Kommentar Labour und Antisemitismus: Auf Bewährung

Labour hat die allgemein anerkannte Antisemitismus-Definition übernommen. Wie viel das bringt, kann nur die Zukunft zeigen.

Peter Willsman schaut in die Kamera

Zwei Schritte vor, einer zurück: Peter Willsman, der die Antisemitismus-Vorwürfe in seiner Partei als das Werk „Trump-fanatischer Juden“ bezeichnete, ist wieder im Vorstand Foto: dpa

Endlich. Die Labour Party hat nun den kompletten Wortlaut der allgemein anerkannten Antisemitismus-Definition der Internationalen Holocaust Remebrance Alliance (IHRA) in ihren Verhaltenskodex übernommen. Der Entscheidung beendet eine wochenlange Krise der Partei.

Margaret Hodge, die jüdische Labour-Abgeordnete, die Corbyn als Antisemiten bezeichnet hatte, sprach von zwei Schritten voran und einem zurück. Denn in einer hinzugefügten Bemerkung zur Übernahme der IHRA-Definition erklärte Labour, „dass die Meinungsfreiheit über Israel und die Rechte der Palästinenser*Innen weiter gelten müssten“. Dabei steht im IHRA- Originaltext ohnehin, „dass Kritik an Israel, wenn sie ähnlich jeder Kritik an jeglichem anderen Land gemacht werde, nicht als antisemitisch bezeichnet werden könne“.

Die Entscheidung soll Wunden heilen. Doch man muss sich Folgendes fragen: Wieso wurde Peter Willsman, ein Corbyn-Anhänger, wieder in den Parteivorstand aufgenommen? Er war erst jüngst aus dem Gremium rausgeflogen, weil er die Antisemitismus-Vorwürfe in seiner Partei samt und sonders als das Werk „Trump-fanatischer Juden“ bezeichnete. Gab es so große Personalnot am Montag, dass keine anderen Anwärter*Innen auf diesen Posten als ein Antisemit zu finden waren?

Auch alle fragwürdigen Äußerungen Corbyns zu Israel und Palästina aus seiner Zeit als Hinterbänkler wurden von ihm und der Partei verteidigt. Wie viel sind die jüngsten Bekenntnisse zur IHRA-Definition also wert? Werden nun antisemitische Kommentare tatsächlich aus dem Jargon einzelner Genoss*Innen verschwinden?

Das werden nur zukünftige Fälle zeigen, bei denen die Antisemitismus-Definition des IHRA getestet werden kann. So lange sind die Partei und ihre Führungsspitze auf Bewährung.

Wer Konflikte lösen und zum Frieden beitragen will, muss vor allem den richtigen Ton finden, alle Argumente auf den Tisch legen, mit allen Seiten verhandeln und sie zusammenbringen können. Das gilt beim Antisemitismus genauso wie in der Beziehung zwischen Labour und der jüdischen Community in Großbritannien und erst recht in Fragen der Verarbeitung des Konflikts zwischen Israelis und Palästinensern.

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Sohn eines Shoahüberlebenden, ist er 1969 in München geboren und lebte auch kurz in den Niederlanden und in Israel bis er 1991 nach London zog. An der Londoner Soas schreibt er über Rastafarianismus als politische Kraft unter Jugendlichen in Freetown, Westafrika. Seinen Magister beendete er am Goldsmiths College mit einer Arbeit über die Frage, was der Begriff Community Produzent*innen und Moderator*innen von Radioprogrammen von und für die Londoner schwarze Gemeinschaft bedeutet. Einen Doktorversuch über schwarze und jüdische Befreiungsbewegungen und die Bedeutungen von Gewaltanwendung (UCL und U. of Leeds) machte er mangels finanzieller Ressourcen nicht fertig. Bald ist er Hörfunkjournalist mit Einsätzen für DW, agiert aber auch als Universitätsassistent, und arbeitet, u.a. für das jüdisch-palästinensischen Friedensdorf Wahat al-Salam ~ Neve Shalom. Seit 2011 berichtet er leidenschaftlich aus Großbritannien, wo es ihn neben dem Politischen vor allen um die Übermittlung der menschlichen Geschichten geht. Neben dem durchgehenden Einsatz für die taz, schreibt Daniel seit einigen Jahren an einem Buch über seine Familie und die Fragen der Zugehörigkeit und den Rassismus. Daniel ist ausgebildeter Studio Pilateslehrer mit einem zweiten Magister in Sport Coaching.

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