalb Oswestrys nur wenige die Grünen auf dem Radar. Labour-Stammwähler sagen, sie werden Labour wählen, wie immer. Doch der 24-jährige Labour-Kandidat Ben Wood aus Oswestry wirkt unerfahren, obwohl er auf der Rednerbühne in Whitchurch bei einer Bemerkung zu den Weihnachtsfeiern sogar raren Applaus ergattert.

Hinter den Kulissen ist Wood das Resultat einer Ausgliederung des letzten Labour-Kandidaten Graeme Currie, der Corbyn nahe stand – er wirft Labour jetzt „Stalinismus“ vor, führt das Vorgehen gegen ihn auf seine Unterstützung Palästinas zurück und hat die Partei verlassen. Viele Befragte halten Labour trotzdem weiterhin für nicht von Corbyn rehabilitiert und für nicht wählbar.

Rent­ne­r:in­nen Jonathan Abbatt und Valentine Davis loben nach einer Wahlveranstaltung in Oswestry vor allem den Grünen Kerr. Dennoch wird ihre Stimme an die Liberaldemokratin gehen – um die Tories loszuwerden. Am Ende, fügt ein dritter Rentner, John Pinfold, hinzu, wird North Shropshire so oder so gewinnen. „Alle Kan­di­da­t:in­nen der großen vier Parteien sind besser als der, den wir vorher hatten, und die, die jetzt an der Regierung sind.“

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