Klimakrise bedroht Meere: Zu viel Co2 macht Ozeane sauer
Klimaschützer*innen warnen vor der fortschreitenden Versauerung der Ozeane. Der pH-Wert der Meere beeinflusst die Artenvielfalt.

Nicht nur verkleidete Hexen und Geister werden diese Woche wieder mit „Saurem“ drohen, wenn sie nichts „Süßes“ bekommen: Während Regierungen und Wissenschaftler*innen auf der 16. Artenschutzkonferenz im kolumbianischen Cali zusammenkommen, warnen Meeresforscher*innen vor einer „besonders vernachlässigten“ Bedrohung für die marine Biodiversität: der Versauerung der Meere.
Denn die menschengemachten CO₂-Emissionen sind nicht nur schädlich fürs Klima: Gut ein Viertel landet nicht in der Atmosphäre, sondern wird von den Meeren aufgenommen. Damit sind die Ozeane wahre Klimaschützer. Doch das CO₂ reagiere mit dem Meerwasser zu Kohlensäure, „was den Säuregehalt des Ozeans kontinuierlich erhöht“, erklärt Sabine Mathesius, Erdsystemforscherin vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK).
Mathesius ist Co-Autorin des kürzlich erschienenen „planetaren Gesundheitschecks“ des PIK, nach welchem die Ozeanversauerung die siebte von neun planetaren Grenzen sei, die wohl bald überschritten werde. Der pH-Wert des Meerwassers ist laut dem Meeresforschungsinstitut Geomar seit der vorindustriellen Zeit von 8,2 auf 8,1 gesunken. Das klingt wenig – aber die pH-Skala ist logarithmisch, der Säuregehalt hat um etwa 30 Prozent zugenommen.
Betroffen seien vor allem Organismen wie Schnecken, Muscheln oder Korallen, „da sie für den Aufbau ihrer Kalkschalen oder Kalkskelette Karbonat-Ionen benötigen, die durch die Versauerung gebunden werden und somit weniger verfügbar sind“, so die Erdsystemforscherin. Bei vulnerablen Spezies seien jetzt schon Schäden oder Beeinträchtigungen zu beobachten, „sodass nun untersucht wird, ob die planetare Grenze möglicherweise schon überschritten wurde“, fügt sie hinzu. Insbesondere in Kombination mit anderen vom Menschen verursachten Veränderungen wie der Erwärmung, Überfischung und Verschmutzung kann die Ozeanversauerung zu einem Verlust von Biodiversität führen.
Mehr Forschung nötig
„Trotz der großen Bedrohung für die marinen Ökosysteme haben nur 13 von 195 Ländern nationale Aktionspläne gegen die Versauerung der Meere entwickelt“, kritisiert Steve Widdicombe, Meeresbiologe und wissenschaftlicher Direktor der britischen Meeresforschungsorganisation Plymouth Marine Laboratories, in einer Stellungnahme. Zwar wurde 2022 auf der 15. Artenschutzkonferenz in Montreal ein Abkommen mit 23 Zielen beschlossen, wovon eines die Minimierung der Effekte der Ozeanversauerung auf die marine Artenvielfalt umfasst – dennoch würde zu wenig getan, findet er.
Ein Grund dafür sei, so Widdicombe, dass es noch keine ausreichenden wissenschaftlichen Belege über den kausalen Zusammenhang zwischen Ozeanversauerung und dem Verlust der Artenvielfalt gebe. Daher fordert er gemeinsam mit anderen Meeresexpert*innen, dass die Forschung zu dem Thema stärker gefördert wird.
Auch Sabine Mathesius erhofft sich von der Artenschutzkonferenz, dass konkretere Maßnahmen durchgesetzt werden. Das Pariser Klimaabkommen und die damit einhergehende Verminderung der Treibhausgase sei zwar auch im Hinblick auf die Ozeanversauerung hilfreich, zusätzlich bedürfe es jedoch auch Regulierungen der Landwirtschaft, da Überdüngung in Küstenregionen ebenfalls den CO₂-Gehalt im Wasser erhöhe. „Für beide Ursachen der Ozeanversauerung, CO₂-Emissionen und Überdüngung, kennen wir bereits Lösungen – eine schnelle Umsetzung dieser Lösungen könnte viele zukünftige Ökosystemschäden verhindern“, so Mathesius.
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