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Kommentar Erdbeben in Italien Prävention? Nur auf dem Papier

Michael Braun

Kommentar von

Michael Braun

Vorausschauendes Handeln rangiert in Italiens Politik weit hinten. Erwartbare Ereignisse wie ein Erdbeben sind jedes Mal ein „Notstand“.

E rdbeben gehören zu jenen Naturkatastrophen, denen man nicht vorbeugen kann. Man kann sie – anders als Hurricane, anders als Überschwemmungen – nicht vorhersagen, um dann zum Beispiel mit Evakuierungsmaßnahmen zu reagieren. Nur eines kann man tun: sich auf sie einstellen. Und so dafür sorgen, dass die Opferzahl möglichst niedrig bleibt.

Amatrice, Accumoli und die anderen jetzt getroffenen Ortschaften waren erkennbar nicht auf ein Erdbeben eingestellt. Nicht nur die historischen Ortskerne wurden ausradiert, auch zahlreiche neuere Bauten stürzten ein, unter ihnen die Schule, die erst vor kurzem restauriert wurde und angeblich erdbebensicher war. Dabei hat sich auf dem Papier viel bewegt in Italien.

Nach dem Beben von L'Aquila im Jahr 2009 wurden die Baunormen weiter verschärft, wurden hohe Summen für die Sanierung historischer Gebäude in Risikogebieten bereitgestellt. Ausgegeben wurden sie jedoch meist nicht – und offenbar hakte es auch bei effizienter Kontrolle, ob die strengen Normen wirklich eingehalten wurden. Stattdessen wird der Staat jetzt wieder Millionen locker machen, um der „emergenza“ Herr zu werden, dem „Notstand“, um nachher jene Schäden zu kompensieren, die sich vorher mit gezielten Interventionen wenigstens hätten reduzieren lassen.

Seit Jahren schon beklagt zum Beispiel der Verband der italienischen Geologen jene Notstandslogik des Nachher. Dass es bei der Prävention an allen Ecken hapert, ja, dass Italien es nicht einmal für nötig befindet, den Kindern in den Schulen zu vermitteln, wie man sich bei einem Beben verhält, um seine Überlebenschancen zu erhöhen. Um 20 bis 50 Prozent lasse sich allein durch solche Programme die Zahl der Opfer reduzieren, schätzen die Geologen.

Doch vorausschauendes, systemisches Handeln rangiert in Italiens Politik weit hinten. Wenn tausende Flüchtlinge kommen, ist das jedes Mal ein Notstand – obwohl deren Ankunft mehr als erwartbar ist. Und ganz genauso reagiert die Politik auf die Naturgewalt der Erdbeben, in einem Land, das zu den am gefährdetsten in Europa zählt.

Dass es anders geht, ist in Italien selbst zu besichtigen: Die Stadt Norcia, nach den schweren Schäden eines Bebens von 1997 generalsaniert, trug diesmal nur geringe Schäden davon, obwohl sie nur ein paar Kilometer vom Epizentrum des Erdbebens vom letzten Mittwoch liegt.

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Michael Braun

Michael Braun Auslandskorrespondent Italien

Promovierter Politologe, 1985-1995 Wissenschaftlicher Mitarbeiter an den Unis Duisburg und Essen, seit 1996 als Journalist in Rom, seit 2000 taz-Korrespondent, daneben tätig für deutsche Rundfunkanstalten, das italienische Wochenmagazin „Internazionale“ und als Wissenschaftlicher Mitarbeiter für das Büro Rom der Friedrich-Ebert-Stiftung.
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1 Kommentar

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  • mowgli

    "Dass es anders geht, ist in Italien selbst zu besichtigen: Die Stadt Norcia, nach den schweren Schäden eines Bebens von 1997 generalsaniert, trug diesmal nur geringe Schäden davon, obwohl sie nur ein paar Kilometer vom Epizentrum des Erdbebens vom letzten Mittwoch liegt."

     

    Nun ja. Aus Schade wird man offensichtlich klug – wenn man denn klüger werden darf. Das ist ein ziemlich alter Hut und hat noch nie etwas geändert daran, dass es eine ganze Menge Verantwortungsträger gibt, die eine Vogel-Straß-Politik des Vor-sich-her-Schiebens unangenehmer Arbeiten betreiben.

     

    Das ist allerdings nicht nur in Italien so. Das womöglich etwas voreilige "Wir schaffen das" der deutschen Kanzlerin hatte Folgen, wie sie ein sogenanntes politisches Erdbeben hat. Es ist seither eine ganze Menge Schaden entstanden. Vor allem aber hat es Opfer gegeben. Mehr, als es hätte geben müssen. Und auch die Schäden wären kleiner gewesen, hätten sich Deutschland und insbesondere die Union nicht jahrzehntelang davor gedrückt hätte, auf das Erwartbare zu reagieren. Noch immer kneifen Leute, die das nicht tun dürften, die Augen zu und hoffen, dass der Kelch doch noch an ihnen vorüber gehen wird, wenn sie nur lautstark lamentierend mit ihrem ausgestreckten Finger auf die zeigen, die sich nicht gut wehren können.

     

    Was uns das lehrt? Je nun. Vielleicht, dass manche Probleme keine nationalen sind, sondern globale. Wer die Gemeinsamkeiten untersucht, die zwischen deutschem Versagen und italienischen erkennbar sind, der wird dabei vermutlich auch die Stellen finden, an denen es Veränderungen geben muss. Veränderungen, die leider bisher nicht gewollt sind von denen, die sie angehen müssten. Die Katastrophe war wohl noch nicht groß genug.