Kommentar aktuelle Scheidungszahlen: Eine Chance zur Emanzipation
Die Ehe als Lebensversicherung vor allem für Frauen ist ins Wanken geraten. Warum hält der Staat dann noch am Ehegattensplitting fest? Es braucht neue Modelle.
E in Trend hält an: Im vergangenen Jahr wurden 187.000 Ehen geschieden. Damit traten 11 von 1.000 Ehepaaren vor den Scheidungsrichter. In den vergangenen 25 Jahren scheiterte jede dritte Ehe.
Hat die Ehe als Form des Zusammenlebens ausgedient? Nicht ganz, denn es gibt immer noch genügend Frauen und Männer, die ihre Liebe mit einem Trauschein besiegeln. Aber die Lust zu heiraten sinkt: Gab es vor zwanzig Jahren 22 Millionen Ehen, sind es jetzt 17 Millionen. Vielmehr leben Paare, auch mit gemeinsamen Kindern, heute ohne Trauschein zusammen. Auch das Alter der Heiratswilligen und die Zahl der Eheverträge steigt - ein Indiz dafür, dass man sich länger überlegt, ob, an wen und wie man sich bindet. Es gibt mehr Zweitehen und mehr Patchwork-Familien.
Auf diese Lebensrealität hat der Gesetzgeber reagiert: Er hat das Unterhaltsrecht reformiert, durch das Expartner aufgefordert sind, nach der Scheidung wieder für sich selbst zu sorgen. Er hat das gemeinsame Sorgerecht für die Kinder eingeführt und die Vätermonate geschaffen. Kurz: Die Ehe als Lebensversicherung vor allem für Frauen ist ins Wanken geraten.
Deshalb ist es umso fragwürdiger, warum der Staat nach wie vor am Ehegattensplitting festhält, das vor allem das überholte Alleinverdienermodell finanziell unterstützt. Warum keine Individual- oder noch besser eine Familienbesteuerung? Fragwürdig ist ebenso, warum viel zu wenig Arbeitgeber familiengerechte Arbeitsmöglichkeiten zulassen, warum nicht jedes Kind einen Kita-Platz hat und warum die meisten Männer nur zwei Monate in Elternzeit gehen.
Für Frauen heißt das: Eine Scheidung ist zwar persönlich tragisch. Das Ende des Lebensentwurfs Ehe ist eine Herausforderung. Aber es kann auch eine Chance zur Emanzipation sein, die Frauen nutzen sollten.
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