Kolumne Kreaturen

Something went horribly wrong

Vom Pliopithecus zum modernen Menschen in sechs Schritten: Eine Bildikone wird 50 Jahre alt – das Vorbild für Millionen T-Shirt-Motive.

Ein Schild

Das Ende der Evolution ist ein Sofa. Foto: privat

Die Evolution verläuft von links nach rechts. Das wissen wir seit 50 Jahren, seit 1965 die „Early Man“-Ausgabe der Life Nature Library erschienen ist. Hier ließen sich die Seiten 41 bis 45 mit dem Titel „The Road to Homo Sapiens“ zu einer langen Reihung von laufenden Affen ausklappen, 15 insgesamt, vom über 12 Millionen Jahre alten Pliopithecus bis zum modernen Menschen. Gezeichnet wurde die Darstellung von Rudolph F. Zallinger (1919-1995), einem russischstämmigen Illustrator, der vor allem für sein 33 mal 5 Meter großes Wandgemälde „The Age of Reptiles“ berühmt ist.

Nun gibt es gewisse Kritik an der Grafik. Denn sie vermittelt den Eindruck, als wäre die Evolution ein steter Weg nach oben (oder rechts), eine logische Entwicklung mit Anfang und Ende, fast schon ein göttlicher Plan und nicht ein ewiges Versuchsfeld aus Try und Error, Sackgassen und Neuanfängen, einigen glücklichen Zufällen und vielfachem Scheitern.

Hilft nichts, das Bild ist stärker. So stark, dass die unausgeklappte Darstellung, die nur sechs der Affen zeigt, als „March of Progress“ zur modernen Bildikone geworden ist. Zitiert wurde sie von den Simpsons ebenso wie von Fatboy Slim, auf Albumcovern der Doors und Supertramp, in zahlreichen Karikaturen und auf Magazincovern. Vor allem aber ist der March of Progress das wohl variantenreichste T-Shirt-Motiv der Geschichte, noch vor „My parents went to … and all I got was this stupid T-shirt“, dem RUN-DMC-Schriftzug (taz-Leser kennen eher die Variante FCK CPS) und allen Abwandlungen von „Keep calm and …“

Das liegt an dem, was das Original nicht zeigt: Wie es weitergeht. In diese Leerstelle am rechten Bildrand kann man nun so ziemlich alles hineinimaginieren. Dabei gibt es grob vereinfacht drei Möglichkeiten: die prahlerische, die kulturpessimistische und die mit der Meta-Ebene.

Das richtige Shirt für Leute, die noch den naheliegendsten Witz erst 20 Minuten nach allen anderen machen und dann glauben, sie hätten das Rad erfunden.

Die Prahlversion dient vor allem dem Community-Building im Freizeitbereich, natürlich immer mit einem Augenzwinkern. „Mein Hobby ist die Krone der Schöpfung“, sagt das Shirt, das einen Progress March mit Golfspieler ganz rechts zeigt. Oder einen Skater. Oder einen Schlagzeuger.

Oder einen Angler, Ballettänzer, Basketballer, Bodybuilder, Boulderer, Boulespieler, Dartspieler, Elektriker, Eisstockschießer, Floorballspieler, Fotograf, Fußballer Gitarrist beim Solo, Gitarrist beim Gitarrenkaputthauen, Imker, Jäger, Judoka, Karateka, Kite-Buggy-Surfer, MMA-Kämpfer, Motorradfahrer, Ninja, Paragliding, Parkour-Springer, Phsyiotherapeut, Posaunist, Psychotherapeut, Ringer, Schornsteinfeger, Snowboarder, Squashspieler, Surfer mit Board unterm Arm, Taucher, Tennisspieler, Tischfußballspieler, Trompeter, Treckerfahrer, Trickskifahrer, Volleyballer beim Aufschlag, Volleyballer am Netz, Voltigierer, Windsurfer, Yogi oder Zimmermann.

Es ist das richtige Shirt für Leute, die noch den naheliegendsten Witz erst 20 Minuten nach allen anderen machen und dann glauben, sie hätten das Rad erfunden. Ein intellektuelles Highlight ist da schon die Variation, die erst einen Fußballspieler abbildet und danach noch einen Volleyballspieler. Womit es direkt weiter auf die Meta-Ebene geht. Da kickt dann etwa ein Karatekämpfer die anderen Affen sauber links aus dem Bild. Oder der letzte Mann dreht sich um und herrscht die anderen an: „Stop following me!“ Oder rechts steht eine Frau und fragt: „What took you so long?“

Die dümmste Variante ist die kulturpessimistische. Am Ende der Kette zeigt sie beispielsweise einen Mann, der sich über sein Smartphone beugt. „Something, somewhere went horribly wrong“ und ähnliche Sprüche stehen darunter und die Urheber fühlen sich sehr schlau, weil sie aus einer Momentaufnahme den schlimmen Zustand der technologieverdorbenen Menschheit ableiten zu können glauben, weil sie „verstanden haben“, wie „es läuft“. Von links nach rechts nämlich. So einfach ist das für manche Affen.

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Jahrgang 1980, lebt in Berlin und arbeitet als freier Journalist, Redakteur und Lektor, unter anderem für die taz, zeit.de und fluter.de. Schreibt Kolumnen, Rezensionen und Alltagsbeobachtungen im Feld zwischen Popkultur, Medien, Internet, Berlin, Sport und Tieren.

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