Kommentar Paritätisches Wahlrecht

Die Quadratur des Kreises

Eine breite Initiative fordert ein Ende der Dominanz von Männern in der Politik. Dass das nach 100 Jahren nötig ist, zeigt: Frauen wird nichts geschenkt.

In einem Museum hängen Plakate zum Frauenwahlrecht

Bis Parität endlich Realität wird, darf es nicht noch einmal so lange dauern: 100 Jahre Frauenwahlrecht Foto: dpa

Es ist ein Meilenstein: 100 Jahre nachdem es Frauen in Deutschland zum ersten Mal erlaubt war, zu wählen und gewählt zu werden, fordert der Deutsche Frauenrat, endlich die noch immer männlich verkrusteten Strukturen der Politik aufzubrechen. Allein die Bündnisbreite – über 60 Organisationen sind vertreten – zeigt, wie unzeitgemäß das derzeitige Wahlrecht ist, das zu der haarsträubenden Tatsache führt, dass im Bundestag gerade mal ein Drittel und unter den BürgermeisterInnen hierzulande nicht einmal zehn Prozent Frauen sind.

Es waren erbitterte Kämpfe, die dazu geführt haben, dass das aktive und passive Wahlrecht eingeführt wurde. Und selbst dann war, wie an der aktuellen Geschlechterverteilung in der Politik zu sehen ist, Fortschritt nur langsam möglich. Trotzdem zeigen die vergangenen 100 Jahre, wie fundamental wichtig weibliche Perspektiven sind, um Themen zu erkennen und Strukturen zu verändern: Ohne Frauen, die diese Gesetze vorantrieben, wäre weder Vergewaltigung in der Ehe ein Straftatbestand noch wären der Mutterschutz eingeführt und die Möglichkeiten zum Schwangerschaftsabbruch juristisch verankert worden. Und eine freiwillige Quote, auch das zeigt die Erfahrung, reicht eben nicht, um institutionelle Politik nachhaltig zu verändern.

In der Praxis wäre die paritätische Besetzung der Politik die Quadratur des Kreises. Wann sollen Frauen, die noch immer 50 Prozent mehr unbezahlte Sorgearbeit als Männer übernehmen, denn überhaupt Politik machen? Die Möglichkeit, von zu Hause oder in Teilzeit zu arbeiten, damit auch Männer ihre Kinder um 16 Uhr aus der Kita holen können, eine Selbstverständlichkeit von Doppelspitzen oder die Abschaffung des anachronistischen Ehegattensplittings wären politische Projekte, die Frauen im Parlament dringend anschieben müssten – sofern sie denn die Zeit dazu finden.

Dass uns nichts geschenkt wird, zeigen die vergangenen 100 Jahre. Bis Parität endlich Realität wird, darf es nicht noch einmal so lange dauern.

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Jahrgang 1979, ist seit 2012 bei der taz. Sie war Chefin vom Dienst in der Berlinredaktion, hat die Seite Eins gemacht und arbeitet jetzt als Genderredakteurin im Inland. 2019 erschien von ihr (mit M. Gürgen, S. am Orde, C. Jakob und N. Horaczek) "Angriff auf Europa - die Internationale des Rechtspopulismus" im Ch. Links Verlag

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