Kommentar Barrierefreiheit: Man wird behindert
Behinderte stoßen überall auf Barrieren – besonders in den Köpfen der Politiker. Es braucht ein radikales, umfassendes Teilhabegesetz.
E s gibt Dinge, die machen einen rasend. Bordsteinkanten zum Beispiel. Oder diese pittoresken Treppenstufen vor nahezu jedem Altbau. Als Fußgänger hüpft man ja gern darüber weg. Aber man muss nicht einmal versuchen, sich in die Lage eines Rollstuhlfahrers, einer Blinden hineinzuversetzen – das klappt eh nicht. Es reicht schon, eineN von ihnen im Alltag zu begleiten, schon kocht man vor Wut.
Denn plötzlich tun sich überall Hürden auf. Die Stufe vor der Lieblingskneipe. Die Treppe in den Kinosaal. Die zugeparkte Bordsteinabsenkung. Der Weg hoch in die eigene Wohnung. Man wird: behindert. Nicht weil man seine Körperteile nicht so benutzen kann wie andere. Sondern weil sich an viel zu vielen Orten viel zu wenig Gedanken darüber gemacht wurden, wie Behinderte sich dort bewegen sollen.
Das ist letztlich nicht überraschend, denn das mit dem Hineinversetzen in die Rolle des Rollifahrers – siehe oben – ist schwer. Und selbst wenn ein Nichtbehinderter alle möglichen Wünsche des Rollstuhlfahrers beachtet, vergisst er doch die speziellen Bedürfnisse der Tauben, Blinden, Amputierten, Spastiker.
Genau deshalb braucht es ein Teilhabegesetz, das in aller Radikalität Vorgaben macht. Nicht nur, wie derzeit geplant, für Behörden, Schulen, Bahnhöfe, sondern gerade auch für privat errichtete Häuser und für alle neuen Geschäfte.
Man muss und kann nicht jeden Altbau umrüsten. Doch jede neu angelegte Stufe, jede zu schmale Tür, jede vergessene Behindertentoilette bedeutet mindestens 50 weitere Jahre ein unüberwindbares Hindernis. Und davon gibt es wahrlich genug.
Ja, das ist mit Kosten verbunden. Ja, es überrascht wenig, dass Privatinvestoren jammern. Ja, vielleicht kann man da über finanzielle Unterstützung durch den Staat nachdenken. Aber wirklich hilfreich ist nur eins: ein Teilhabegesetz, das barrierefreies Bauen als Normalzustand festschreibt. Schließlich kann es spätestens im Alter jeden von uns auch persönlich betreffen. Und wer unbedingt dennoch Barrieren bauen will, kann sich das dann ja gesondert genehmigen lassen.
Die größte Barriere in Deutschland ist leider immer noch das Brett vorm Kopf der verantwortlichen Politiker. Aber man muss die Dinge positiv sehen: Nimmt man das Brett erst mal ab, wird daraus schnell eine Rampe.
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