Klimaprotest in der Hitzewelle: Im Supermarkt gegen die Klimakrise
Trotz des Hitzesommers sind Massenproteste der Klimabewegung bisher ausgeblieben. Dabei protestieren die Aktivist:innen weiter – gegen SUVs und Wasserdiebstahl.
Foto: Frank Hammerschmidt/dpa
Die Auswirkungen der Klimakrise werden in diesem Hitzesommer immer konkreter spürbar. Am Dienstag teilte das Brandenburger Landesumweltministerium mit, aufgrund des Niedrigwasser der Spree müssten gemäß der zweiten Stufe eines Notfallplans einige Schleusen im Spreewald geschlossen werden, um einen Mindestpegel in Richtung Berlin zu halten. Es sei damit zu rechnen, dass das Paddeln im Spreewald nur eingeschränkt möglich ist – mit welchen Folgen ansonsten für das Biosphärenreservat zu rechnen ist, führte das Ministerium nicht aus. Grund für die Wasserknappheit seien die hohen Temperaturen und der zu geringe Niederschlag.
Darüber hinaus wurden in Brandenburg schon seit Längerem in zahlreichen Landkreisen Wasserentnahmebeschränkungen erlassen, die das private Abpumpen von Oberflächenwasser verbieten, etwa fürs Bewässern von Pflanzen oder Befüllen von Swimmingpools. Derweil teilt das Robert Koch-Institut (RKI) mit, die Zahl der Hitzetoten in Brandenburg und Berlin liege in diesem Jahr deutlich über den Zahlen der vergangenen Jahre. Deutschlandweit rechnet das RKI in diesem Sommer bisher mit über 12.000 hitzebedingten Toten.
Und trotzdem: Massenproteste hat es bisher noch nicht gegeben. Als vor zwei Wochen Fridays for Future zu einem spontanen Protest vor dem Bundeskanzleramt aufgerufen hat, kamen jedenfalls kaum 300 Menschen. In deutschen Medien wird deshalb aktuell gerne gefragt, wo denn nun die Klimabewegung sei. „Kann es sein, dass die Klimabewegung es sich selbst versaut hat mit dem Mainstream, durch zu viel Festkleben im Berufsverkehr?“, fragte da etwa die Süddeutsche Zeitung – und rief damit zuletzt viel Widerspruch in der Bewegung hervor.
Carla Hinrichs, Aktivistin der inzwischen aufgelösten Protestgruppe Letzte Generation, die für genau solche Protestaktionen stand, sagte etwa, die Klimabewegung sei von den Medien „verunglimpft, kriminalisiert und durch den Dreck gezogen“ worden. Auch die Aktivistin Luisa Neubauer sagte, die Schuld für die inzwischen abgeebbten Proteste gegen die Klimakrise nun bei der Bewegung zu suchen, statt bei den Politiker:innen, die diese laufen lassen, sei eine „Beleidigung für alle Menschen in diesem Land, die sich seit Jahren ehrenamtlich engagieren“.
SUVs unschädlich gemacht
Tatsächlich kann man der Klimabewegung überhaupt nicht vorwerfen, in der Hitzekrise untätig zu sein. Erst in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch haben etwa Aktivist:innen des Widerstands-Kollektivs, einer Nachfolgeaktion der Letzten Generation, in Charlottenburg nach eigenen Angaben etwa 20 SUVs stillgelegt. Weil die Politik im Umgang mit der Klimakrise versage, habe man sich entschieden, „selbst Hand anzulegen“, hieß es laut den Aktivist:innen auf Zetteln, die in die Windschutzscheiben der überdimensionierten Stadtwagen gehängt worden, denen mithilfe gefrorener Erbsen die Luft aus den Reifen gelassen wurde.
Leonie Ehlerding, Initiative Guter Grund
SUVs würden wegen ihres hohen Verbrauchs „Öl ins Feuer der Klimakatastrophe“ gießen, erklärte eine:r der Aktivist:innen in einer Mitteilung. Zudem würden die Großautos gerade im städtischen Raum viel Platz einnehmen. „Wenn diese Flächen entsiegelt und zum Beispiel mit Bäumen bepflanzt werden, dann würde das gerade in den heißen Sommermonaten die Straßen kühlen, Schatten spenden und die Luftqualität verbessern“, so die Aktivist:innen.
Einen anderen Schwerpunkt legen die Aktivist:innen einer neuen Protestkampagne namens Guter Grund. Auf Videos ist zu sehen, wie die Aktivist:innen in Supermärkten Getränkeregale mit rotem Absperrband und Zetteln überkleben, auf denen auf die Millionenprofite hingewiesen wird, die Konzerne in der Wasserkrise machen. Am Dienstag und Mittwoch war die Gruppe in Neukölln unterwegs. Bereits am ersten Augustwochenende waren Aktivist:innen bei vergleichbaren Aktionen von der Polizei festgenommen worden.
Red Bull pumpt in Baruth
Mit ihren Aktionen wolle man die Verfügbarkeit von Wasser zur Klassenfrage erklären, sagte Pressesprecher:in Leonie Ehlerding zur taz. Bei den gegenwärtigen historisch tiefen Wasserständen und Rekordtemperaturen stelle sich die Frage, wer noch Zugang zu Wasser besitzt. „Während die normalen Menschen zum Sparen aufgefordert werden, pumpen die Konzerne munter weiter“, so Ehlerding.
Konkret verweist Ehlerding etwa auf die Situation im brandenburgischen Baruth, wo der Energydrink-Konzern Red Bull jährlich etwa 2,35 Millionen Kubikmeter Grundwasser entnehmen darf – das sind 92 Prozent der Wassermenge, die dem Ort insgesamt zur Verfügung stellen. In Brandenburg bezahlen Konzerne für die Entnahme von 1.000 Litern Grundwasser lediglich zwischen 10 und 11,5 Cent. „Dieses Wasser entnehmen Konzerne wie Red Bull, aber auch herkömmliche Sprudelwassermarken – und dann verkaufen die Konzerne uns ihre Getränke auch noch zurück“, so Ehlerding.
Die Gruppe stört auch die Geheimhaltung der Verträge, in denen das Recht auf Wasserentnahme geregelt ist. Aktuell würde deshalb versucht, die genauen Inhalte des Wasservertrags in Baruth freizuklagen. Zudem würden die Genehmigungen häufig auf stark veralteten Daten basieren. In Baruth etwa basierten die Wasserrechte von Red Bull auf einem Gutachten von 2006, dessen Daten wiederum aus den Jahren 1981 bis 1999 stammen.
Wieder andere Aktivist:innen haben indes aufgegeben, die aus ihren Augen offensichtlich unwillige Politik zum Handeln zu bewegen – und bereiten sich deshalb, wie kürzlich auf dem „Kollapscamp“ bei Wittstock/Dosse im Norden Brandenburgs, auf die Katastrophe vor. Statt danach zu fragen, wo die Klimabewegung ist, sollte deshalb vielleicht eher nachgeforscht werden, warum viele Menschen nicht mehr glauben, dass ihr Protest etwas verändern kann. Das aber hat vermutlich wohl eher etwas mit der Politik zu tun, als mit der Klimabewegung.
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