Kriminalität in Österreich: Kadyrows langer Arm

Ein Exiltschetschene und Kritiker von Tschetscheniens Präsidenten Ramsan Kadyrow wird in Österreich erschossen. Ein weiterer Auftragsmord?

Strassenansicht in einem Gewerbegebiet

Tatort Gerasdorf bei Wien: Hier wurde Mamichan U. Opfer eines Mordanschlags Foto: Thomas Kronsteiner/getty images

WIEN taz | Nach dem Mord an dem Exiltschetschenen Mamichan U. am vergangenem Samstag in einem Vorort von Wien konzentrieren sich die österreichischen Ermittler auf die mutmaßlichen Täter und deren Motiv. Wie das Opfer sind sie russische Staatsbürger tschetschenischen Ursprungs und anerkannte Flüchtlinge. Zumindest gegen den mutmaßlichen Schützen läuft aber ein Asylaberkennungsverfahren.

Eine vom tschetschenischen Kulturverein Itschkeria für Dienstag Nachmittag einberufene Demonstration vor der Russischen Botschaft in Wien blieb überschaubar. Nur 15 bis 30 Teilnehmer*innen waren angemeldet worden. Itschkeria-Gründer Hussein Ischanow glaubt, dass seine Landsleute den langen Arm von Ramsan Kadyrow fürchten. Kadyrow, der 2007 von Wladimir Putin als Statthalter in der autonomen Republik Tschetschenien eingesetzt worden war, soll hinter mehren Mordanschlägen im Ausland stecken.

Mamichan U., der sich in Österreich Martin B. nannte, wurde am Samstagabend vor einer Einfahrt zu einer Baufirma im niederösterreichischen Gerasdorf mit fünf gezielten Schüssen getötet. Noch in der Nacht stellte die Polizei den mutmaßlichen Schützen in der Nähe von Linz. Der 47-jährige Sar Ali A. ließ sich widerstandslos festnehmen.

Wenig später wurde auch der 37-jährige Salman M. verhaftet. Er hatte sich als Leibwächter des Opfers ausgegeben und war ursprünglich als Zeuge vernommen worden. Beide schweigen, wie die Polizei bekannt gab. Sie sind aber keine unbeschriebenen Blätter. Ihre Vorstrafenregister beinhalten Diebstahl, Betrug und Körperverletzung.

Putins Statthalter Ramsan Kadyrow soll hinter mehren Mordanschlägen im Ausland stecken

Auf Bewährung frei

Auch Mamichan U., der 2007 als Konventionsflüchtling anerkannt wurde, war nur auf Bewährung frei. Er wurde wegen Schlepperei und falscher Zeugenaussage verurteilt und vor knapp einem Jahr vorzeitig entlassen. Daher schließen die Ermittlungsbehörden auch einen mafiösen Hintergrund für das Verbrechen nicht aus.

In der tschetschenischen Community geht man aber davon aus, dass der Getötete Opfer eines Auftragsmordes ist. Unter dem Namen Anzor von Wien pflegte er in seinem Video-Blog, der über 12.900 Abonnenten hat, Kadyrow und selbst dessen Mutter deftig zu beschimpfen.

Der Verfassungsschutz will ihm deswegen vor einiger Zeit Personenschutz angeboten haben. Den habe U. aber abgelehnt. Dass er sich doch nicht so sicher fühlte, beweist die Bestellung einer kugelsicheren Weste, für die er einen ukrainischen Expolitiker um Vermittlung bat.

Die pensionierte Journalistin Susanne Scholl, die lange Jahre für den ORF aus Moskau berichtet hatte, hält es in einem TV-Interview für „sehr realistisch“, dass Kadyrow auf den Blogger ein Kopfgeld ausgesetzt hat: „Der Arm des Herrn Kadyrow ist sehr lang.“ Sie erinnerte an die Ermordung der russischen Journalistin Anna Politkowskaja in Moskau 2006 und den Mord am Exiltschetschenen Umar Israilow in Wien 2009.

Schützende Hand des Kreml

Mamichan U. kam aus demselben tschetschenischen Dorf wie Israilow und galt seit dem Auftragsmord als gefährdet. Im Prozess gegen die Killer wurde Kadyrow ausdrücklich als Hintermann genannt. Scholl ist überzeugt, dass Kadyrow ohne die schützende Hand des Kreml nicht so straflos agieren könnte. Putis Deal mit ihm laute: „Du hältst den Kaukasus ruhig und darfst machen, was du willst.“

In Österreich leben rund 30.000 Personen tschetschenischer Abstammung, die Hälfte von ihnen in Wien. Die meisten sind nach den Tschetschenienkriegen in den 90er Jahren gekommen, viele sind aber auch vor der Verfolgung durch das Kadyrow-Regime geflüchtet.

Die mehrheitlich muslimische Community gilt als problematisch, weil sie oft in Schlägereien mit Afghanen verwickelt ist. Die meisten der Dschihadisten, die aus Österreich in den Krieg für den IS zogen, waren tschetschenischer Herkunft.

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