Kolumne Die Couchreporter

Eine neue Erzählung über Sucht

„Love“ erzählt eine ganz normale Liebesgeschichte. Doch die klischeelose Darstellung einer Suchtkranken macht die Serie sehenswert.

Gus und Micke stehen sich gegenüber und trinken Kaffee. Er legt seinen Finger vor seinen Mund, damit sie ruhig ist.

Ein ungleiches Paar: der Neurotiker Gus (Paul Rust) und die laute Mickey (Gilian Jacobs) Foto: Netflix

Love is dead. Zumindest die gleichnamige Netflix-Produktion – nach drei Staffeln wird die RomCom eingestellt. Die Geschichte ist schnell erzählt: Gus liebt Mickey und Mickey liebt Gus. Zumindest meistens. Während Mickey (Gilian Jacobs) als Radio-Produzentin arbeitet, versucht Gus (Paul Rust) sich als Drehbuchautor zu etablieren. Bis das gelingt, unterrichtet er superreiche Kinderschauspieler*innen am Set. Aus weiblicher und männlicher Perspektive sehen wir, wie Dating, Arbeit und das Leben in Los Angeles heutzutage funktionieren. Zumindest wenn man Anfang 30, weiß und hetero ist.

Die Miniserie, produziert von Judd Apatow („Girls“), zeigt das mehr oder minder langweilige Leben der weißen Mittelschicht, das sowieso schon den ganzen Tag im Fernsehen läuft. Doch belässt man es bei dieser Zusammenfassung, wird man der Serie nicht gerecht; die scheinbare Belanglosigkeit wird immer wieder mit subtilen Witzen und überraschenden Narrativen gebrochen.

Mickey ist alkohol-, drogen-, liebes- und sexsüchtig. Doch in „Love“ wird das Thema Sucht klischeefrei erzählt. In der ersten Staffel sehen die Zuschauer*innen, wie Mickey versucht, trocken zu bleiben. Sie dekoriert ihr Wohnzimmer um, masturbiert, liest und trinkt grüne Smoothies. Alles, was sie davon abhält, einen Drink oder eine Pille zu nehmen. In ihren Treffen bei den Anonymen Alkoholikern behauptet Mickey, trocken zu sein, kurz darauf stellt sie im Auto ihre App auf „null Tage trocken“. Doch die 32-Jährige erreicht nie den Tiefpunkt.

Ein Narrativ ohne Stereotype

Wenn Film und Fernsehen suchtkranke Menschen zeigen, sehen die Zuschauer*innen meist einen alten, verbitterten Mann, der den ganzen Tag einsam, nur mit seiner Schnapsflasche in der Hand, vor dem Fernseher sitzt. „Love“ schafft es hier, ein Narrativ fernab von Stereotypen zu schaffen. Mickey wohnt in einer hippen Wohnung, hat ein stabiles soziales Umfeld und muss „trotzdem“ gegen ihre Süchte ankämpfen. Immer wieder führen diese zu Beziehungsproblemen zwischen den beiden Millennials, die doch einfach nur glücklich sein wollen.

Dabei reißt die Serie spannende Fragen an. Könnte Mickey trotz des immer möglichen Rückfalls eine verantwortungsvolle Mutter sein? Solche Szenen sind es, die die Serie von den sonstigen Er-liebt-sie-er-liebt-sie-nicht-Geschichten abhebt und die noch weitererzählt werden hätten können. Dass die Serie jetzt endet, ist schade. Diese auf den ersten Blick so belanglose Liebesgeschichte hat das Potenzial, uns alte, bekannte Geschichten neu zu erzählen.

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Redakteurin für Gesellschaft und Medien, Schwerpunktthemen: Feminismus, Netzpolitik, Popkultur, seit 2017 bei der taz

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