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Klöckners Kurzbesuch in GazaMit beschränkter Perspektive

Die Bundestagspräsidentin bekommt von der israelischen Armee einen kleinen Ausschnitt von Gaza präsentiert. Die palästinensische Perspektive fehlte.

Was sieht sie? Julia Klöckner (CDU) am Donnerstag auf Kurzbesuch in Gaza Foto: Xander Heinl/Deutscher Bundestag/picture alliance
Felix Wellisch

Aus Tel Aviv

Felix Wellisch

Zum Abschluss ihres Israel-Besuchs ist Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU) am Donnerstag eine politisch und diplomatisch umstrittene Überraschung gelungen: Als erste europäische Spitzenpolitikerin seit dem Hamas-Überfall auf Israel vor knapp zweieinhalb Jahren besuchte sie im Rahmen ihrer Israel-Reise den israelisch kontrollierten Teil des Gazastreifens – unter Ausschluss der Presse und geführt von der israelischen Armee. Über den Besuch war im Vorfeld spekuliert worden. Diplomaten sollen abgeraten haben, hieß es laut Medienberichten.

Klöckner begrüßte, dass Israel damit erstmals einer parlamentarischen Beobachterin Zugang gewährt habe, wenngleich sie bei dem rund einstündigen Besuch kaum Neues gesehen haben dürfte. Die israelische Armee organisiert solche „Embeds“ in begrenztem Ausmaß und für ausgewählte Medien regelmäßig. Zahlreiche internationale Journalisten haben nach ähnlichen Besuchen bemängelt, lediglich ein sorgfältig von Israels Armee orchestriertes Bild präsentiert bekommen zu haben. Ihr sei bewusst, dass sie nur einen kleinen Teil der Realität zu sehen bekomme, sagte die CDU-Politikerin.

Entsprechend kritisch wurde Klöckners Gaza-Stippvisite dann auch kommentiert: Der außenpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Adis Ahmetovic, kritisierte, dass Klöckner die palästinensische Perspektive nicht gehört habe. Das sende ein „eklatantes Signal“. Auch die Grünen-Vorsitzende Franziska Brantner sagte, Klöckner müsse sich den Vorwurf gefallen lassen, „die Wirklichkeit in dieser Region nur einseitig wahrnehmen zu wollen“. Die Linken-Außenpolitikerin Lea Reisner sagte, so verleihe man „einer rechtsradikalen Regierung Legitimität“.

Beschränkt auf die „Gelbe Zone“

Die Fahrt beschränkte sich auf die sogenannte „Gelbe Zone“, die etwas mehr als die Hälfte des Küstenstreifens umfasst und von israelischen Soldaten kontrolliert wird. Die meisten der rund zwei Millionen palästinensischen Bewohner mussten dieses Gebiet verlassen. Systematisch wurden dort seitdem Tausende Gebäude zerstört. Entlang der gelben Trennlinie zum bewohnten Teil des Gazastreifens werden immer wieder Menschen, darunter auch Kinder, erschossen. Seit dem Beginn der brüchigen Waffenruhe im Oktober 2025 wurden bei israelischen Angriffen mehr als 500 Palästinenser getötet.

Klöckner dürfte bei dem rund einstündigen Besuch kaum Neues gesehen haben

Dennoch verwehrt die israelische Regierung weiterhin den unabhängigen Zugang für internationale Medien. Die CDU-Politikerin appellierte an die israelische Führung, den Weg der Öffnung weiterzugehen. „Transparente Lagebilder stärken Vertrauen“, sagte sie.

Doch die israelische Führung ließ nicht nur keine Presse während Klöckners Besuch zu, sie macht auch sonst bisher keine Anstalten, internationale Journalisten in naher Zukunft wieder regulär als unabhängige Pressevertreter nach Gaza einreisen zu lassen. Erst im Januar hatte ein Regierungssprecher vor dem Obersten Gericht erklärt, Journalisten könnten die israelischen Soldaten gefährden, ohne dieses Risiko öffentlich auszuführen. Das Gericht vertagte daraufhin eine Entscheidung über eine Petition des Verbands der Auslandspresse (FPA) erneut.

Wo bleibt die palästinensische Perspektive?

Dass Klöckner mehr als eine „parlamentarische Beobachterin“ ist, hat sie selbst während ihres insgesamt dreitägigen Besuchs in der Region mehrfach klargestellt. Sie komme vor allem als „Freundin Israels“, das schließe eine „kritische Begleitung nicht aus“. Die aber, so bemängeln Kritiker, hätte auch Treffen mit Vertretern der palästinensischen Seite erfordert, die nicht auf dem Programm standen. Auch ein Besuch im Westjordanland, über das die israelische Regierung entgegen ihrer völkerrechtlichen Verpflichtungen künftig die Kontrolle deutlich ausweiten will, war nicht geplant.

Noch immer kommen laut Hilfsorganisationen zu wenig Hilfsgüter nach Gaza. Israel verlangt zudem von mehreren internationalen NGOs wie „Ärzte ohne Grenzen“, bis Ende Februar ihre Arbeit einzustellen. Jenseits der „Gelben Linie“ kontrolliert die radikalislamische Hamas weiterhin einen Großteil des Gebietes und zeigt bisher keine Bereitschaft, ihre Waffen abzugeben. Mitunter kommt es zu Angriffen auf israelische Soldaten. Klöckner sprach sich für weitere Schritte im Friedensprozess aus und forderte, die temporäre Demarkationslinie dürfe nicht „zu einer dauerhaften Barriere werden“.

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11 Kommentare

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  • Ich finde, Julia Klöckner hat genau das Richtige getan! Die zweithöchste Repräsentantin Deutschlands hat ein auf furchtbarste Weise angegriffenes befreundetes Land besucht. Sie ist keine Richterin und muss nicht ausgewogen agieren.

    • @grannus:

      Wenn sie in ihrer Rolle als CDU-Mitglied gefahren wäre, wäre das sozusagen ihre Privatsache. Ist sie aber nicht. Sie hat sich etwas angemaßt, was ihr nicht zusteht.

      Zu den Aufgaben eines/einer Bundestagspräsident*in:

      "Der Bundestagspräsident repräsentiert den Bundestag und damit die Legislative. Protokollarisch bekleidet er nach dem Bundespräsidenten das zweithöchste Amt im Staat – vor dem Bundeskanzler und dem Bundesratspräsidenten. Seine Aufgaben beschreibt die Geschäftsordnung des Bundestages: „Der Präsident vertritt den Bundestag und regelt seine Geschäfte. Er wahrt die Würde und die Rechte des Bundestages, fördert seine Arbeiten, leitet die Verhandlungen gerecht und unparteiisch und wahrt die Ordnung im Hause.“

      Quelle: www.bundestag.de/p...idium/funktion_neu

      Mit anderen Worten: Sie ist eine hohe Verwaltungsangestellte.

  • Der Besuch von Frau Klöckner im Gaza-Streifen veranschaulicht ihre Politik und die ihrer Partei auf erschreckende Weise. Metaphorisch ausgedrückt: es ist die Politik der drei Affen. 🙈 🙉 🙊

  • Wie viel Prozent der Hilfsgüter reißen sich eigentlich die Hamas unter den Nagel?



    Ich habe mal eine Zahl von 90 % gehört, keine Ahnung, das ob das stimmt.



    Gibt es da Quellen?

    • @Peter Schütt:

      Ich kann Sie beruhigen, es ist nicht so und googeln erlaubt auch Ihnen, das zu überprufen. Dieses 90% Gerücht findet man u.a. bei Fox News. Es gibt zuverlässliche Quellen, die genau das Gegenteil behaupten, sogar die IDF sagt es laut NYT (www.nytimes.com/20...un-aid-theft.html) und US amerikanische Behörden sagen auch, dass Hamas nicht nennenswert, wenn überhaupt, raubt (www.reuters.com/wo...a-aid-2025-07-25/). In 2025 wurden Konvois öfters ausgeraubt, das waren aber meistens von der IDF unterstützte Gangs (www.theguardian.co...za-historian-says). Ihre Angabe, dass sich Hamas Hilfsgüter unter den Nagel reisse, wurde sogar schon einmal bei Lanz widerlegt. Aber Vorurteile scheinen doch in Deutschland sehr hartnäckig zu sein, selbst wenn man sie mit einfachem googeln widerlegen kann, aber es passt sooo schön in die erwünschte Stimmungslage.

    • @Peter Schütt:

      Die Quellen sind widersprüchlich, weshalb ich Zahlen wie die von Ihnen angegebenen gegenüber ausgesprochen skeptisch wäre.



      Vor allem legitimiert das nicht Israels weiterhin äußerst restriktive Politik, was die Verteilung von Hilfsgütern an die notleidende Bevölkerung des Gazastreifens angeht.



      Israel will keine Zeugen, weder Journalist*innen noch Ärzt*innen noch Hilfsorganisationen, die nicht in irgendeiner Weise "embedded" sind. Und Frau Klöckner unterstützt das mit ihrer performativen Stippvisite in der gelben Zone.

  • Ich habe die Verlautbarungen von Frau Klöckner nach ihrem Besuch gesehen und würde ihr empfehlen, sich als Netanjahus Regierungssprecherin zu bewerben.



    Als Bundestagspräsidentin ist sie ungeeignet, was sie mit diesem Auftritt einmal mehr eindrucksvoll bestätigt hat.



    Ich halte sie weder für dumm noch naiv, weshalb ich ihr nicht einmal mildernde Umstände zubilligen kann.

    • @Klabauta:

      Haben Sie den Artikel gelesen? Da steht nämlich, dass unabhängige Journalisten immer noch nicht in den Gazastreifen dürfen. Allerdings lässt sich unabhängig nachvollziehen, was die Israelis in den Gazastreifen reinlassen und dann durch 2.000.000 dividieren. Das ist extrem wenig - egal, ob Kriminelle etwas abzweigen oder nicht.

      • @Aloisia:

        Ich verstehe Ihre Antwort nicht. Ich habe in meinem Post um 11:13 Uhr geschrieben, dass Journalisten nicht in den Gazastreifen dürfen. Kann es sein, dass Ihre Antwort sich an @Peter Schütt richtet?

    • @Klabauta:

      Als Bundestagspräsidentin ist sie ungeeignet, was sie mit diesem Auftritt einmal mehr eindrucksvoll bestätigt hat."



      /



      Zumindest ist sie in der Pole-Position im Casting, wenn es darum geht, Bilder zu erzeugen, die sie in Szene setzen und ins "rechte Licht" rücken.



      Das ist nicht zu unterschätzen.



      Kritische Äußerungen zum Vorgehen Israels in Gaza erwartet wohl niemand von ihr.

  • Es gab früher einmal den Werbespruch " Der Tag geht, Johnny Walker kommt" für einen drittklassigen Whisky. Irgendwie kam mir durch den Kopf " MSF geht, Klöckner kommt". Ihre Stellungnahme auf X ist angesichts des Elends einfach bundesbürgerlich obzön.