Krieg in der Ukraine: Fast Food für die Front
An Tankstellen gibt es für Soldaten gratis Hotdogs, in der beschossenen Großstadt Kramatorsk entsteht Gastronomie. So geht Essensversorgung im Krieg.
Andrij muss heute unbedingt seinen ramponierten Geländewagen zur Reparatur bringen. Der Pick-up in Tarnfarben sieht zwar aus wie eine Konservenbüchse, erfüllt aber noch seinen Zweck – er bringt die mobile Einheit zur Jagd auf russische Shahed-Drohnen. Die Werkstatt liegt in Pawlohrad im Gebiet Dnipropetrowsk, und auf dem Weg dorthin befindet sich eine Okko-Tankstelle mit heißem Kaffee und Essen. Derzeit gilt diese Tankstelle als die der Front am nächsten gelegene in der Ukraine.
In der Tankstelle leuchtet alles im Grün der ukrainischen Tarnkleidung. Der 26-jährige Raketenoffizier Andrij – seinen vollen Namen möchte er aus Sicherheitsgründen nicht preisgeben – stellt sich als Sechzehnter in die Schlange, bestellt einen Hotdog und greift in die Tasche seiner taktischen Jacke, um mit dem Handy zu bezahlen.
„Für Sie ist das kostenlos. Zeigen Sie einfach Ihren Dienstausweis. Und bedienen Sie sich gerne auch beim Gratiskaffee“, sagt die Kassiererin lächelnd. „Seit einem halben Jahr bin ich schon in der Armee. Und zum ersten Mal bietet mir jemand kostenloses Essen an. Das hebt die Stimmung“, sagt Andrij lakonisch, schnappt sich einen Hotdog, nimmt einen Kaffee und geht zurück zu seinem Pick-up.
Seit März 2022 versorgt die ukrainische Kette Okko die Verteidiger*innen des Landes an ihren Tankstellen in den frontnahen Gebieten mit Kaffee, heißen Würstchen und Burgern. Seitdem wurde allein von den Hotdogs eine knappe Million ausgegeben.
Dieser Text erschien zuerst in der wochentaz, unserer Wochenzeitung von links!
In der wochentaz geht es jede Woche um die Welt, wie sie ist – und wie sie sein könnte. Eine linke Wochenzeitung mit Stimme, Haltung und dem besonderen taz-Blick auf die Welt. Jeden Samstag neu am Kiosk und natürlich im Abo.
Wenn die Front näher kommt
„Das war der 315. Soldaten-Hotdog heute. Bei uns ist es nie leer“, sagt Kassiererin Olha Hretschko und blickt auf die Wanduhr. Es ist noch nicht einmal 12 Uhr und der Kundenstrom reißt nicht ab. „Es gibt zwei Zustände: Entweder sind einfach ein paar Leute da oder es sind so viele Soldaten, dass ich ein grünes Meer bis zur Tür sehe. Unser Rekord liegt bei 367 Würstchen pro Tag“, sagt die 34-Jährige lachend und fügt hinzu: „Solange das Okko in Kostjantyniwka im Gebiet Donezk noch in Betrieb war, gingen dort 650 Burger pro Tag über die Theke.“
Die Tankstelle in Kostjantyniwka, von der sie spricht, wurde vor einem Jahr von den Russen zerstört. Die Front verschiebt sich, und mittlerweile gilt die Tankstelle in Pawlohrad bereits als frontnah. Olha Hretschko ist sich bewusst, dass sie jeden Tag ihr Leben riskiert.
„Mir ist klar, dass wir ein Ziel für die Russen sind. Aber ich liebe meine Arbeit wirklich, ich spüre, wie wichtig sie ist. Damit die Soldaten satt werden, damit sie guten Kaffee bekommen. Die Jungs fahren für eine Woche in den Einsatz und kommen vorher auf einen Burger oder einen Hotdog zu uns.“ Hretschko bittet sie immer, auf dem Rückweg von der Front wieder vorbeizukommen, um Bescheid zu geben, dass sie noch leben. „Für mich ist es sehr wichtig, dass sie vor ihrem Einsatz keine mürrischen Gesichter sehen, sondern ein Lächeln. Denn wir sind ja der letzte Vorposten vor der Front“, sagt die Kassiererin.
Pizza im Raketenhagel
In einem Café im Zentrum von Kramatorsk sitzt der 25-jährige Drohnenpilot Serhij Hnezdilow vor einem riesigen Burger mit doppeltem Patty und Käse. Die Frontlinie tobt nur etwa 15 Kilometer entfernt. Doch heute sind das nicht Hnezdilows Sorgen. Er hat seinen ersten Urlaubstag, und die Pommes auf seinem Teller duften appetitlich.
Serhij Hnezdilow, Drohnenpilot
„Der Krieg verändert sich. Früher saßen wir jahrelang in unseren Stellungen. Wir lebten in einem einzigen Unterstand, kochten und aßen dort, gingen fast nie hinaus“, erzählt Hnezdilow. Jetzt sei das anders: fünf Tage in den Stellungen, dann fünf Tage frei. „Das sind sehr unterschiedliche Phasen, was das Essen angeht. Und das Essen bekommt im Krieg eine besondere Bedeutung. Es bringt die Freuden des normalen Lebens zurück, es normalisiert quasi das Leben“, erklärt der Soldat.
