Kommentar Spaltung in der AfD: Verfrühte Freude

Vermutlich werden auch die Machtspiele den Rechtspopulisten nicht schaden. Die Distanzierung vom Antisemitismus folgt einem Kalkül.

Jörg Meuthen und Frauke Petry auf dem AfD-Kongress am 1. Mai 2016

Mit der Harmonie klappt es derzeit nicht so gut Foto: reuters

Was für ein Schlamassel. Mit Wolfgang Gedeon verlässt der Mann, der die AfD-Fraktion in Baden-Württemberg mit seinen antisemitischen Schriften gespalten hat, jetzt die Fraktion. Zurück bleibt ein Scherbenhaufen, weil Frauke Petry und Jörg Meuthen, die beiden AfD-Koparteichefs, den Streit um Gedeon für einen Machtkampf auf offener Bühne nutzen.

Erleichterung über diese Selbstdemontage wäre aber verfrüht. Die letzten Wahlen haben gezeigt, dass die Rechtspopulisten derzeit so viel Rückenwind haben, dass ihnen solche Ränkespiele und Intrigen nicht ernsthaft schaden: Sie könnten auch einen Besenstiel aufstellen und würden trotzdem in die Parlamente gewählt.

Es ist zudem kaum anzunehmen, dass es potenzielle AfD-Wähler in Mecklenburg-Vorpommern interessiert, was die Partei fernab im Süden so treibt. Dort wird in zwei Monaten gewählt, und die AfD liegt in Umfragen bei 19 Prozent.

Wozu also überhaupt der Streit über den Ausschluss von Gedeon? Die AfD folgt damit dem Vorbild anderer Rechtspopulisten in Europa, die sich von offenem Antisemitismus distanzieren, nur um umso ungehemmter gegen Muslime und andere Minderheiten zu hetzen. Marine Le Pen warf sogar ihren eigenen Vater aus der Partei, um den Front National salonfähig zu machen. Damit gibt sie vor, aus der Geschichte gelernt zu haben, und schmäht nun selbst Andersdenkende mit Wonne als „Faschisten“. Eine Strategie, die sich ausgezahlt hat.

Ihr nur vermeintlich historisch geläuterter Rassismus macht die AfD so gefährlich

Dass offener Antisemitismus von bürgerlichen Wählern nicht goutiert wird, das weiß auch die AfD-Spitze. Frauke Petry hat Gedeons Rückzug deshalb begrüßt. Das ist aber nur ein taktisches Manöver um der Fassade willen. Und Jörg Meuthens Bekundung, er wolle, „dass die AfD eine von Antisemitismus, Rassismus und Extremismus saubere Partei“ werde, ist blanker Hohn.

Gerade ihr in der Wolle gefärbter, nur vermeintlich historisch geläuterter Rassismus macht die Rechtspopulisten von heute so gefährlich. Denn anders als klassische Rechtsextremisten sind sie in der Lage, verbreitete Ressentiments aufzugreifen, bis in bürgerliche Kreise hinein Anklang zu finden, Stimmungen zu kippen und auf lange Sicht sogar Mehrheiten zu gewinnen. Die Präsidentenwahl in Österreich und der Brexit in Großbritannien sind nur die zwei aktuellsten Beispiele dafür, dass diese Strategie aufgeht.

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Jahrgang 1970, ist seit 1998 bei der taz. Er schreibt über Migration und Minderheiten, über Politik und Popkultur. Sein Buch "Angst ums Abendland. Warum wir uns nicht vor Muslimen, sondern vor den Islamfeinden fürchten sollten" ist gerade im Westend Verlag erschienen.

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