Krieg in Äthiopien: Befehl zum Angriff auf Mekelle

Äthiopiens Premier Abiy Ahmed befiehlt die „Endphase“ seiner Militäroperation. Zivilisten flüchten aus Mekelle, Hauptstadt der Provinz Tigray.

Satellitenaufnahme der äthiopischen Provinzhauptstadt Tigray

Satellitenaufnahme von Mekelle vom 23.11.: lange Autoschlangen stehen vor Tankstellen Foto: Maxar Technologies/ap

In Äthiopien droht eine Schlacht um Mekelle, die 500.000 Einwohner zählende Hauptstadt der nördlichen Region Tigray. Äthiopiens Ministerpräsident Abiy Ahmed ordnete am Donnerstagmorgen die „Endphase“ der laufenden Militäroperation an, mit der die äthiopische Armee als letzten Akt der Eroberung Tigrays Mekelle einnehmen soll.

„Wir rufen die Bevölkerung von Mekelle und Umgebung dazu auf, die Waffen niederzulegen, zu Hause zu bleiben, sich von militärischen Zielen fernzuhalten und alle notwendigen Vorkehrungen zu treffen“, erklärte Abiy. Er bezeichnet den seit Tagen andauernden Vormarsch seiner Armee in der Region als „Rechtsstaatsoperation“. Die Regionalregierung von Tigray befindet sich im Krieg mit der äthiopischen Zentralregierung.

Über die angekündigte Offensive herrschte bis zuletzt Unklarheit. Bis Donnerstagabend kam es zu keinem Vorstoß der Armee auf Mekelle, laut Quellen vor Ort gab es auch noch keine Angriffe. Das äthiopische Staatsfernsehen veröffentlichte allerdings eine Liste möglicher Ziele von Raketenangriffen, darunter ein altes Kloster, ein Museum, Fabriken und Hotels teils in dicht besiedelten Wohnvierteln.

Unbestätigten Informationen zufolge sind zahlreiche Zivilisten im Begriff, Mekelle zu verlassen – nicht in Richtung der äthiopischen Armee, sondern nach Osten in die Berge, hinter denen das Tigray-Hochland abrupt endet und die heißen, unwirtlichen Tiefebenen der Region Afar beginnen.

Für die Tigray-Führung geht es ums Überleben

Die Stadt Mekelle liegt in einem zerklüfteten Gebirge, und das Umland steht nach wie vor unter Kontrolle der in Tigray herrschenden Tigray-Volksbefreiungsfront (TPLF), die von Äthiopiens Zentralregierung als „Junta“ und „kriminelle Clique“ bezeichnet wird. Am Sonntagabend hatte Abiy der Tigray-Regionalregierung eine 72-Stunden-Frist gegeben, bedingungslos zu kapitulieren; die Bevölkerung Mekelles solle sich derweil von der „Junta“ lösen. „Danach wird es keine Gnade geben“, erklärte der Regierungschef. Ein TPLF-Sprecher hatte das Ultimatum zurückgewiesen und gesagt, die Tigrayer würden sich verteidigen und seien zum Sterben bereit.

Für die Tigray-Führung geht es ums Überleben, vermutlich nicht nur politisch. Bis 2018 dominierte die einstige Guerillabewegung TPLF Äthiopiens Regierung – heute ringt sie um die Kontrolle ihrer Heimatregion. Seit Abiy Ahmed 2018 als Vertreter der größten äthiopischen Volksgruppe der Oromo Äthiopiens Ministerpräsident wurde, hat er seine einstigen TPLF-Verbündeten immer weiter von der Macht verdrängt.

Als die TPLF-Regierung Tigrays im September eigenmächtig Regionalwahlen organisierte, um sich zu behaupten, während die eigentlich für ganz Äthiopien vorgesehenen Wahlen wegen der Covid-19-Pandemie abgesagt waren, kam es zum endgültigen Bruch. Am 4. November erklärte Abiy den Beginn einer Militäroperation zur Rückgewinnung Tigrays. Regierungstruppen eroberten große Teile der Region und rücken nun von Norden her auf Mekelle vor. Übereinstimmenden Berichten zufolge gehen die Verluste an Soldaten auf beiden Seiten in die Tausende.

Die äthiopische Armee wird von Eritrea sowie von Milizen der südlichen Nachbarregion Amhara unterstützt, zwei Erzfeinden Tigrays. Amhara-Publizisten hetzen scharf gegen die TPLF, die als Guerillabewegung 1991 der Amhara-Herrschaft in Äthiopien ein Ende gesetzt hatte und danach lange das Staatswesen dominierte. In sozialen Netzwerken herrschte am Donnerstag große Aufregung über ein Posting eines Amhara-Universitätsprofessors, wonach man die TPLF schlagen müsse, egal zu welchem Preis; die Bevölkerung Mekelles mache nur 0,46 Prozent der äthiopischen Bevölkerung aus, „keine große Sache“.

Streit um das Massaker von Mai-Kadra

Tigrays Regierung wirft Amhara-Milizen massive Verbrechen an der Tigray-Bevölkerung vor. Umgekehrt hat Äthiopiens Menschenrechtskommission diese Woche Tigray-Jugendmilizen für ein Massaker an mindestens 600 Nicht-Tigrayern in der westtigrayischen Stadt Mai-Kadra am 9. November verantwortlich gemacht, einen Tag bevor die Stadt an die äthiopische Armee fiel. In Mai-Kadra haben Journalisten mit Überlebenden in Krankenhäusern sprechen können, die diese Version bestätigen. Im Nachbarland Sudan wiederum bezichtigen tigrayische Flüchtlinge gegenüber Journalisten die einrückenden Amhara-Milizen – auf diese Berichte reagiert die äthiopische Seite mit der Behauptung, die TPLF habe Agenten unter die Flüchtlinge geschleust.

Der Streit um das Massaker von Mai-Kadra überschattet auch den angekündigten Vormarsch auf Tigrays Hauptstadt. Ein äthiopischer Militärsprecher behauptete, die TPLF werde in Mekelle die Gräueltaten von Mai-Kadra wiederholen und dann der äthiopischen Seite zuordnen: TPLF-Kämpfer würden in eritreische Armeeuniformen gesteckt, um dann als angebliche Eritreer die Tigray-Bevölkerung Mekelles zu massakrieren. Tigrayische Kommentatoren wiesen dies zurück und sahen diese Vorhersage als Beweis, dass Äthiopiens Armee in Mekelle selbst Massaker plane.

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