piwik no script img

Krieg zwischen Iran und IsraelAbwehr am Limit

Der Irankrieg legt die Schwachstellen von Israels Iron Dome offen. Und zeigt: Iran hat seit dem Krieg im letzten Sommer dazugelernt. Und nun?

Tel Aviv im März 2026: Abwehrgeschosse des Iron Dome steigen auf Foto: Atef Safadi/epa
Felix Wellisch

Aus Tel Aviv

Felix Wellisch

Seit einem Monat bombardieren Israel und die USA massiv in Iran, das Raketenprogramm ist eines ihrer Hauptziele. Trotzdem nehmen die Treffer in Israel zu. Während dieser Text in einem Schutzraum in Tel Aviv entsteht, schlägt wenige hundert Meter entfernt am Donnerstagmittag mutmaßlich ein Sprengsatz einer iranischen Streubombe ein. Am Dienstag wurden neun Menschen in der Stadt Bnei Brak weiter östlich verletzt. Am Wochenende gab es mehr als 150 Verletzte, nachdem zwei ballistische Raketen in den Städten Dimona und Arad im Süden des Landes eingeschlagen waren. Gleich zu Kriegsbeginn starben neun Menschen in Beit Schemesch.

Israels Raketenabwehrschirm zählt zu den leistungsfähigsten der Welt, doch mehr und mehr iranische Raketen finden ihren Weg an den Abwehrsystemen vorbei. „Diese Systeme galten bis vor Kurzem als kampferprobt und zuverlässig“, sagt der Raketenwissenschaftler Moshik Cohen, der seit 25 Jahren in der israelischen Raketenabwehr arbeitet und mehrere dieser Systeme mitentwickelt hat. „Jetzt aber stehen wir an einem Wendepunkt.“

Besonders die Treffer in Dimona und Arad werfen Fragen auf: In der Nähe liegt Israels wichtigstes Atomforschungszentrum, mutmaßlich ein besonders geschütztes strategisches Ziel. Israels Militär hat den Fehlschlag bisher nicht erklärt.

Für Cohen hat die sinkende Zuverlässigkeit der Abfangsysteme mehrere Gründe: „Ein Teil fällt auf Entscheidungen zurück, welches Abwehrsystem wo eingesetzt wird.“ Ein Teil der Einschläge ergebe sich schlicht daraus, dass der Vorrat an Abfangraketen nicht endlos sei. „Der Großteil aber erklärt sich daraus, dass die Iraner dazulernen. Und bestehende Raketen etwa mit Steuersystemen weiterentwickeln oder Sprengköpfe mit Streumunition einsetzen, um die bestehenden Systeme zu umgehen.“

Millionen kostet eine Abwehrrakete

Der israelische Raketenschirm besteht aus mehreren Schichten: Der Iron Dome wehrt Kurzstreckenraketen ab. Das System David Sling wird vor allem gegen Marschflugkörper und Mittelstreckenraketen verwendet. Das Arrow-System fängt ballistische Langstreckenraketen ab. Hinzu kommen THAAD-Systeme aus den USA, ebenfalls für Langstreckenraketen.

Besonders Arrow und THAAD sind äußerst kostspielig. Arrow 3 habe eine etwa 90-prozentige Erfolgsrate, sagt Cohen. Eine Abfangrakete koste aber rund 3 Millionen Dollar. Und: Mehr als 15 pro Monat ließen sich derzeit kaum herstellen. Thaad sei mit bis zu 15 Millionen Dollar pro Schuss noch teurer.

Iran soll laut dem israelischen Militär zu Kriegsbeginn über rund 2.500 ballistische Raketen verfügt haben. Mehr als 400 haben bisher Israel erreicht, viele andere wurden bei Luftangriffen in Iran noch in ihren Depots zerstört.

Der deutsche Raketenexperte Fabian Hoffmann hält den Mangel an Abfangraketen für einen der wichtigsten Gründe für die jüngsten Treffer. „Raketenabwehr ist eine Wahrscheinlichkeitsrechnung“, sagt der Doktorand am Oslo Nuclear Project. Bei den ersten iranischen Raketensalven im April 2024 habe Israel noch zwei bis drei Abfangraketen pro einfliegende iranische Rakete starten können und damit eine Erfolgswahrscheinlichkeit von nahe 100 Prozent erreicht. Nun, da der Iran seit einem Monat täglich feuere, werde offensichtlich rationiert. Israel dementiert hingegen Berichte über schwindende Reserven.

Streubomben werden wohl absichtlich durchgelassen

Cohen sagt, Israel habe als Lehre aus dem Zwölf-Tage-Krieg mit Iran im vergangenen Jahr begonnen, auch den Iron Dome gegen ballistische Raketen einzusetzen. Ein Abschuss mit diesem System koste nur rund 100.000 Dollar. Cohens Unternehmen sei daran beteiligt gewesen. „Wir kommen auch damit auf etwa eine 80-prozentige Erfolgsrate“, sagt er.

Offen kommuniziert wird die Sparpolitik seitens Israel beim zunehmenden Einsatz von iranischen Streubomben: Weil diese Raketen, die sich teils weit vor dem Einschlag in bis zu 100 kleinere Sprengkörper teilen, nur unter großem Aufwand abfangen lassen, nehme man die Einschläge in Kauf. Die einzelnen Projektile seien für Schutzräume keine Bedrohung.

Die weit größere Herausforderung sieht Cohen in der technischen Weiterentwicklung des Regimes in Iran „Sie haben ihre ballistischen Raketen teils mit Manövrierkapazität versehen.“ Die israelische Abwehr verlasse sich bei ballistischen Raketen bisher auf Berechenbarkeit. Starte eine Rakete im Iran, berechne man deren Flugbahn und leite Gegenmaßnahmen ein. „Wenn die Rakete aber im Flug ihre Bahn nur um ein paar Grad ändert, sinkt die Effektivität des teuren Abwehrsystems deutlich“, warnt Cohen.

Manche setzen auf Abschreckung

In Russland und China würde man das sehr genau verfolgen, ebenso wie die Tatsache, dass die USA und Israel trotz militärischer Übermacht im Iran in einer Art Sackgasse steckten. Während es dem Regime genüge, zu überleben und etwa über die Blockade der Straße von Hormus Druck auszuüben, kann sich US-Präsident Donald Trump derzeit kaum zurückziehen, ohne eine Niederlage einzugestehen. Dann ließe er ein verjüngtes, radikalisiertes Regime zurück – das umso motivierter sein dürfte, sein Raketenprogramm wieder aufzubauen.

„Dass die Iraner im Raketenkrieg bisher trotz ihrer Unterlegenheit bestehen, ist eine Blaupause für China und Russland, die über ganz andere Ressourcen verfügen“, sagt Cohen. Das zeige die Notwendigkeit, neue Generationen von Raketenabwehr zu entwickeln. „Deutschland könnte dabei eine führende Rolle übernehmen“, sagt Cohen. Mit Blick auf den jüngsten Entschluss von Volkswagen, künftig auf Raketenabwehr zu setzen.

Der deutsche Experte Hoffmann hingegen plädiert für einen anderen Weg: „Wir sehen, dass der Fokus auf Abwehrsysteme ein verlorenes Spiel ist“, sagt er. Europa sollte sich stattdessen darauf konzentrieren, im Fall von groß angelegten Drohnen- und Raketenangriffen mit offensiven Mitteln zu reagieren. Und so Abschreckung zu schaffen.

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

0 Kommentare