Kolumne Die eine Frage

Der Willy Woodstock der SPD

Schwarz-Weiß-Aufnahmen: SPD gerecht, Grüne ungerecht, Merkel müde. Ist alles wirklich so, wie wir es immer gedacht haben?

SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz

Ist Schulz der Retter, den viele in ihm sehen wollen? Oder beruht sein Erfolg auf einem riesigen Selbstbetrug? Foto: dpa

Ihre lebenslange Freundschaft mit Martin zerbrach, als er ihr vorwarf, ins Kinderkriegen zu flüchten. Nur gut, dass ihr Mann Georg ihr beistand.

Sie hat die Szene seit Jahren im Kopf. Und nun fragt sie sich: War das wirklich so? Oder hat ihr Mann damals die Sache eskalieren lassen? „In letzter Zeit scheint es ihr manchmal, dass vieles im Leben genau andersherum gewesen sein könnte“, schreibt die Schriftstellerin Eva Menasse in ihrem neuen Buch „Tiere für Fortgeschrittene“.

Dieser Satz geht mir seit Wochen im Kopf herum.

Er gilt für das persönliche, gelebte Leben, aber er ist auch die Grundlage der gesellschaftspolitischen Analyse im progressiven Teil dieser Gesellschaft. Ist alles wirklich so, wie wir es immer gedacht haben?

Endlich ist der Wolf wieder heimisch in Deutschland! Das freut nicht jeden. Für die taz.am wochenende vom 25./26. März hat unser Autor mit Biobauern gesprochen, die Abschüsse fordern, und sich ins Revier des Raubtiers gewagt. Außerdem: Hass – warum werden die Rohingya in Birma so erbittert verfolgt? Und: Ein Gespräch mit der Autorin Olga Grjasnowa über Heimat, Religion und Privilegien. Am Kiosk, eKiosk oder gleich im praktischen Wochenendabo.

Am Donnerstag fragte ich Eva Menasse bei der Leipziger Buchmesse, ob sie das auch so sieht oder ob das Zulassen dieses Gedankens schon Verrat und Zurückweichen vor autoritären Kräften sei. „Im Moment sind unsere Annahmen über die Welt sehr schwarz und sehr weiß“, sagte sie. Es gäbe auch Gutes, das käme im Moment zu kurz. „Wir haben uns da auch verhärtet und mit nicht so wichtigen Sachen viel zu sehr beschäftigt und diese Zündschnur aus Wut nicht gesehen, die sich über diesen Globus legt.“

Ist alles wirklich so? Grundlage eines bestimmten Denkens ist das Willy-Woodstock-Gefühl. Also, dass wir mit der Brandt-SPD auf dem Weg ins Paradies waren. Zweitens die kulturelle Erinnerung, dass die Arbeitsmarktreformen der Regierung Schröder/Fischer das Grundübel dieses Landes seien. Dass es danach mit der Gerechtigkeit bergab ging und das nun die zentrale Frage sei.

Es gibt aber soziologisch gesehen keine „Abstiegsgesellschaft“ in Deutschland. Was es zunehmend gibt, ist Angst vor Abstieg, also Verlust von Teilhabe an dieser Wohlstandsgesellschaft. Mit dieser Angst arbeitet der Willy Woodstock 2017, und das ist Martin Schulz.

Werte, die wir hochhalten

Schulz ist ein riesiger Selbstbetrug, sagt Stephan Lessenich, ein Münchner Politikprofessor. Die Leute wollten sich glauben machen, dass mit einem für sie neuen Gesicht die alte Leier noch weitergehen kann, zumindest in Deutschland.

Selbstverständlich haben wir hier Werte, die wir hochhalten. Aber erst mal bedeutet Gerechtigkeit, dass es einen selbst nicht erwischt. Das verspricht Schulz, wenn man mal genau hinhört. Wer sich seine Festanstellung oder Rente hart erarbeitet hat oder irgendwie reingerutscht ist, behält sie. Das ist eine mehrheitsfähige Botschaft, denn die große Mehrheit der Älteren hat ja noch eine ordentliche.

Damit Schulz der bessere Selbstbetrug wird, muss nun eine andere kulturelle Erinnerung umgeschrieben werden, an die wir gerade glauben wollten: Dass Angela Merkel kühl darüber wacht, dass es ordentlich weiter geht. Deshalb wird jetzt darauf bestanden, dass sie gefühlsduselig und wahnsinnig müde geworden sei.

Was diesem kulturellen Gerechtigkeitsgefühl völlig abgeht: Die dramatische globale Ungerechtigkeitszunahme durch den Klimawandel. Es ist erstaunlich, wie der politischste Linksliberale mit moralischem Überlegenheitsgestus ausgerechnet den Grünen vorwirft, sie hätten kein Gefühl für die drängende Frage der sozialen Gerechtigkeit. Man kann auch sagen: Sie selbst haben kein Gefühl für die Notwendigkeit der sozialökologischen Wende, also einer globalen Gerechtigkeitspolitik – weil dafür in der Willy-Woodstock-Kultur kein Bild gespeichert ist.

In Woodstock rief der dortige Schulz: „Wenn wir es uns nur ganz fest wünschen, dann können wir diesen Regen vielleicht stoppen.“ Und dann riefen alle: „No rain, no rain.“ Das war ein wunderschönes Gefühl.

Aber es regnete weiter.

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Chefreporter der taz, Kolumnist und Autor des Neo-Öko-Klassikers „Öko. Al Gore, der neue Kühlschrank und ich“ (Dumont). In seinem neuesten Buch „Autorität ist, wenn die Kinder durchgreifen“ (Ludwig) erzählt er das Drama der modernen Familie als Komödie. Sein Bruder ist der „Ökosex“-Kolumnist und -Rock'n'Roller Martin Unfried

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