Mit 19 Jahren ist er als Freiwilliger zur Armee gekommen, aus dem zweiten Studienjahr an der Juristischen Fakultät. Seitdem hat er Mariupol, Pisky, Awdijiwka, Marjinka, Huljapole und Bachmut gesehen. Und nicht nur ihre Schützengräben und Stellungen, sondern auch verschiedene lokale Cafés in den Städten im Osten nahe der Front.
„Einmal habe ich in der Stadt Hirnyk eine kleine Pizzeria in einem Keller gefunden. Kaum war ich hinuntergegangen, hagelte es in der Stadt schon Raketen. Die Besitzerin des Cafés schreit: ‚Runter!‘ – und wirft sich hinter die Theke, ich auf den Boden“, erinnert sich Hnezdilow. Dann seien sie wieder aufgestanden, er noch völlig unter Schock. „Sie aber war ganz ruhig. Reicht mir eine Pizza und sagt: ‚Wir schalten jetzt den Generator an, dann können Sie zahlen.‘ Und das ist typisch für die Ukrainer: Raketen fliegen, aber alles ist okay, hier ist Ihr Essen, guten Appetit, bitte bezahlen Sie per Terminal“, erzählt Hnezdilow lachend.
Heute tut es ihm leid, dass er damals nicht Kontaktdaten mit der Cafébesitzerin ausgetauscht hat. Im Herbst 2024 wurde Hirnyk von den Russen eingenommen und besetzt. Doch an seine Pizza dort wird sich der Drohnenpilot für immer erinnern.
Jetzt ist Serhij Hnezdilow in Kramatorsk stationiert, das seit diesem Frühjahr bereits von russischer Artillerie beschossen wird. Dennoch leben in der Stadt weiterhin 80.000 Einwohner. Cafés und Geschäfte sind geöffnet, ihre Fenster werden nach den Beschüssen mit Sperrholzplatten vernagelt. Das Gespräch mit ihm findet in seinem Lieblingslokal statt, dem W-Burger. Jeder Soldat, der schon einmal in „Kram“ war, kennt den Laden. Man sagt, dieser Ort sei gleichzeitig die Ursache für Magenschmerzen und die Quelle für Dopamin.
„In Kram gibt es jetzt alles, was du willst: skandinavisches Frühstück, eine super Carbonara, Kaffee mit laktosefreier Milch – bitte schön, alles da. Du beginnst, diese Städte zu lieben, wenn du begreifst, dass ihre Tage gezählt sind“, sagt Serhij Hnezdilow. „Man möchte sich an diesen Moment erinnern, wo man hier glücklich war.
Die einzige Lichtquelle
Das Leben von Pari – auch er möchte seinen Nachnamen lieber nicht nennen – war schon vor seiner Geburt von Krieg geprägt. Seine Eltern waren 1987 aus Bergkarabach geflohen, als dort gerade der Konflikt begann, der später zum ersten Karabachkrieg führte. Sie ließen sich im ukrainischen Bachmut nieder, von wo aus Pari sie im Sommer 2022 bei Beginn der schweren Kämpfe eilig nach Pokrowsk evakuieren musste. Und von dort zwei Jahre später wieder. Jetzt lebt seine Familie in einem Dorf im Gebiet Donezk.
Pari, Betreiber eines mobilen Schaschlikgrills
Gemeinsam mit Verwandten verlegt Pari sein Geschäft, einen Schaschlikgrill, schon seit ein paar Jahren immer wieder von einem Ort in den nächsten. „Zuerst hatte ich ein Café in Bachmut“, erzählt der 35-Jährige. „Das haben die Russen zerstört. Genauso wie das in Pokrowsk. Das in Druschkiwka gibt es vielleicht auch schon nicht mehr“, sagt Pari und schürt die Flammen des riesigen Grills, auf dem die Schaschlikspieße nebeneinander brutzeln.
Jetzt versorgt er die Leute aus einem kleinen Foodtruck, für den er vor der Eröffnung nicht mehr groß investieren musste. Die Lampen in seinem Grill sind abends die einzige Lichtquelle an der Kreuzung mehrerer Fernstraßen. Eine von ihnen führt unter Drohnenabwehrnetzen nach Kramatorsk. Die zweite, die wegen der schweren Militärfahrzeugen völlig kaputt ist, nach Pokrowsk. Und auf der dritten, die noch halbwegs zivilisiert aussieht, werden Menschen ins Hinterland evakuiert.
Die meisten Kunden von Pari sind denn auch Soldaten. „Wer gut kämpfen will, muss gut essen. Darum bin ich hier, solange unsere Kämpfer hier sind, solange der Krieg andauert und solange es noch Menschen gibt, die versorgt werden müssen“, sagt Pari in seinem Foodtruck. Der ist eigentlich ein Anhänger – einer, den man leicht an einen Lkw ankoppeln kann. Und so weit transportieren, wie sich die Frontlinie wieder verschiebt.
Aus dem Ukrainischen Gaby Coldewey
Gemeinsam für freie Presse
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert