Krieg und Klassenkampf: „Gestorben wird in der Arbeiterklasse fleißig“
Olivier David schreibt in seiner Textsammlung „Die Armen liefern die Leichen“ über die Zusammenhänge von Aufrüstung, Klassengewalt und Armut.
taz: Herr David, der Titel Ihres neuen Buches leitet sich ab von dem Slogan „Die Waffen liefern die Reichen – die Armen liefern die Leichen“. Wie hängt das zusammen?
Olivier David: Nun ja, die einen verdienen am Krieg, müssen aber nicht kämpfen. Die anderen werden für die Interessen ihres Landes geopfert, die nicht deckungsgleich mit ihren eigenen sind. Also, was haben proletarisierte junge Männer von einem Zuschuss für den Führerschein, mit dem die Bundeswehr bei Eintritt wirbt, wenn sie in den Augen der herrschenden Politiker und Kapitalisten bloß Verfügungsmasse sind?
taz: Deutschland befindet sich nicht im Krieg, niemand stirbt an der Front. Wo äußert sich die Gewalt an der Arbeiter:innenklasse dann?
David: Seit 2000 sind 580 Bundeswehrsoldaten infolge ihres Dienstes gestorben, das wird gerne vergessen. Also auch und vor allem in Kriegen. Darüber hinaus äußert sich die Gewalt zum Beispiel in Suiziden.
taz: Sie sprechen dabei auch aus Erfahrung.
David: Das Buch beginnt mit einer Szene, wo ich auf der Trauerfeier eines Bekannten war, der sich das Leben genommen hat. Und Suizide haben häufig einen Klassenhintergrund. Gestorben wird in der Arbeiterklasse fleißig. Nehmen Sie das Beispiel meines Großvaters. Mein Großvater wurde 63, er hat als politischer Gefangener Sachsenhausen und Ravensbrück überlebt, aber dem Urteil eines verfrühten Todes, das die Gesellschaft für ihn bereithielt, konnte er nicht entkommen.
taz: Dem Buch voraus gestellt ist ein Zitat von Frantz Fanon, der in „Die Verdammten dieser Erde“ vor 70 Jahren Gewalt als legitimes Mittel gegen koloniale Verhältnisse beschrieb. Was bedeutet das für Sie heute?
David: Das Zitat, das ich ausgewählt habe, adressiert erst einmal Reiche als unsere natürlichen Gegner. Darin steckt kein Aufruf zur Gewalt. Aber in der Tat kann man in Deutschland bei immer größerer und auch verschärfter Armut und politischer Gewalt gegen Entrechtete von neokolonialen Verhältnissen sprechen.
taz: Was dann? Braucht es etwa Barrikaden? Ihre Leser:innen fordern Sie auf, sich zu positionieren, radikalisieren und organisieren.
David: Sich zu radikalisieren bedeutet ja nicht, Barrikaden zu errichten. Wir sind historisch an einem anderen Punkt. Radikalisierung bedeutet in meinem Verständnis, von einer Klasse an sich zu einer Klasse für sich zu werden.
taz: Was meinen Sie damit?
David: Sich selbst als Teil einer antagonistischen Klasse zu begreifen, deren Heil im Kampf gegen die Klasse der Herrschenden liegt. Und mit Klassenkampf meine ich die Organisierung von Großdemos gegen die Politik der Aufrüstung, des Sozialabbaus und der Entrechtung Geflüchteter. Aber auch Arbeits- und Lohnkämpfe gehören selbstverständlich dazu.
taz: Sie fragen auch nach der Rolle von Kunst und Kultur in Zeiten von Kriegen, Krisen und Autoritarisierung. Welchen Einfluss hat Kunst überhaupt noch auf gesellschaftliche Verhältnisse?
„Die Armen liefern die Leichen“: Samstag, 12.09., 19:00 Uhr, Ernst-Deutsch Theater Hamburg, 12 Euro Eintritt (9 Euro ermäßigt).
David: Einen immensen Einfluss sogar! Vermittelt über Kunst und Kultur wird Politik betrieben. Nehmen wir die ganzen Bücher, in dem vermeintlich ehemalige Linke auf einmal die Sinnhaftigkeit von Wehrdienst und einer starken Bundeswehr erkennen. Aber dagegen formiert sich eine Kulturbewegung von unten. Immer mehr Kunstschaffende verstehen den Auftrag, den uns die Zeiten diktieren, in denen wir uns befinden: die Künste zu nutzen, um Werte wie Gemeinschaft, Solidarität und den Hass auf die Verhältnisse zu organisieren.
taz: Und wie kann man sich da als widerständige Künstler:in positionieren?
David: In dem die Künstler sich zu einer Parteilichkeit bekennen. Schreibe ich für Literaturpreise und für die Aufmerksamkeit vom Feuilleton oder wirklich für meine Klassengeschwister? Ich rufe alle schwankenden, hadernden Kunst- und Kulturschaffenden auf, diese Frage für sich zu klären – und daraus entsprechende Konsequenzen zu ziehen! Die Arbeiterklasse braucht euch mehr denn je.
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