Konflikt um Drogenhilfe neben Schulen: Schwierige Nachbarschaft
Nachdem vor der Drogenberatung Abrigado Schüsse gefallen sind, fordern Eltern der angrenzenden Schulen den sofortigen Umzug. Doch das schließt die Sozialbehörde aus.
Foto: Miguel Ferraz
Künftig soll ein Sicherheitsdienst die Situation am Harburger Schwarzenbergpark beruhigen. Das ist der kleinste gemeinsame Nenner zur Lösung eines Konflikts, der vermutlich überhaupt nur in Teilen lösbar ist.
Im Schwarzbergpark liegt die Drogenhilfeeinrichtung Abrigado und in unmittelbarer Nähe davon sind zwei Schulen. Nachdem dort Mitte Juni Unbekannte Schüsse abgaben und wenig später einem 45-Jährigen ins Bein geschossen wurde, haben die Schule am Teich und das Regionalen Bildungs- und Beratungszentrums (ReBBZ) Alarm geschlagen. Die Bezirkspolitik schloss sich an. Der Elternrat des ReBBZ startete sogar eine Petition, die die sofortige Schließung des Abrigado und eine Übergangslösung an einem anderen Ort forderte.
Doch das schließt die Hamburger Sozialbehörde aus. Ein Ort, der sowohl von der Zielgruppe akzeptiert werde, nachbarschaftsverträglich sei und baulich-technisch geeignet, sei nicht so schnell zu finden, schreibt die Sprecherin der Behörde. Ende 2028, so die aktuelle Prognose der Behörde, wird das Abrigado ohnehin umziehen: an einen nahe gelegenen Standort an der Buxtehuder Straße, der deutlich größer werden soll. Und bis dahin?
Die Liste der Maßnahmen, die die Sozialbehörde schickt, ist lang: Ein Teil ist Kontrolle: der private Sicherheitsdienst, mehr Polizeistreifen, vor allem zu den Abhol- und Bringzeiten der Schulen. Ein Teil ist Pragmatismus: Die Öffnungszeiten des Abrigado werden so gelegt, dass sie sich nicht mit den Schulabholzeiten überschneiden. Ein Teil ist Unterstützung durch Ausweitung der Straßensozialarbeit. Und ein letzter Teil ist Vertreibung: Der Aufenthalt am Denkmal im Park, wo oft Drogenkonsument:innen sitzen, soll erschwert werden.
Standort ist infrage gestellt
Reibungen zwischen dem Abrigado und der Umgebung hat es schon in der Vergangenheit gegeben: Anwohner:innen, die über Müll in ihren Gärten klagten, sehr vereinzelt Drogenkonsument:innen auf dem Schulgelände, Restaurantpächter, die befürchteten, dass die Gäste ausblieben. Mit Schule und Anwohner:innen, so sagen die Abrigado-Mitarbeiter, habe es immer einen guten Dialog gegeben. Doch seit die Schüsse fielen, steht der Standort ganz anders infrage.
Für die Mitarbeitenden des Abrigado ist in der Debatte allerdings eines zu kurz gekommen: Dass ihre Gäste ebenfalls „Leidtragende“ der Gewalteskalation seien, so sagt es Steffen Ostermann, Sozialarbeiter im Abrigado. Es gebe keine Hinweise, dass der Täter Gast bei ihnen gewesen sei. Die Polizei gibt auf taz-Nachfrage dazu keine Auskunft. Ende vergangenen Jahres war das Abrigado selbst Opfer einer Attacke, als Unbekannte Molotow-Cocktails auf das Gebäude warfen.
