Kommentar Frankreichs neue Bewegung : Das Gegenteil von Pegida
Keiner weiß, ob die basisdemokratische Bewegung Nuit debout etwas Nachhaltiges bewirkt. Immerhin driftet der Protest diesmal nicht nach rechts ab.
N iemand weiß, ob die basisdemokratische Bewegung Nuit debout, ausgehend vom Platz der Republik in Paris, etwas Nachhaltiges im Land bewirken wird. Aber etwas ist auf jeden Fall in Bewegung geraten mit diesen abendlichen Treffs, und das Phänomen breitet sich bereits auf andere Städte aus. Auf dem Pariser Platz und an den anderen Treffpunkten in der Provinz diskutieren längst nicht mehr nur die Jungen, alle Generationen sind vertreten. Ganz offensichtlich besteht ein großes Bedürfnis, die Enttäuschung und den Unmut in die Öffentlichkeit zu tragen.
Wie immer, wenn in Frankreich die Jugend sich mit politischen Forderungen rührt, werden sofort Analogien mit dem Mai 68 hergestellt. Gemeinsam hat die neue Jugendrevolte mit der vor fast einem halben Jahrhundert den Enthusiasmus und die Ablehnung aller Zensur und Unterordnung.
Der positivste Aspekt dieser für Frankreich neuen Bewegung besteht darin, dass dieser Protest gegen die Regierungspolitik, die Wirtschaft und die gesellschaftlichen Zustände nicht wie in anderen Ländern nach rechts abdriftet. Bisher hatte auch in Frankreich die Frustration vor allem die extreme Rechte gestärkt. Doch diese gehört mittlerweile nach Wahlerfolgen des Front National von Marine Le Pen vielleicht ebenfalls schon fast zum politischen Establishment, von dem diese „wachen“ Protestierenden nichts mehr erwarten.
Darum hat die Bewegung Nuit debout nichts mit von Rechtsextremen gesteuerten Demonstrationen im Stil von Pegida gemein. Sie ist das pure Gegenteil. Sie beweist sogar, dass in Frankreich die Linke nicht tot ist, sondern sich erneuert. Die institutionelle Linke, die an der Regierung ist, hat diese Menschen zutiefst enttäuscht. Resigniert sind sie deswegen aber keineswegs. Das ist der erste Satz eines Programms, das dieser Bewegung noch fehlt. An Ideen mangelt es nicht, das ist der zweite Punkt, der bei diesem Frühlingserwachen ein echter Grund zu Hoffnung ist.
Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen
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