Krankenhaus-Fusion in Hamburg: Unfallklinik soll umziehen
Das Bergedorfer Unfallkrankenhaus soll zum großen Teil aufs Gelände der Uniklinik Eppendorf wechseln. Linke fürchtet um Versorgung in Hamburgs Osten.
Die Stadt Hamburg plant eine Krankenhaus-Fusion, die nicht unumstritten ist. So soll das 1959 in Bergedorf-Boberg eingerichtete Unfallkrankenhaus „BG Klinikum Hamburg“ zu großen Teilen auf den Campus des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) ziehen. Dort ist für die international renommierte Klinik ein 600-Millionen-Euro-Neubau geplant, der mit einem Erweiterungsbau der UKE-Notaufnahme verbunden wird und Basis für eine enge Kooperation bei der Schwerverletztenversorgung bieten soll.
Das steht in zwei Erklärungen, die der Hamburger Senat und Klinikverantwortliche in dieser Woche unterzeichneten. „Es geht um zwei wichtige Krankenhäuser, die in ihren Bereichen zu den besten Deutschlands zählen“, sagte Hamburgs Erster Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD), der selber Mediziner ist.
Durch die Zusammenarbeit in Eppendorf ergäben sich große Synergien. „Wir müssen das so organisieren, dass die beste Medizin am wirtschaftlichsten erbracht wird“, sagte Tschentscher. Davon profitierten „Hamburg und ganz Norddeutschland“. Außerdem erhofft sich die Stadt dadurch Geld aus einem Tranformationsfonds des Bundes für die Krankenhausreform.
In den Eppendorfer Neubau mit 350 Betten mit einziehen sollen, laut einem Schaubild, große Teile des BG Klinikums, wie die Akut- und Notfallversorgung aus Bergedorf, ebenso die Unfallchirurgie und Orthopädie, die Rekonstruktive und Plastische Chirurgie mit Handchirurgie, das Zentrum für Schwerbrandverletzte sowie Rehabilitationsangebote.
Eine „Klinik der Superlative“ soll es werden
Doch auch der jetzige Standort in Bergedorf soll einen 350-Betten-Neubau bekommen. Und dort entstehen nach Angaben des BG-Kliniken-Vorsitzenden Reinhard Nieper „moderne Infrastrukturen und Arbeitsbedingungen“ für Notfall-, Akut- und Rehamedizin. Die Rede ist von einem Zentrum für Querschnittsgelähmte, fächerübergreifender Frührehabilitation und „umfassenden Ambulanzstrukturen“. Zudem soll am zweiten Bergedorfer Krankenhaus, dem Bethesda, die Notaufnahme ausgebaut werden.
Insgesamt wollen die BG Kliniken an beiden Standorten 1,2 Milliarden Euro aus Mitteln der Sozialversicherung investieren. Man schaffe am neuen Standort UKE-Campus eine „Klinik der Superlative“ mit einer Strahlkraft weit über Norddeutschland hinaus, sagte Nieper. Die Unfallversorgung werde durch die räumliche Verbindung von Universitätsmedizin und hoch spezialisierter Unfallchirurgie „auf ein neues Level gehoben“, ergänzte UKE-Direktor Christian Gerloff.
Doch die Teilverlagerung, die Linke spricht gar von „Teilschließung“, ist ein heikles Thema, das weiß Gesundheitssenatorin Melanie Schlotzhauer (SPD): „Für die Menschen in Bergedorf ist wichtig zu wissen: Das BG Klinikum bleibt vor Ort“, versicherte sie. Hamburgs südöstlicher Bezirk bleibe ein starker Gesundheitsstandort und werde gezielt weiterentwickelt. So könnte die Uniklinik sich künftig in dem dort neu geplanten Stadtteil Oberbillwerder mit einem medizinischen Zentrum engagieren.
Stephan Jersch, Bergedorfer Linken-Abgeordneter
Sie sei froh, dass in Bergedorf trotz der Verlagerung ein „neuer medizinischer Leuchtturm“ entstehe, sagte Bergedorfs Bezirksleiterin Cornelia Schmidt-Hoffmann. Mit dem Neubau, der neben einer Unfallbehandlungsstelle auch eine kindertraumatologische Versorgung umfasse, werde die Versorgung in Bergedorf auch gewinnen. Zudem wäre der Neubau ein „wichtiges Signal an die Beschäftigten“.
Beschäftigte fürchten weite Arbeitswege
Da sprach sie einen sensiblen Punkt an. Die Gewerkschaften kritisieren, dass die Beschäftigten davon aus der Presse erfuhren. „Wir erwarten, dass mit uns gesprochen wird und nicht über uns“, sagt Krankenpfleger Oliver Hinrichsen von der Verdi-Gruppe des BG Klinikums. Für viele ginge es darum, wie sich Beruf, Familie und tägliche Fahrzeit künftig organisieren ließen.
Das Klinikum präge seit Jahrzehnten die Gesundheitsversorgung in Hamburgs Osten, ergänzt Ernst Heilmann vom DGB Bergedorf. „Es beschäftigt rund 2.500 Mitarbeitende und ist damit einer der größten Arbeitgeber im Bezirk.“ Da brauche man eine valide Folgenabschätzung. Unabhängig davon, welche Lösung am Ende medizinisch und organisatorisch die beste sei, müssten die Beschäftigten früh beteiligt werden, weil sich ihre täglichen Pendelwege verlängern, sagt Verdi-Fachbereichsleiterin Hilke Stein. „Besonders für jene, die aus dem Umland kommen“.
Der Bergedorfer Linken-Abgeordnete Stephan Jersch kennt das BG Klinikum als Patient mit Sprunggelenksverletzung. „Es war dort für mich sehr angenehm“, sagt er. „Wir verlieren hier in Bergedorf ein vollwertiges Krankenhaus.“ Er sei nicht sicher, ob dies durch einen Ausbau des kleinen Bethesda-Krankenhauses ausgeglichen werden kann. „Es macht den Eindruck, dass der Senat das UKE sichern und Kosten sparen will, auf Kosten der Gesundheitsstruktur im Hamburger Osten.“
„Das ist kein richtiger Standorterhalt“, sagt auch Linken-Gesundheitspolitiker Deniz Celik. „Denn größere operative Eingriffe, die einen stationären Aufenthalt erfordern, sind laut den Planungen nicht mehr möglich“. Nach dem Wegfall der Klinik Groß Sand in Wilhelmsburg treffe es hier erneut einen Stadtteil, in dem die Gesundheitsversorgung ohnehin unter Druck stehe, sagt Celik. „Damit muss sich zeitnah der Gesundheitsausschuss befassen“.
Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Unser nächstes Ziel: 50.000 – wir brauchen nur noch 290 Freiwillige, dann haben wir es geschafft! Setzen Sie jetzt ein Zeichen für die taz und machen Sie mit. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert