Konflikt in Syrien: Karawane ins kurdische Kobanê
Auf ihrem Weg in die umkämpfte Stadt werden den Friedensaktivist*innen Steine in den Weg gelegt. Ob sie es an ihr Ziel schaffen, ist unklar.
Seit einer Woche sind sie unterwegs. In Autos, die sich zu Konvois bilden, im Flugzeug. Mindestens 100 Menschen, aus den verschiedensten Ländern Europas. Von Dänemark bis Serbien, von Irland bis Italien. Friedensaktivist*innen, die sich für die Initiative „Karawane zur Verteidigung der Menschlichkeit“ zusammengetan haben. Ihr Ziel ist klar: Nordostsyrien, Kobanê. Der Weg dahin hingegen unsicher.
Erst am Donnerstag mussten zwei Gruppen ihre Reise abbrechen. Eine wurde an der griechisch-türkischen Grenze an der Einreise in die Türkei gehindert, unklar ist, ob von griechischen oder türkischen Beamt*innen. Die Behörden zogen die Pässe ein und ließen die Aktivst*innen zwei Stunden warten. Dann kehrte die Gruppe um.
Als sich die Aktivist*innen auf den Weg zur türkischen Grenze machten, befand sich ein Teil der Karawane bereits in der Türkei, in den südöstlichen kurdischen Gebieten. 16 Teilnehmer*innen hatte die türkische Polizei jedoch vor wenigen Tagen festgenommen, sie mussten nach Istanbul und dann weiter in ihre Heimatländer zurück. Unter ihnen waren auch Deutsche, die inzwischen in der Bundesrepublik gelandet sind.
Andere bleiben noch in der Türkei, sie hoffen, es bis nach Kobanê zu schaffen. Zum jetzigen Zeitpunkt ist dies noch keiner Delegation der Karawane gelungen, die Aktivist*innen geben jedoch die Hoffnung nicht auf. „Weil die Bilder, die aus Nordostsyrien in den letzten Wochen gekommen sind, deutlich gezeigt haben, dass wir uns auf den Weg machen müssen“, sagt Karawanen-Sprecherin Gesa Jonasson über ihre Motivation. Sie selbst ist unterwegs nach Kobanê.
Aktivist*innen machen auf Bedrohung von Rojava aufmerksam
Mit der Aktion wollen die Aktivist*innen auf die desaströse humanitäre Lage in Nordostsyrien aufmerksam machen. Aber auch auf die Bedrohung des kurdischen Projekts Rojava im Konflikt mit den Truppen der syrischen Armee. Und die Hindernisse, die Aktivist*innen in den Grenzländern erfahren – etwa in der Türkei.
Im Januar sind die Spannungen zwischen der syrischen Armee und den kurdischen Syrian Democratic Forces (SDF) in Aleppo und Nordostsyrien eskaliert. Bewaffnete Konfrontationen sind entflammt, dabei konnte die syrische Armee weite Gebiete der kurdischen Selbstverwaltung unter ihre Kontrolle bringen.
Hier hatten Kurd*innen vor Jahren ein Regierungsmodell etabliert, das sich nach Prinzipien wie Gleichberechtigung und Basisdemokratie richten sollte. Die nördliche Stadt Kobanê wird seit über einer Woche belagert, die humanitäre Lage bleibt hier trotz einiger Hilfskonvois ernst. Tausende Menschen sind aus ihren Häusern geflohen oder vertrieben worden.
„Wir lassen nicht zu, dass europäische Staaten das finanzieren, was dann al-Dscholani [früherer Kampfname des syrischen Präsidenten Ahmed al-Scharaa, Anm. d. Red.] dort umsetzt, nämlich Massaker an Kurd*innen“, so Jonasson. In den vergangenen Tagen haben sich beide Seiten gegenseitig vorgeworfen, Zivilist*innen willkürlich anzugreifen, festzunehmen und umzubringen.
Seit diesem Freitag gibt es ein neues Abkommen
Al-Scharaa will seit Monaten die SDF und die kurdischen Gebiete in die neuen staatlichen Strukturen integrieren. Ein entsprechendes Abkommen wurde von beiden Seiten im Frühling 2025 unterzeichnet. Die Kurd*innen zögerten dennoch, sie gaben an, den Verlust ihrer Rechte und ihres Regierungsmodells zu fürchten.
An diesem Freitag haben sich beide Parteien indes auf ein Abkommen geeinigt. Dies schließe einen Waffenstillstand sowie die „schrittweise Integration militärischer und administrativer Strukturen“ ein, wie die deutsche Vertretung der Selbstverwaltung schreibt.
„Wir bleiben bei unserer Forderung, dass es humanitäre Korridore braucht, dass es Aufmerksamkeit auf die Region braucht sowie diplomatische Beziehungen mit der Selbstverwaltung“, sagt Jonasson. Ebenso sollten die Rechte der Kurd*innen, vor allem der Frauen, die in Rojava jahrelang die Terrororganisation „Islamischer Staat“ an der Seite westlicher Staaten bekämpft haben, garantiert werden.
Bislang sei die Reise ihrer Gruppe gut verlaufen, findet die Sprecherin. Demonstrationen haben die Aktivist*innen auf dem Weg gehalten, um öffentliche Aufmerksamkeit zu erzielen. Jetzt wollen sie die „Grenzen brechen“, so wie ihr Motto besagt. Ob das ihnen auch gelingt, das wird sich zeigen.
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