Kommentar Mazedonischer Namensstreit

Gegen die heilige Souveränität

Nationalistische Töne auch in den südeuropäischen Ländern lassen den Zusammenhalt in der EU bröckeln. Das ist gefährlich.

Alexis Tsipras vor Fahnen der EU-Länder

Nicht einfach hat es der Premier Alexis Tsipras. Der Namensstreit erregt die Gemüter in Griechenland Foto: dpa

Da erregen sich Griechen über ein vermeintlich flammendes Unrecht. Am Sonntag wollen sie zu Hunderttausenden auf die Straße gehen, um gegen ihren Premier zu protestieren. Handgreiflichkeiten sind zu befürchten, vielleicht gar Verletzte. Der Volkszorn kocht, die Seele der Nation ist getroffen.

Doch es geht nicht um Lohneinbußen, höhere Steuern oder Arbeitslosigkeit. Die Menschen sind empört, weil das nördliche Nachbarland den Namen Nord-Mazedonien tragen soll, ganz ähnlich der nördlichen Provinz Griechenlands, die Mazedonien heißt. Die sei ein Ausverkauf nationaler Interessen und es gefährde die eigene Grenze, vulgo die heilige Souveränität, heißt es.

Es ist der absolute Irrsinn. Und er funktioniert so, wie Nationalismus immer funktioniert: mit einem abgrundtief bösen und dazu fremden Gegner, Appellen an den eigenen Patriotismus in einer angeblich homogenen Gesellschaft – und mit Angst vor einer imaginären Bedrohung.

Die Aufwallung patriotischer Gefühle unter griechischen Nationalisten könnte uns einigermaßen kalt lassen, ginge es nur um Griechenland und Mazedonien. Doch die nationalistische Krankheit entwickelt sich überall auf dem Kontinent zu einer Seuche. Sie trennt Krim-Bewohner von Ukrainern, griechische von türkischen Zyprioten, Moldauer von Bewohnern Transnistriens, Katalanen von Spaniern und Flamen von Wallonen. Sie schafft in ihrer jeweiligen Blase mehr Solidarität als noch die schärfste Ungerechtigkeit zwischen Arm und Reich. Und sie droht, die EU von innen heraus zu zerfressen.

Es bleibt eine schwache Hoffnung

Denn Nationalismus kennt qua Definition nur die Interessen der postulierten eigenen Gemeinschaft. Er ist unfähig, auch die Nöte des Nachbarn zu sehen und einen Ausgleich zwischen Staaten zu schaffen – so wie es vor mehr als sechs Jahrzehnten mit der Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft beabsichtigt war. Natio­nalismus schafft zuerst Hass gegen die anderen, dann Krisen und, wenn es schlecht läuft, Krieg.

Für manche Politiker ist es reizvoll, auf die nationale Karte zu setzen, weil das so ertragreich ist. Die AfD reitet erfolgreich auf dieser Welle, so wie eine ganze Reihe ähnlich gewebter Parteien in Europa. Das Einzige, was dabei hoffen lässt, ist, dass diese Parteien niemals zu einem gemeinsamen Konsens finden werden.

Eine schwache Hoffnung in einem Meer des Irrationalen. Für alle aber, die sich dazu bekennen, links zu denken, gleicht das Setzen auf die nationale Karte einer Bankrotterklärung. Wer in nationalen Schablonen argumentiert und glaubt, Europa nicht so wichtig nehmen zu müssen, betreibt das Geschäft der Reaktion.

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Jahrgang 1957, ist Leiter von taz.eins, dem Ressort, das die Seite eins und die Schwerpunktseiten plant und produziert. Er ist seit den 1980er Jahren bei der taz und war u.a. Chef vom Dienst und Ressortleiter im Inland. Seine Themenschwerpunkte sind Zeitgeschichte und der Nahe Osten. Hillenbrand ist Autor mehrerer Bücher zur NS-Geschichte. Zuletzt erschien von ihm herausgegeben: "Das Amulett und das Mädchen", Hentrich & Hentrich 2019

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