Kolumne Die Frauenfußballversteher: Die schaffen das
Zusammen mit grünem Fanvolk schaut sich Jürgen Trittin in Kreuzberg das deutsche Spiel an. Nur selten verlässt ihn dabei die hanseatische Gelassenheit.
E s ist voll im Brauhaus Südstern. Rappelvoll. Das entscheidende Gruppenspiel der Deutschen zieht auch das Kreuzberger Politikpublikum in den Fußballbann. Die Grünen hatten zu einem Fußballabend mit dem Experten Jürgen Trittin geladen.
Doch wo bleibt der Experte? Schon knistert es vor der Leinwand: Einmarsch, Hymne, es kann losgehen. Erst kurz nach dem Anpfiff huscht der Polithüne im feinen Zwirn aus dem Nichts doch noch hinein in den Saal. Trittin winkt ein kurzes Hallo in die Runde, bestellt sich ein Bier, dann geht er in die Expertenhaltung: verschränkte Arme, konzentrierter Blick, starre Haltung.
Der erste richtige Torschuss löst die Anspannung erstmals im Brauhaus, auch Trittin klatscht. Nun gestikuliert er häufiger, mal ein zustimmendes Nicken, mal ein verärgertes Kopfschütteln, mehr Emotionen gibt es aber nicht. Typisch norddeutsch. Seit Geburt an sei er Fußballfan, bisher habe er jede Partie der Frauen verfolgt, so der Bremer. Glauben wir es ihm. Anzusehen war ihm der Fußballfan wahrlich nicht. Immerhin ein französischer Fehlschuss wird hämisch beklatscht – geht doch, Herr Trittin! Dann hält sich die Kommunikation wieder in Grenzen – der Experte schaut gebannt auf die Leinwand. Fast Kommentarlos. „Die Abwehr der Deutschen ist stärker heute, das System passt.“ Soso.
Das Führungstor von Garefrekes löst Jubel, Beifall, Leidenschaft aus, die zweite Bude von Grings verwandelt das Brauhaus endlich in ein Fußballstadion. Dann ist Pause. Die Halbzeitanalyse des grünen Rasenspielexperten: „Besser als erwartet.“ Wiederanpfiff. „Und jetzt noch mal so!“, gibt eine Frau lautstark die Marschroute vor. Der Anschlusstreffer versetzt das Publikum in eine Schockstarre, die erst mit dem verwandelten Elfmeter wieder aufgelöst wird.
Redakteur im WM-Team der taz.
Trittin klatscht lässig grinsend mit im Takt. Und gönnt sich das einzige Telefonat des Abends. Hier passiert nichts mehr. Oh doch. Kaum aufgelegt, haut sich der Experte auf die Stirn, das kann doch wohl nicht wahr sein – erneut der Anschlusstreffer. Niemand spricht, die Uhr tickt und die Kellnerinnen huschen leise durch die Tischreihen. Trittin hat keinen Kopf für Bier. Okoyino da Mbabi erlöst alle mit einem herrlichen Treffer. Aus, vorbei, Gruppensieg. Werden die Mädels nun Weltmeister, Herr Exminister? „Japan schlagen sie, und wenn sie im Finale sind, dann schaffen sie es!“
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