Steffen Ostermann, Sozialarbeiter im Abrigado
„Gewalt ist für die Gäste ohnehin immer Thema“, sagt Ostermann, um so belastender, in der Nähe von Hilfsangeboten und in so extremer Form damit konfrontiert zu sein. Dabei kann er die Perspektive der protestierenden Eltern durchaus nachvollziehen – sogar die Tatsache, dass sie Maximalforderungen stellen. Aber die Perspektive des Abrigado sei eine andere: „Wir haben den Auftrag, die Versorgung unserer Gäste sicherzustellen.“
Dabei, das betont Ostermann ausdrücklich, sei der Ton auf der Sicherheitskonferenz, die alle Beteiligten im Regionalen Bildungs- und Beratungszentrum zusammenbrachte, gegenüber dem Abrigado durchaus wertschätzend gewesen. Zwar habe es Kritik an alten Streitpunkten gegeben – etwa Müll, Lautstärke oder offener Drogenkonsum im Umfeld –, doch ebenso wohlwollende Kommentare zum Wert der Sozialarbeit. Nur: „Nicht vor unserer Haustür.“
Dieses Spannungsverhältnis spiegelt sich auch in einem parteiübergreifenden Dringlichkeitsantrag der Harburger Bezirksversammlung. Wobei sich wiederum die Dringlichkeit auch darin zeigt, dass außer der AfD alle Parteien vertreten sind: SPD, CDU, Grüne, Linke, Volt und FDP. „Das Abrigado übernimmt als niedrigschwellige Einrichtung der Drogenhilfe wichtige Aufgaben bei der Betreuung, medizinischer Versorgung und Begleitung suchtkranker Menschen. Die Bedeutung solcher Hilfsangebote wird ausdrücklich anerkannt und nicht infrage gestellt“, heißt es dort – und ähnlich hat diese Wertschätzung auch die Hamburger Elternkammer formuliert. Nun habe sich aber eine „nicht mehr hinnehmbare Situation“ entwickelt, die „ausdrücklich sofortiger Abhilfe bedarf“.
Im Fokus der Kritik steht dabei keineswegs die Leitung des Abrigado, sondern die Sozialbehörde. Die habe die Bezirkspolitik so spät eingebunden, dass deren Vorschläge nicht oder kaum berücksichtigt worden seien. Dazu komme die Verschleppung der Umzugspläne und die schlechte Kommunikation.
Mehr Konsument:innen am neuen Standort
Am neuen Standort wird das Abrigado mehr Konsument:innen betreuen können. Das ist einerseits eine gute Nachricht, wobei die Mitarbeiter:innen selbst mehrere kleine Standorte bevorzugen würden. Doch Steffen Ostermann macht sich keine Illusionen darüber, dass viel kommunikative Arbeit mit den Anwohner:innen nötig sein wird. Einige seien bei der Sicherheitskonferenz aus allen Wolken gefallen, als ihnen klar geworden sei, dass der neue Standort in ihrer direkten Nachbarschaft liegt.
Das Gewaltproblem und dessen Eskalation, so glaubt er, habe mit dem Standort ohnehin nichts zu tun. Das läge in den Gesetzen des Drogenschwarzmarktes und wer hieran etwas ändern wolle, müsse über eine regulierte Abgabe bisher illegalisierter Substanzen nachdenken. Aber „das steht nicht in unserer Macht“ – und sei in der gegenwärtigen Drogenpolitik ohnehin utopisch.
Konkret umsetzbar und unbedingt notwendig sind laut Ostermann allerdings Versorgungsangebote mit Ersatzstoffen für Nichtversicherte im Hamburger Süden. Und es sei sinnvoll, sich darüber Gedanken zu machen, den sogenannten Mikrohandel zu tolerieren. Mikrohandel, wie er in der Schweiz bereits erfolgreich erprobt wurde, bedeutet, dass Kleinstmengen von Drogen wie Crack zwischen schwerstabhängigen Konsument:innen in klar abgegrenzten Bereichen von Suchthilfeeinrichtungen weitergegeben werden dürfen. Damit soll dafür gesorgt werden, dass die Konsument:innen nicht sofort nach dem raschen Abklingen der Wirkung die Suchthilfeeinrichtung wieder verlassen.
Die Hamburger Grünen-Abgeordnete Linda Heitmann hat sich gerade dafür ausgesprochen, dass Hamburg auf Bundesebene für eine Gesetzesänderung wirbt, um den Mikrohandel zu legalisieren.
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