Krieg Pakistan-Afghanistan: Vertreibung, „Geiseldiplomatie“ und Drohnen
Bereits 14 Tage dauert der Krieg zwischen Pakistan und Afghanistan. Parallel dazu droht die US-Regierung den Taliban eine „Venezuela/Iran-Behandlung“ an.
Mit neuen Kämpfen ging der Krieg zwischen Pakistan und Afghanistan am Mittwoch in seinen vierzehnten Tag. In vier Provinzen habe pakistanisches Militär nach Taliban-Angaben afghanisches Territorium mit Mörsern beschossen. Pakistan behauptet, es habe in der afghanischen Südostprovinz Paktika ein Munitionsdepot vernichtet, dass von afghanischen Regimetruppen und regierungsfeindlichen pakistanischen Taliban gemeinsam genutzt worden sei.
Zudem seien an der Grenze zu den afghanischen Provinzen Kunar und Chost Taliban-Grenzkontrollposten zerstört worden. Taliban-Sprecher erklärten, bei dem Beschuss seien Wohnhäuser und „zivile Anlagen“ getroffen, drei Zivilist*innen getötet und mehrere verletzt worden.
Zuvor hatten die UNO gemeldet, seit Ausbruch der Kämpfe seien bis zum 5. März in Afghanistan 56 Zivilist*innen getötet und 129 weitere durch pakistanisches Artilleriefeuer und Luftangriffe getötet worden. 55 Prozent davon seien Frauen und Kinder. „Aufgrund eingeschränkten Zugangs“ handele es sich nur um vorläufige Zahlen. Durch die Kämpfe seien in Afghanistan über 115.000 Menschen vertrieben worden, 3.000 weitere in Pakistan. Darunter sind die Bewohner provisorischer Zeltsiedlungen, die nach einem schweren Erdbeben in Kunar im August nahe der Grenze errichtet wurden.
Die UNO spricht von „sekundärer Vertreibung“. Ebenfalls wegen der Kämpfe musste sie die Nahrungsmittelhilfe für 160.000 Menschen in den umkämpften Gebieten unterbrechen.
Nach zwei Jahrzehnten Militäreinsatz der US-geführten Nato-Truppen gewann die islamistische Terrorgruppe der Taliban im August 2021 die Kontrolle im Land zurück. Die afghanische Bevölkerung leistet trotz Repressionen Widerstand.
Zerstörung von Waffendepots in Afghanistan
Einige afghanische Kommentatoren vermuten, Pakistan betreibe mit seinem Krieg auch Trumps Anliegen, im Land zurückgelassene Waffen zu zerstören. Zu Monatsbeginn trafen seine Kampfjets Waffendepots auf dem früheren US-Stützpunkt Bagram. Pakistan könnte so versuchen, seine Beziehungen mit den USA wieder zu verbessern, um sich dringend benötige Finanzspritzen für seine krisenbehaftete Wirtschaft zu sichern. Premierminister Shahbaz Sharif nominierte Donald Trump sogar für den Friedensnobelpreis.
Gleichzeitig nahmen die USA Afghanistan in eine neu geschaffene Liste von „Sponsoren unrechtmäßiger Inhaftierung“ auf. Iran landete darauf als erstes Land, einen Tag vor dem dortigen Kriegsausbruch. Die Taliban entführten weiterhin „Menschen, um Lösegeld zu erpressen oder politische Zugeständnisse zu erzwingen“, erklärte Außenminister Marco Rubio am Dienstag. Washingtons UN-Botschafter Mike Waltz sprach von „Geiseldiplomatie“.
USA droht Taliban mit venezolanischem Szenario
Trumps Sondergesandter für Geiselfragen, Adam Boehler, drohte den Taliban „die gleiche Behandlung wie Venezuela und Iran“ an, sollten sie von ihnen festgehaltene US-Bürger nicht freilassen. In dem Fall des US-afghanischen Doppelstaatlers Mahmood Habibi streiten sie aber überhaupt ab, dessen Aufenthaltsort zu kennen. Boehler verhandelt darüber seit Langem und besuchte auch Kabul. Im Vorjahr kamen nach und nach fünf Amerikaner frei. Die Taliban verlangen im Gegenzug die Freilassung des letzten Afghanen, der in Guantánamo festgehalten wird, Muhammad Rahim.
Streit um koloniale Grenzziehung
Unterdessen enthüllte Taliban-Verteidigungsminister Mohammad Jakub, Verhandlungen nach der letzten Runde des Grenzkrieges im Oktober seien gescheitert, weil Pakistan die Anerkennung der von Afghanistan nie akzeptierten kolonialen Grenzziehung zwischen beiden Ländern verlangte. Andere Verhandlungsteilnehmer hatten einen weiteren Grund durchsickern lassen: Sie wollten Pakistans schriftliche Garantie, dass es keine US-Drohnenflüge von dort aus über Afghanistan mehr geben solle. Pakistan habe abgelehnt, weil das ein Abkommen mit den USA über die Nutzung seines Luftraumes verletzen würde.
Drohnen über Afghanistan
Über Afghanistan werden immer wieder Drohnen gesichtet. Am 1. Januar stürzte eine bei Kabul ab, die Analysten als MQ-9 Reaper der US Air Force identifizierten. Im vergangenen Oktober griffen nicht identifizierte Flugobjekte ein Ziel in Kabul an, bei dem es sich einigen Medien zufolge um einen Taliban-Kommandeur aus Pakistan gehandelt habe. Zu diesem Luftschlag hat Pakistan sich nie bekannt.
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