Kommentar Echokammer im Internet

Raus aus der Komfortzone!

Facebook und Google lassen immer mächtigere Echokammern entstehen. Allerdings tummeln sich darin nicht nur Rechtspopulist*innen.

eine kleine Speisekammer. In einem Regal stehen Einmachgläser und Konservendosen. An der Wand hängt eine Pfanne.

Die gute alte Speisekammer konserviert statt rechtem Meinungsbrei harmloses Eingemachtes Foto: imago/Christian Ohde

Ein Wort geistert seit geraumer Zeit durch die Medien: die Echokammer. Von den drei Sozialwissenschaftlern Walter Quattrociocchi, Antonio Scala und Cass Sunstein in den USA erfunden, taucht es in journalistischen Artikeln auf und versucht zu erklären, was Internet und soziale Netzwerke mit unserer Gesellschaft machen. Meistens steht zwischen den Zeilen eine Warnung: dass Menschen ins rechte Lager abdriften und sich in ihrem Meinungsbild zunehmend radikalisieren.

Schuld an der aufkeimenden Wutkultur seien vor allem Google und Facebook, die mit ihren Algorithmen dafür sorgten, dass jeder Suchprozess oder Newsfeed-Post jene personalisierten Ergebnisse vor das Konsument_innen-Auge spüle, die eh schon ins Weltbild passten.„Fake News“ und Verschwörungstheorien machten so die Runde innerhalb meinungshomogener Kreise, mobilisiert durch die Kettenreaktionen aus Likes und Shares.

Im Grunde wird das beflügelte „Wir sehen nur, was wir sehen wollen“ umgewandelt in „Wir sehen nur das, von dem Google und Facebook wissen, dass wir es sehen wollen“. Doch die Konzerne weisen die Verantwortung bisher stets von sich. Facebook sei schließlich keine Nachrichtenagentur und kontrolliere auch keine Newsfeeds, heißt es in einem Statement von Andy Mitchell, Mitarbeiter des Unternehmens und zuständig für Nachrichten und Medienkooperationen, auf einer Konferenz im Frühjahr 2015.

So entwickelt sich etwas, das offenkundig Schaden anrichtet, ungehemmt weiter. Ob die eingangs erwähnte wiederkehrende Warnung vor der Macht der widerhallenden Kommunikationsräume wirkungsvoll ist und Konsument_innen zur Gegenwehr treibt, bleibt fraglich. Ruhe bewahren und weitermachen ist da eher die Devise. Oder noch’ne Runde Netflix schauen.

Gegen Echo hilft: Reden

Es mangelt an Aktionismus derjenigen, die sich nicht zu diesen Echokammer-Menschen zählen, sich aber bei genauerem Hinschauen in den gleichen Informations- und Meinungskuhlen suhlen. Klar, das sorgt für Zufriedenheit, so wird man wieder und wieder in seiner politischen Haltung bestätigt. Es werden Zweifel besänftigt, aber auch Ängste geschürt – und es werden die Schotten dicht gemacht.Das ewig widerhallende und den gesellschaftlichen Frieden vergiftende Wut-Echo kann nicht durchbrochen werden, wenn die Möglichkeiten des Austausches verriegelt werden.

Es gibt Menschen, die noch vor der Tür zur rechten Ideologiekammer des Schreckens stehen und blind nach dem Eingang tasten, und auch solche, die zwar mit einem Fuß drin stehen, sich aber nicht sicher sind, ob ihnen das Schauspiel darin wirklich so gut gefällt. Selbst die, die schon drinnen sind, könnten noch zu retten sein. Sie sind Teil der Gesellschaft und lassen sich überzeugen, sofern Menschen ihre eigene gemütliche Echokammer verlassen, um mit ihnen auf Augenhöhe und wutfrei eine Unterhaltung zu führen, etwa über unser politisches System und warum es sich lohnt, es aufrechtzuerhalten, oder zur Annäherung auch erst mal über den Umgang mit sozialen Netzwerken im Internet.

Einmal zahlen
.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben