Kommentar Bachelor: Ein bißchen Nachsteuern reicht nicht
Eine Reform, die mehr Studierende zu Abbrechern macht als zuvor, taugt nichts. Der Bachelor muss als vierjähriges Grundstudium - und weniger spezialisiert - aufgebaut werden
N achsteuern, Feinjustieren, Weiterreformieren: Diese mechanistische Sprache der Bildungsbürokraten verschleiert die Probleme, die der Umbau der Universitäten, der sogenannte Bologna-Prozess, tatsächlich aufwirft. Als ob es um eine Maschine ginge, an der man ein bisschen herumschraubt, und plötzlich produziert sie die gewünschten Ergebnisse. Dabei geht es um eine ganze Generation von jungen Menschen, ihre Karrierechancen und Lebenswege, die durch das Bachelor-Master-Experiment beeinträchtigt sind.
Wenn heute mehr Studierende ihr Studium abbrechen als vor der Reform, dann heißt das, dass die Universitäten Menschen zu Versagern machen. Sie versagen ihnen schlicht den gesellschaftlichen und beruflichen Aufstieg. Absolventen, die mit einem Bachelor-Abschluss die Uni verlassen, ohne dass absehbar ist, welches Ziel und welchen Stellenwert dieser Abschluss hat, haben gute Chancen, wichtige Lebenszeit und Geld zu verlieren. Und vielerorts wird nur ein Viertel von ihnen in weiterführende Masterprogramme aufgenommen.
Es sind mindestens zwei große Fehler, die die Bürokraten bei ihrem Großversuch begangen haben. Einer war, eine ausufernde Fülle von neuen Bachelor- und Masterprogrammen zuzulassen, die angehende Studierende heillos verunsichert. Mehr als 8.700 Studiengänge zählt die Hochschulrektorenkonferenz, darunter "Sports Engineering", "Network Computing" oder "Werte & Normen". Welches Wissen und welche Möglichkeiten einem solche Programme eröffnen - wer kann das schon einschätzen?
Noch schwerer wiegt die Fixierung auf ein gequetschtes, dreijähriges, berufsqualifizierendes Bachelor-Studium. Warum kann ein Bachelorstudium nicht vier Jahre dauern? Und warum kann es nicht als ein breit angelegtes akademisches Grundstudium konzipiert sein, mit Elementen eines Studium generale, auf das der Master spezialisierend aufbaut? Antworten auf solche Fragen vernimmt man kaum. Denn damit würden die Bürokraten ja eingestehen, dass es mit ein bisschen Nachsteuern nicht getan ist.
Unser Mittel gegen Antifeminismus
Wir machen linken Journalismus aus Überzeugung: kritisch, unabhängig und frei zugänglich für alle. Es gibt keinen Bezahlzwang, keine Paywall. Das geht nur, weil sich viele freiwillig beteiligen und unsere Arbeit unterstützen. Auch im Digitalen muss Journalismus, der für mehr Gleichberechtigung eintritt, finanziert werden. Unsere Leser:innen wissen: Journalismus entsteht nicht aus dem Nichts. Damit wir auch morgen noch unsere Arbeit machen können, brauchen wir Ihre Unterstützung. Schon über 48.000 Menschen machen mit und finanzieren damit die taz im Netz - kostenlos für alle. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5 Euro sind Sie dabei. Jetzt unterstützen
meistkommentiert