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Kraftprobe am Euphrat

Der Konflikt zwischen der syrischen Zentralregierung und den Kur­d*in­nen ist eskaliert. Nun ist eine Waffenruhe in Kraft, aber die ist zerbrechlich. Was jetzt auf dem Spiel steht

Angespannte Lage nördlich von Rakka: Soldaten der syrischen Armee vor einem Gefängnis, in dem IS-Kämpfer einsitzen Foto: Charles Cuau/sipa/picture alliance

Von Serena Bilanceri

Eine fragile Waffenruhe schwebt über den Ufern des Euphrats in Nordost­syrien. Seit Dienstagabend sollen für vier Tage die Waffen in den kurdischen Gebieten schweigen. Vier Tage, in denen die An­füh­re­r*in­nen der kurdischen Autonomieverwaltung über den Vorschlag der syrischen Zentralregierung, und damit die Zukunft Rojavas, entscheiden sollen.

Auf der einen Seite stehen die syrische Armee und die Regierung unter Führung von Ahmed al-Scharaa, der seit Monaten versucht, die kurdischen Streitkräfte, deren Verwaltung und letztlich die gesamte Region unter Kontrolle der neuen syrischen Republik zu bringen. In seinem jüngsten Vorschlag vom 18. Januar versprach al-Scharaa, den „besonderen Charakter der kurdischen Gebiete zu schützen“, im Gegenzug für die Integration kurdischer Sol­da­t*in­nen in den staatlichen Sicherheitsapparat, allerdings als einzelne Kämp­fe­r*in­nen und nicht als kurdische Einheiten. Die Kurden sollen die Kontrolle über die Regionen Deir al-Sor und Rakka sowie über die Außengrenzen und die Ölfelder Rojavas aufgeben.

Al-Scharaa gegenüber befinden sich die kurdischen Streitkräfte der Syrian Democratic Forces (SDF) unter Leitung von General Mazloum Abdi und die Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien. Diese war bislang eine autonome Region, deren Verwaltung sich auf Prinzipien wie Gleichberechtigung, Nachhaltigkeit und direkte Demokratie stützt, abgeleitet von der Lehre Abdullah Öcalans, des kontroversen Anführers der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK). Wegen früherer Angriffe auf Zi­vi­lis­t*in­nen wird die PKK von den USA und der Europäischen Union als Terrororganisation eingestuft.

Für die Selbstverwaltung steht einiges auf dem Spiel: die Zukunft eines Regierungsmodells, das sie sich mühsam erkämpft hat, der Kontrollverlust über fast ein Drittel des syrischen Bodens sowie über Ressourcen wie den Tabqa-Staudamm und die einträglichen Ölfelder. Nicht zuletzt gibt es die Angst vor einem Erstarken des religiösen Fundamentalismus sowie, allen Versicherungen al-Scharaas zum Trotz, der Verlust von Frauen- und Minderheitenrechten.

Es sind vier schicksalhafte Tage. Eine Frist, die wie ein Ultimatum klingt. Denn in den vergangenen Wochen konnte die syrische Armee weite Gebiete Nordostsyriens einnehmen, etwa die arabisch geprägten Rakka, Deir al-Sor sowie Teile der Provinz um Hasakah. Ob die Kur­d*in­nen bei einer weiteren Offensive ihre Städte halten könnten, ist fraglich. Zumal die USA nun klare Signale zugunsten der Zentralregierung gesendet haben. „Die größte Chance für die Kur­d*in­nen in Syrien liegt gerade in dem Übergang nach Assad, unter der neuen Regierung, angeführt von Präsident Ahmed al-Scharaa“, schrieb US-Botschafter Tom Barrack am Dienstag auf X.

Wer die aktuellen Kämpfe verstehen will, muss auf Rojavas Vergangenheit blicken. Unter Assad wurden Kur­d*in­nen diskriminiert. Tausenden Familien entzogen die Behörden die Staatsbürgerschaft, sie verloren bürgerliche und politische Rechte, sie wurden vertrieben und ihr Land an arabische Familien vergeben. Ihre Sprache war nicht anerkannt, genauso wenig ihre Kultur.

Doch mit dem Arabischen Frühling 2011 erhoben sich Kur­d*in­nen gegen Assad und forderten mehr Autonomie. Im Kampf gegen den „Islamischen Staat“ (IS) konnten sich vor allem die weiblichen Kampfeinheiten behaupten, sie gewannen an Unterstützern, in erster Linie die USA. Die Selbstverwaltung war offiziell geboren. Nach und nach gerieten auch arabische Städte wie Rakka unter ihre Kontrolle. Dort regierten die Kur­d*in­nen indes autoritär. Berichte über Menschenrechtsverletzungen und Einschränkungen der Meinungsfreiheit kamen ans Licht.

Dann kommt der 8. Dezember 2024, der Autokrat Baschar al-Assad fällt. Die SDF erobern im Machtvakuum Gebiete jenseits der bisherigen Grenzen. Es kommt zu Tumulten und Toten. Unter arabischen Stämmen herrschen Angst, Frust und Unzufriedenheit gegenüber den SDF. Manche Beobachter finden, diesen Frust zu ignorieren, sei ein strategischer Fehler gewesen.

Die Rebellenkoalition, die Assad am 8. Dezember von der Macht verdrängt, besteht vorwiegend aus der sunnitischen Terrorgruppe Hai’at Tahrir asch-Scham (HTS), angeführt von Ahmed al-Scharaa, und den türkei­nahen Milizen der Syrian Natio­nal Army (SNA). Die Türkei bekämpft seit eh und je die Arbeiterpartei Kurdistans und sieht die SDF als mit der PKK verbunden. Ein sich lang hinziehender Konflikt entflammt an der nördlichen Grenze. Die Kur­d*in­nen kämpfen weiter gegen die SNA im Norden und gegen den besiegten, doch nie verschwundenen IS im Osten.

Im März einigen sich al-Scharaa und Abdi auf die Integration von kurdischen Kampfeinheiten in die staatliche Armee. Das Abkommen wird nie umgesetzt. Die SDF ziehen sich aus den kurdischen Vierteln Aleppos zurück, doch die kurdische Polizei bleibt. Im Dezember eskaliert hier die Lage, Gefechte erschüttern die Straßen. Anfang Januar kommen die Stadtteile unter heftigen Beschuss, nach und nach gewinnt die syrische Armee die Kontrolle über die Viertel sowie die umliegenden Dörfer. Die SDF müssen sich in die kurdischen Gebiete zurückziehen.

Auch die ehemalige IS-Hochburg Rakka wird aufgegeben, mit ihr das Flüchtlingslager al-Hol sowie mehrere Gefängnisse, in denen IS-Kämpfer sitzen. In al-Hol leben Frauen und Kinder von ehemaligen foreign fighters der Islamisten. Sie dürfen das Camp nicht ohne Überprüfung verlassen. Den ausländischen Frauen wird eine besondere Grausamkeit zugeschrieben, viele sehnen sich offenbar nach dem Kalifat. Ihre Zukunft ist jetzt unklar. Am Tag nach der Übernahme schreibt die Direktorin des Camps, Jihan Hanan: „Gestern war ich noch die Direktorin. Heute weiß ich nicht, was die Verwaltungsanweisungen sein werden.“

Die Angst vor einer Rückkehr des IS ist unter den Kur­d*in­nen groß. Mehrere IS-Leute sind aus den Gefängnissen ausgebrochen, das bestätigt das syrische Verteidigungsministerium. Die USA haben angekündigt, 7.000 Ex-IS-Kämpfer in den Irak zu überführen.

Es sind schicksal­hafte Tage für die Kur­d*in­nen

Zwar hat sich al-Scharaa von seiner dschihadistischen Vergangenheit distanziert und dem IS den Kampf angesagt, doch unter seinen Un­ter­stüt­ze­r*in­nen hegen manche noch salafistische Gedanken. Nach der Übernahme postete ein Militär ein KI-generiertes Video von vollverschleierten Frauen in al-Hol mit der Unterschrift „Die Freude, Frauen zu befreien, ist groß“. Die Gewalt an den Ala­wi­t*in­nen und Drus*­in­nen im vergangenen Jahr hat weitere Angst unter den Kur­d*in­nen geschürt.

Doch nun haben die SDF wenig Spielraum. Die nördliche Stadt Kobanêwird belagert. Gehen sie keine Kompromisse ein, riskieren sie ein Blutbad und den Verlust kurdischer Städte. „Der Schutz der kurdischen Gebiete ist eine rote Linie. Wir werden sie ohne Zögern verteidigen“, verkündete Abdi am Dienstag. Doch an mehreren Fronten zu kämpfen, ohne internationale Unterstützung, dürfte schwierig werden.

Al-Scharaa will keine Waffen in den Händen von Minderheitenmilizen und könnte die Ölfelder wirtschaftlich gut gebrauchen. Es könnte ein neues Syrien entstehen – aber auch ein neues Rojava.

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