Krieg in Iran und Libanon: Eskalation für einen Deal
Die Angriffe der USA und Israels nehmen wieder zu, sowohl in Iran wie im Libanon. Welches Kalkül steckt dahinter?
Iran brauche zu lange, um einen Deal auszuhandeln, erklärt US-Präsident Donald Trump am Mittwoch auf seinem Netzwerk Truth Social. „Jetzt werden sie den Preis dafür bezahlen“, so der US-Präsident. Werden die USA den Krieg nun wieder hochfahren, vermehrt in der Islamischen Republik angreifen? Woher der Sinneswandel? Hatte Trump doch wiederholt erklärt, ein Deal zwischen Iran und USA sei ganz nah? Und was könnte das für die Region bedeuten?
Eine Eskalation zeichnete sich bereits am Dienstag ab. Da hatte Iran Berichten zufolge einen Helikopter des US-Militärs abgeschossen, der über der Straße von Hormus im Einsatz war. Die beiden Piloten seien unverletzt geblieben, erklärte Trump. Laut dem Netzwerk CNN hatte wohl eine iranische Schahed-Drohne den Helikopter vom Typ Apache getroffen.
Dieser wird vor allem für „präzise Angriffe, Luftunterstützung und Aufklärung“ eingesetzt, schreibt CNN, und habe wohl die kleinen Boote der iranischen Revolutionsgarden in der Straße von Hormus angreifen sollen. Diese wurden dort verschiedenen Berichte zufolge in den vergangenen Monaten auch zum Legen von Minen eingesetzt.
In der Nacht von Dienstag auf Mittwoch hatte das US-Militär daraufhin in Iran angegriffen. Nur einen Tag, nachdem US-Präsident Donald Trump Medienberichten zufolge Israel angewiesen hatte, seine Angriffe auf Iran wieder einzustellen. Die US-Angriffe galten dem zuständigen Militärkommando Centcom zufolge der iranischen Luftabwehr sowie Radaranlagen zur Überwachung und anderer militärisch genutzter Stätten.
Trinkwasserversorgung angegriffen
Laut Berichten iranischer Staatsmedien trafen die Angriffe aber auch zwei Wasserreservoire – und damit die Trinkwasserversorgung tausender Iranerinnen und Iraner. Iran griff daraufhin wiederum in Bahrain, Kuwait und Jordanien an, Berichten zufolge waren Basen des US-Militärs das Ziel. Die USA erklärten schließlich, die Angriffe in Iran seien eine „proportionale Antwort“ auf jüngste iranische Angriffe auf das US-Militär.
Die jüngste Eskalationsschleife begann Anfang der Woche an einem anderen Schauplatz desselben Großkonflikts: Israels Militär griff zum ersten Mal seit Wochen Libanons Hauptstadt Beirut an, daraufhin schickte Iran Raketen gen Nordisrael, die von Iran unterstützte Huthi-Miliz im Jemen eine Rakete auf Zentralisrael.
Israel attackierte daraufhin in Iran, Berichten zufolge unter anderen Raketenabschussstellen und eine Petrochemie-Anlage. Trump warnte dann Israel, das brach seine Angriffe ab. Auch Iran erklärte, vorerst die Angriffe zu beenden. Israels Armeechef Eyal Zamir erklärte später, dass Israel eigentlich einen „signifikanteren und schwereren Schlag“ gegen Iran geplant hatte.
Der Krieg im Libanon, wegen dessen Eskalation Teheran eigener Aussage zufolge in Israel angriff, läuft derweil unvermindert weiter. Am Dienstag veröffentlichte das Militär für die gesamte Stadt Sour im Südlibanon die Aufforderung zu fliehen. Normalerweise leben dort über 150.000 Menschen, der Großteil der Stadt war aber schon länger zur No-go-Zone erklärt worden. Nun muss auch die Altstadt, in der bislang viele Christinnen und Christen lebten, verlassen werden.
Eine junge Frau, die anonym bleiben möchte, hatte dort den gesamten Krieg über ausgeharrt – bis zum Dienstag. Nun übernachtet sie in einer zur Notunterkunft umfunktionierten Schule in der Hauptstadt Beirut. „Shit life“, schreibt sie. Und hofft, dass der Krieg bald endet.
Das Gegenteil könnte der Fall sein. Mit den israelischen Angriffen, so interpretiert es der Analyst und Ex-Spion Aimen Dean, habe man Teheran gewissermaßen klar gemacht, dass der Krieg im Libanon und der Krieg in Iran separat verhandelt werden. Denn Teheran hatte Anfang Juni die Verhandlungen mit Washington aufgrund des anhaltenden Kriegs im Libanon unterbrochen.
Dort kämpfen die von Iran unterstützte Miliz Hisbollah und das israelische Militär miteinander, die Folgen sind vor allem für libanesische Zivilistinnen und Zivilisten, aber auch für Israelis im Norden des Landes dramatisch. Doch nachdem Teheran auf den Angriff in Südbeirut durchaus heftig reagiert hatte, blieben weitere Angriffe oder Drohungen nach dem weiteren Vorgehen in Sour bislang aus.
Es ist also möglich, dass Washington daraus schließt: Angriffe gegen Iran bauen eben doch Druck auf. Und nun weitere in Erwägung zieht – um Druck für einen Deal aufzubauen. Laut Al-Arabiya soll Trump über Angriffe auf die Infrastruktur des Landes nachdenken. Gleichzeitig berichtet die Nachrichtenagentur Reuters: Eine diplomatische Delegation aus Katar sei nach Teheran gereist, um weiter an einem Deal zu arbeiten.
Die Region befindet sich also weiterhin in einem Schwebezustand. Waren die Luftalarme in Israel am Montag nur ein Vorgeschmack? Mohammad Hejazi studiert in Deutschland und besucht derzeit seine arabisch-israelische Familie in der nördlichen Stadt Tamra. Im Krieg im vergangenen Jahr tötete dort eine iranische Rakete drei Frauen und ein jugendliches Mädchen. „Wir haben die Zerstörung und den Tod mit eigenen Augen gesehen“, sagt er.
Seit dem Tod der vier Personen würden die Menschen in der Stadt die Gefahr durch den Krieg sehr ernst nehmen. Das Wohngebäude seiner Familie, sagt er, habe zum Glück einen Schutzraum. Die sind in den arabisch geprägten Gebieten Israels wie auch dem Westjordanland oft Mangelware. Er selbst muss für eine Uni-Prüfung zurück nach Deutschland, hat deshalb seinen Flug vorverlegt – und hofft, noch vor einem möglichen Kriegsbeginn das Land verlassen zu können. Falls der Krieg wieder ausbricht, würde der Flug wohl – so wie während der letzten heftigen Kriegsphase – storniert werden.
Eine offene Frage ist außerdem: Was könnte Washington mit einem erneuten Ausbruch eines heißen Krieges mit Iran bewirken? Analyst Dennis Citrinowicz vom Institut for National Security Studies in Tel Aviv schreibt: Es gäbe wenig Grund zu der Annahme, dass erneute Angriffe Teheran dazu bringen würden, sich zu ergeben. Im Gegenteil: Ein erneuter Ausbruch des Krieges würde die Weltwirtschaft wieder in Mitleidenschaft ziehen, den Ölpreis erneut steigen lassen. Angriffe in Iran würden außerdem sicherlich Gegenangriffe nach sich ziehen – wahrscheinlich auch wieder in den arabischen Golfstaaten.
Gleichzeitig ist es weiter unrealistisch, dass der von Trump geforderte Deal tatsächlich kommt. Das Regime ist geschwächt, aber weiter radikalisiert. Es gibt keine guten Optionen. Vor allem für die Zivilistinnen und Zivilisten in der Region.
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