Kolumne Kreaturen

Evolution bizarr!

Von Babywieseln mit böser Absicht, knuffigen Leichen, Fracking-Maskottchen mit dämlichen Namen und einem verkorksten Umgang mit Street Art.

Killer mit Knopfaugen: ein graues Eichhörnchen. Bild: dpa

Und dann war da auf einmal ein Foto im Internet, auf dem ein Babywiesel auf einem Buntspecht reitet. In London. Na ja, eigentlich reitet es nicht, sondern will den Specht töten. Was Wiesel halt so machen, wenn sie sich nicht gerade aus irgendeiner unangenehmen Situation herauswieseln müssen. Aber egal. EIN BABYWIESEL, DAS EINEN BUNTSPECHT REITET!

Wir müssen uns Londoner als glückliche Menschen vorstellen, dort gibt es ja auch diese possierlichen grauen Eichhörnchen, die viel zutraulicher sind als die roten Eichhörnchen. Okay, in Wirklichkeit sind die Grauhörnchen Neozoen aus Amerika und sorgen mit Pockenviren und aggressivem Fressverhalten gerade dafür, dass das europäische Eichhörnchen in England ausstirbt. Was Evolution halt so macht. Aber egal. NIEDLICHE GRAUE EICHHÖRNCHEN!

Bereits ausgestorben sind das Wollnashorn und die Dinosaurier. Doch manchmal kommen sie wieder, und so wurde vor einigen Tagen in Russland die knuffige Wollnashornleiche „Sascha“ aus dem Permafrost geholt. Die Dinosaurier treiben ihr Unwesen derweil in der Erdgasindustrie: Im Dezember verlieh der Naturschutzbund dem ExxonMobil-Europachef Gernot Kalkoffen den Negativpreis „Dinosaurier des Jahres“, was dessen PR-Abteilung – Respekt dafür! – wie einen Bumerang aufnahm und den Dino zum neuen Markenbotschafter für die Superdupertechnologie Fracking machte.

„Frexxi“ (der Name setzte sich bei einer Wahl unter anderem gegen „Frackus Futurus“ und „Fracky der Frackosaurus“ durch) twittert und bloggt, er fährt mit zu Bohrungen, zum Fahrsicherheitstraining und sogar nach Großenkneten. Und wie viel Glück so ein Dinosaurier als Maskottchen bringt, das kann man beim Hamburger SV beobachten. Dort ist Dino Hermann seit über elf Jahren im Amt und man hat wirklich jedes Mal den Klassenerhalt geschafft – herzlichen Glückwunsch!

Weil Hermann nicht nur 90 Minuten pro Woche im Einsatz ist, sondern auch abseits des Stadions seinen Verein repräsentiert, suchte das „Team Dino Hermann“ Anfang Februar Aushilfsdinosaurier per Stellenanzeige. Evolution bizarr! Voraussetzungen: „hohe Flexibilität“, „Spaß am Umgang mit HSV-Fans und insbesondere mit Kindern“ und „idealerweise ein Führerschein der Klasse B“.

Apropos Hamburg: Dort wurde vor knapp zwei Wochen Deutschlands letzte existierende Banksy-Kreatur – ein Mädchen, das eine Bombe herzt – übersprayt. Banksy, Sie wissen schon, ist der Street-Art-Artist mit der ungeklärten Identität und den so herzerwärmend sozialkritischen Messages, dessen öffentliche Komplett-Sakrosanktheit kurz bevorsteht, was man auch daran sieht, dass in Hamburg eine Stiftung extra schon eine Acrylglasscheibe vor sein Mural gesetzt hatte. Doch zwischen Scheibe und Wand gab es eine Lücke und dort lief die absichtlich langsam gesprühte Farbe von oben hinein. Graffiti-Evolution at work.

Doch ist Banksy damit jetzt in Deutschland ausgestorben? Natürlich nicht: Als Reaktion wurde die Säule, auf der das Mädchen mit der Bombe war, komplett mit Holz verkleidet, bis die Kunst restauriert werden kann. Was man mit Street Art halt so macht. NICHT!

.

Jahrgang 1980, lebt in Berlin und arbeitet als freier Journalist, Redakteur und Lektor, unter anderem für die taz, zeit.de und fluter.de. Schreibt Kolumnen, Rezensionen und Alltagsbeobachtungen im Feld zwischen Popkultur, Medien, Internet, Berlin, Sport und Tieren.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben