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Kommentar Große Koalition, kleine Lösungen

Kommentar von

Jens König

"Mehr Freiheit, um den Schwachen zu helfen" - das war das Ziel der großen Koalition. Aber sie ist behäbig und hat keine Antworten auf soziale Fragen.

G roße Koalitionen bedeuten große Lösungen. So sprachen die Optimisten zum Antritt der schwarz-roten Regierung im Herbst 2005. Heute weiß jedes Kind: Diese große Koalition bedeutet in der Regel keine Lösung; wenn es gut läuft, produziert sie kleine Lösungen.

Jens König, 43, leitet das Parlamentsbüros der taz.

Die Maßnahmen, die die Regierung zur Beseitigung der katastrophalen Zustände im Pflegewesen und zur Eindämmung ausbeuterischer Zustände auf dem Arbeitsmarkt anbietet, liegen irgendwo zwischen kleine und keine Lösung.

Das Bemerkenswerteste ist noch die Bereitschaft der SPD, den Nichtkompromiss beim Mindestlohn nicht mehr schönzureden. Vizekanzler Müntefering betrachtet das Ergebnis mit einer "Mischung aus Empörung und Zorn". Lafontaine lässt grüssen. Die Ursache für dieses leidenschaftlose Herumdoktern der großen Koalition auf zentralen gesellschaftlichen Konfliktfeldern liegt jedoch nicht etwa in wachsenden Meinungsverschiedenheiten zwischen Merkel und Müntefering. Auch die Tatsache, dass die innenpolitische Angela Merkel zuerst als CDU-Vorsitzende und erst dann als Kanzlerin agiert, ist für diesen rasenden Stillstand nicht verantwortlich. Der Grund ist einfacher und wiegt zugleich schwerer: Die soziale Frage in all ihrer Komplexität - von Sozial-, über Gesundheits-, bis hin zu Familien- und Bildungspolitik - hat sich auf der politischen Agenda nach vorn katapultuiert.

Weder Union noch SPD haben bislang eine Antwort darauf gefunden. Der Maßstab dafür ist nicht etwa die Sehnsucht nach dem "großen Wurf", sondern nur das von der Koalition selbst gesetzte Ziel. "Mehr Freiheit" hatte sie versprochen, um "den Schwachen" zu helfen. Die Verweigerung eines Mindestlohnes bedeutet das Gegenteil: Mehr als eine Million Menschen wird weiterhin nur Hungerlöhne zwischen drei und fünf Euro verdienen. Das bedeutet Armut - trotz Arbeit. Die Herausforderungen der sozialen Frage zermahlen CDU, CSU und SPD die letzten Reste ihrer Identität. Deswegen klammern sich die drei Parteien so aneinander. Dabei ist ihr Bündnis schon längst nur noch eine Koalition des Übergangs. 2009, spätestens 2013 kann eine Regierung im neuen Fünfparteiensystem nur noch mit der Linken gebildet werden - oder gegen sie.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

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